Ein Kommentar zum Tag der deutschen Einheit

Alle Jahre wieder im Herbst beginnen die Diskussionen um Ost- und Westdeutschland.

In abendlichen Talkshows werden Professoren aus Hamburg und Stuttgart Start-Up-Gründern aus Magdeburg und Leipzig gegenübergesetzt.

Sie sollen über das sprechen, was uns noch immer in Ost und West teilt und es gilt, die „ostdeutsche  Mentalität“ zu verstehen. Gleichzeitig wird jedoch krampfartig die Einheit beider Seiten betont, getreu dem Motto „Was muss, das muss!“.

Diese Art von Dialog ist jedoch alles andere als zielführend.

Viel sinnvoller wäre es, die realen Probleme  in den neuen Bundesländern, wie Lohnungleichheit, Strukturschwäche und Bevölkerungsrückgang, zu analysieren und (aktiv!) aufzuarbeiten, anstatt dem Geist des „Ossis“ und „Wessis“ nachzujagen.

Die Frage der Mentalität sollte man meiner Meinung nach grundsätzlich anders angehen.

Es wird oft vergessen, dass Deutschland eine vergleichsweise junge Nation ist.

Vor nicht allzu langer Zeit glich sie eher einem Flickenteppich aus Kleinstaaten und Fürstentümern, als einem einzigen großen Staat. Die Grenzen haben sich etliche Male verschoben.

Das Deutschland, das wir heute kennen, wird gerade einmal 30 Jahre alt.

Die DDR-Diktatur hat zweifellos ihre Spuren hinterlassen. Sie wirken bis heute nach und zeigen sich in zahlreichen auf Karten projizierten Statistiken, aber auch im Missmut vieler Bewohner der neuen Bundesländer, die sich oftmals berechtigt als Bürger zweiter Klasse fühlen. Es gibt dahingehend noch viel zu tun.

Dennoch wäre es fatal, Deutschland auf „den Osten“ und „den Westen“ zu reduzieren.

Noch fataler wäre es, einer „einheitlichen“ deutschen Identität wegen unsere Regionalität aufzugeben. Dieses Ideal des „Deutschseins“  ist nicht nur utopisch, sondern meines Erachtens nach auch keineswegs wünschenswert.

Unzählige Male haben mir Besucher, Zugezogene, aber auch Einheimische erzählt, wie unglaublich attraktiv Deutschland durch die kulturelle Vielfalt der unterschiedlichen Regionen für sie ist.

Unsere Lage im Herzen Europas ist eine besondere. Jede Ecke der Republik wurde von Nachbarländern oder umliegenden Regionen geprägt.

Von der schwäbischen  Alb zu den Sorben in Sachsen, vom bayerischen „Millionendorf“ München bis ins Ostfriesland: Wir sind alle anders und doch irgendwie eins.

Toleranz ist das Stichwort, denn wie will ein Land, das nicht einmal seine eigene identitäre Vielfalt zu schätzen weiß, Kulturen aus anderen Ecken der Welt mit offenen Armen willkommen heißen?

Andersherum gedacht: Vielleicht gelingt es Deutschland gerade deshalb vergleichsweise gut, Zugezogenen und Menschen in Not ein neues Zuhause zu bieten, weil wir uns seit Jahrhunderten gegenseitig aushalten und miteinander umgehen mussten und gelernt haben, genau das zu tun.

Man kann sich die äußeren Umstände eben nicht immer aussuchen. Das ist auf persönlicher Ebene so und auch in einer Demokratie. Aber man hat immer die Möglichkeit, das beste aus dem zu machen, was einem in den Weg gelegt wird und nach vorne zu schauen.

Unser Land kann prinzipiell wie eine Patchworkfamilie funktionieren.

Man stelle sich die alten Bundesländer wie eine Familie vor, die Kinder adoptiert bzw. den Kreis erweitert. Bayern und Baden-Württemberg fungieren hierbei als eine Art Elternpaar, das eine gewisse Verantwortung trägt, seine Schützlinge ausreichend zu versorgen.

Denn auch wenn das Hauptaugenmerk darauf liegt, die „Neuen“ zu integrieren, haben es nicht alle der „leiblichen“ Kinder leicht, denn sie müssen lernen zu teilen (Stichwort Solidaritätszuschlag), während sie mitunter eigene Probleme zu bewältigen haben. Es ist also alles andere als leicht und es braucht Zeit, bis man sich eingelebt und zusammengefunden hat.

Die Voraussetzung einer solchen Familie ist nicht, schon immer dazugehört zu haben, sondern bereit zu sein, ein respektvolles Miteinander gestalten zu wollen, Unterschiede zu akzeptieren und wertzuschätzen und trotzdem aufeinander achtzugeben, sowie Hilfe denen anzubieten, die sie benötigen.

Der vielleicht wichtigste Aspekt dieses Patchwork-Prinzip ist aber vielleicht:

Es ist trotz signifikanter Unterschiede sehr gut möglich, ein glückliches, gemeinsames Leben führen.

Manche Differenzen werden nie verschwinden, aber das muss keineswegs etwas Schlechtes sein. Vielleicht sollten wir uns also alle ein bisschen lockerer machen und den Zwang abschütteln, Deutschland zu etwas zu machen, was es nicht ist, nie war und hoffentlich nie sein wird: ein „homogener“ Staat, an dem der Stempel „deutsch“ haftet wie eine Pflicht, die man zu erfüllen hat.

– Clara Pfister

Ein Kommentar

  1. Werte Clara,

    das Deutschland, wie wir es heute kennen, hat sich in der vergangenen Zeit seit dem Ende des Kaiserreichs gewiss rasant verändert. Wir haben Erfahrung mit zwei verschieden autoritären Regimen gemacht. Wir wissen auch, dass es eine schwache Demokratie war, die Einzelnen den Weg zu ihrer Macht geebnet hat.

    Deshalb gibt es bei allen kulturellen Bereicherungen und bei aller Vielfalt doch Angelegenheiten, auf die wir uns alle verlassen können sollten. Nicht erst die Inzidenzkarte über Corona-Fälle des Robert-Koch-Institutes zeigt in roter Farbe, dass es nicht nur kulturelle Feinheiten sind, in denen sich die „neuen“ Bundesländer von „alten“ abheben: eine geringere Wirtschaftsleistung, eine dünnere Besiedlung, niedrigere Löhne bei gleicher Tätigkeit, eine höhere Politikverdrossenheit und daraus folgend eine höhere Tendenz zu politischen Extremen sind erst der Anfang. Der Konflikt gipfelt in Unverständnis der „alten“ Bundesländer für die über Verschiedenheiten aufgebrachten „Ossis“.
    Man tut gut daran, sie als „Wutbürger“ zu verunglimpflichen – „alles Nazis“.

    Mit dem Grundgesetz 1949 und spätestens mit dem 3. Oktober 1990 haben wir uns aber auf gemeinsame Grenzen und eine gemeinsame Verantwortung füreinander geeinigt. Über den Flickenteppich sind wir also lange hinweg.

    Heute aber von einer Einheit zu sprechen ist nach wie vor sehr schwer. Die strukturellen Unterschiede (um nicht von noch nicht von Nachteilen zu sprechen) auf den Flickenteppich der Fürstentümer vor 150 Jahren zurückzuführen ist schlicht anmaßend.

    Obwohl der Soli abgeschafft werden soll, bleibt noch viel zu tun. Die weiteren Herausforderungen, die das 21. Jahrhundert für die Bundesrepublik bereit hält, meistern wir nur Seite an Seite – in Einheit – mit den „neuen“ Bundesländern. Das sind wir uns auch einander schuldig.

    Die erste Mammutaufgabe wird es sein, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden der Coronapandemie abzufedern. Vielleicht gibt uns das auch Gelegenheit, zuvor nicht anerkannte Probleme tatsächlich aufzuarbeiten, wie Du es sagst, liebe Clara.

    Aber wer ist dafür verantwortlich? Die politische „Elite“? Nein, denn die gibt es nicht. Personen mit einem politischen Mandat vielleicht eher. Träger der Verantwortung ist aber vorrangig jeder und jede einzelne in den „neunen“ wie den „alten“ Bundesländern. Denn diese Menschen sind es, die politische Mandate verteilen.

    Aber nicht nur die, die Anspruch auf einen Stimmzettel haben, verändern die Welt. Jeder und jede, der oder die sich öffentlich äußert, trägt diese Verantwortung – ob er oder sie will, oder nicht.
    Sind wir uns dieser Verantworung bewusst?

    Mit ausgezeichneter Hochachtung

    [anon]

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