Der Mann im SS-Mantel hüpft mit einem Luftballon in der Hand über die Bühne. Eine blonde Frau reißt sich die Perücke vom Kopf. Ein Mädchen sitzt mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne. Ein Chor aus Kindern in Schuluniform setzt sich starre Puppenmasken auf und bewegt sich gespenstisch hin und her. Ein mit obskuren Symbolen beschmierter Zombie wandelt kopfüber und spinnenhaft durch die Alpträume des Diktators. Jemand greift sich eine Hand voll Dreck und wirft ihn nach vorne, es fliegt bis ins Publikum. Ein lautes Fliegensurren ertönt minutenlang und nervenzerfetzend über die Lautsprecher, während eine Seherfigur auf Stelzen und mit einer schwarzen Gasmaske bekleidet kryptischen Rat von sich gibt. Kameras vermischen all diese Eindrücke kaleidoskopartig in ein auf Vorhänge, Wände, Körper projiziertes Mosaik, einen Wirbelwind von Farben und Gesichtern. Das Schlussbild: zwei blutbeschmierte, halb nackte, halb in Tüll gewickelte Tote liegen umschlungen auf dem Boden, um sie herum Blumenerde. Die Lichter gehen an, die zahlreichen Schauspieler wickeln sich in Bademäntel, während langsam der Applaus verebbt. Und da sitzen sie – die Schüler der Klasse 10b, in der ersten Reihe des Badischen Staatstheaters, und fragen sich, was mit Antigone abgeht.

Nachdem wir das berühmte Theaterstück des Sophokles wochenlang im Unterricht zerlegt, analysiert und durchgekaut hatten, machten wir schließlich als gesamte Klasse einen Theaterausflug, um die Antigone einmal live zu sehen. Aus den vielen Adjektiven, die Anna Bergmanns Inszenierung zugeordnet werden können – modern, obszön, skurril, grotesk, verstörend, unverhüllt – ist das ehrlichste und direkteste vermutlich das schlichte, doch ambivalente interessant.

Die Vorstellung war ein eigener Mikrokosmos, in dem beim besten Willen nicht mehr viel vom Original zu erkennen war: Die Kleidung (sofern vorhanden) und das Bühnenbild waren alles andere als antik und von Anspielung auf alles vom 2. Weltkrieg bis zu japanischen Horrorfilmen geprägt, die Dialoge waren gekürzt und die Handlung gegen Ende sogar völlig abgeändert – so stirbt zum Beispiel Kreon, der (Spoiler Alert) im Original die Tragödie doch überhaupt erst durch sein Überleben und die darauf folgende Realisation seiner Schuld am Tod seiner Familie prägt, während seine Frau Eurydike spontan überlebt und halbherzig Teile seiner Rolle übernimmt. War das fresh und neuartig? Ja. Aber war es sinnvoll oder nötig? Eher nicht…

Der verzerrte Handlungsablauf gefährdet den ursprünglichen Zweck der Tragödie, die die Folgen der Hybris eines Diktators präsentieren soll, der den Staat als Priorität so sehr über die Familie stellt, dass er am Ende ganz ohne eine solche dasteht. Da ist es durchaus hinderlich, dass sich zwischendurch plötzlich ein ursprünglich der Handlung weitgehend irrelevanter Wächter dafür entschließt, sich als eine Art gutes Gewissen beziehungsweise als das personifizierte göttliche Gleichgewicht selbstständig zu machen und Kreon doch einfach mit einem Stück Tüll zu strangulieren. Soll das ein weiterer gegenwartsrelevanter Appell an die Menschen in Diktaturen sein, selbst für ihre Freiheit zu kämpfen? Wenn, dann ist er zwar prinzipiell berechtigt, aber schlecht platziert und ausgeführt.

Auch die Intendantin des Theaters betonte im Vorwort zur Vorstellung mehrfach, wie aktuell das Drama ebenjener Familie ist, die sich in der vierten Generation katastrophaler Existenzen, Flüchen und Inzest immer noch wundert, dass alles immer schief geht und man gegen Prophezeiungen generell wenig ausrichten kann. Aber natürlich wird im Angesicht des politischen Shitstorms, der den Planeten im Griff zu halten scheint, jedem literarischen Werk, das Diktatur als Konzept verurteilt – nein, irgendwie nicht so toll findet –, extrem viel aktuelle Bedeutung zugesprochen. Das ist verständlich, aber irgendwo ist es auch traurig, dass man erst Trump, Kim Jong Un, Erdogan, Putin etc. als kleine Spiegelbilder der fiktionalen Tyrannen braucht, um Theater und Bücherregale mit diktaturkritischen Werken zu füllen. Es erinnert an den NSA-Abhörskandal, nach dem als allererstes 1984 nach jahrelangen gleichen Verkaufszahlen in die Bestsellerlisten aufrutscht und sich auch sonst plötzlich alles um Überwachungsstaaten dreht. Die Themen werden ausgelutscht, bis der nächste Skandal um die Ecke kommt.

Natürlich sind diese Probleme wichtig und ich rege mich selbst gerne Stunden über Trumps neuste Taten auf – aber manchmal wünsche ich mir dann schon, Antigone ansehen zu können, ohne eine als Melania Trump verkleidete Eurydike präsentiert zu bekommen. Der Vergleich ist plump, und in den knappen 60 Seiten der Antigone wäre sehr viel mehr relevanter gesellschaftskritischer Stoff zu finden als nur der, der gerade perfekt in den Aufruhr der Masse passt.

Nehmen wir zum Beispiel die Thematik der Ungleichheit der Geschlechter in Antigone, mit einer Ismene, die sich dem sie selbst unterdrückenden System beugen will, während sich die Hauptcharakterin gegen jene Normen durchsetzt… oder die Trennung von Glauben beziehungsweise Familiengesetz und dem Staat, die hier so schief läuft, dass man sie ohne weiteres als eine Art negatives Vorbild für moderne laizistische Regierungen darstellen könnte, da hier nicht zwischen göttlichem Gesetz und allgemeinem menschlichen Anstand differenziert wird.

Als Schlussfolgerung: mir persönlich fehlen neue Einfälle auf thematischer Ebene. Es wurde in diesem Stück zu viel Wert auf (durchaus sehr eindrucksvolle) Ästhetik gelegt, und ein Transfer in moderne Zusammenhänge ist nur begrenzt gelungen.

Das eigenwillige Bühnenbild passt – zumindest auf den ersten Blick – dagegen exzellent zu der gewagten Inszenierung. Es wurde verstärkt auf die Arbeit mit visuellen Motiven gesetzt, zum Beispiel das Ehemotiv wurde sehr interessant in der omnipräsenten Nutzung von Tüll in Verbindung mit Gewalt verwirklicht. Auch an den Fähigkeiten der einzelnen Schauspieler findet man wenig zu meckern. So haben diese Faktoren die Aufführung doch in etwas Eindrucksvolles verwandelt.

Nach dem etwa anderthalb-stündigen Spektakel traten wir schließlich ein wenig überfordert, belustigt und verstört aus dem Theater (Zitat: „Also, ich war ja nie psychisch angeknackst… jetzt bin ich‘s nur so ‘n bisschen.“). Was die allgemeine Meinung zu dieser Version des Stücks angeht, ist quasi keine auch nur ansatzweise einheitliche vorhanden; jeder ist ein bisschen hin- und hergerissen, was eine konkrete Beurteilung angeht. Besonders noch am Abend der Vorstellung war die Flut der vorangegangenen Sinneseindrücke unüberschaubar, während er am nächsten Tag schon ein wenig klarer schien.

Als Fazit daher: während die Ausführung von Kreativität und Talent gezeugt hat, waren in grundlegenden Angelegenheiten wie dem Plot heftige Fehltritte zu finden. Trotzdem war es – elaborierte Kritik bei Seite – wirklich lustig, einzigartig und vor allem herzlich wenig jugendfrei.

Die Busfahrt war mit einem Abstecher zu McDonalds dagegen ganzheitlich ein Erfolg.

 

 

 

 

 

 

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