„Hättest du Lust, kurz an einer Umfrage für den Farbfleck teilzunehmen?“ „Aber nichts Politisches, oder?“ Man hat es nicht immer leicht beim Farbfleck. Denn von der Quantenfeldtheorie über Faust bis zur aktuellen Staffel „Auf Streife“ ist eigentlich alles mit Regelmäßigkeit Thema an den Tischen der Mensa – und dennoch erntet das Aufbringen von Politik meist ein Stöhnen.

 

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Umfrageergebnis LGH gesamt, Angaben in % gerundet

 

Wieso schafft es das mit elementarste Gebiet unserer Gesellschaft, der Staat an sich, nicht zu vollbringen, was lange Formeln zur Beschreibung kleiner Dinge, die noch nicht einmal Herr Schachner WIRKLICH kennt, können? Auf die Frage, wen sie bei der anstehenden Bundestagswahl wählen würden, antworten mir von den 64 an sich motivierten Schülern 30% mit einem Schulterzucken und „Keine Ahnung“ – und das berücksichtigt noch nicht gut jeden dritten Schüler, der bei „Bundestagswahl“ schon in eine andere Richtung läuft und sich komplett aus der Statistik nimmt.

Das lässt sich sicher zu einem Teil auf schlichtes Desinteresse zurückführen – zu einem anderen, nicht unwesentlichen Teil jedoch auch auf die Einheitlichkeit insbesondere Kanzlerkandidaten. Das Verhältnis von anerkennendem Nicken zu hochgezogenen Augenbrauen war spätestens im TV-Duell schlicht zu groß. Dabei sind die Parteiprogramme für alle, die nicht zur Gruppe „Ich hab‘ eigentlich nur das FDP Programm gesehen – und nichts davon verstanden“ gehören, durchaus unterscheidba

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Umfrageergebnis Unterstufe, Angaben in % gerundet

r. Doch die Kandidaten erhalten wenig Chance, eben diese Unterschiede klar zu präsentieren, nicht zuletzt dank Moderationen, die Ilz relativ zu einigem qualifizieren.

Doch die restlichen Prozent sollten nicht vergessen werden – zumindest hat Mutti (wenn auch bedingt vieles Richtig) wenigstens nichts drastisch falschgemacht. Bei dem klaren Übergewicht an Leistungsgedanken überraschen die recht guten Werte der CDU in allen Stufen kaum. Fataler zeigt sich vielmehr der direkte Konkurrent: Unter den Unter- und Mittelstüflern zeigt sich die SPD nicht einmal existent. Auch in der Oberstufe schafft sie es auf nicht mehr als 6%. Das LGH zumindest ist vom Schulz-Hype unbeeindruckt geblieben.

Siegreich können eigentlich nur zwei Parteien betrachtet werden: die FDP und Die Grünen. Gleichauf mit der CDU, wenn auch nur in der Unterstufe, dennoch beeindruckend, was eine neue Farbpalette und ein Schwarz-Weiß-Filter ausmachen können. „Digital first, Bedenken second“ – hoffen wir, die Unterstufe identifiziert sich nicht zu sehr mit ihren Politikern. An sich schafft auch Die Linke dieses Kunststück, stellt sie sich in der Oberstufe neben die CDU auf das Podest. Peinlich, Podest teilen ist bestimmt ähnlich untersagt wie Koalitionsgespräche führen. Da sie allerdings ansonsten entweder nicht vorhanden oder nicht in den zweistelligen Bereich kommt, wo doch traditionell wenn dann die Jugend links wählt, ist das noch kein glorreiches Ergebnis.

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Umfrageergebnis Oberstufe, Angaben in % gerundet

Die Grünen hingegen mutieren zum Superstar. Am LGH finden sich vielleicht wenig vehemente Verfechter der Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit, so leugnen die Schüler zumindest nicht den Klimawandel. Und je mehr man sich mit Naturwissenschaften beschäftigt, ein Bereich, für den verpflichtender NWT-Unterricht und gut besuchte Chemie-, Bio- und Physik-4-stündig einen guten Boden bieten, desto weniger kann man an den drängenden Problemen wie Energieversorgung, Rohstoffabhängigkeit und dem Klimawandel an sich vorbei sehen. Das Image der Grünen ist hierfür mit Sicherheit die richtige Wahl – ihre Politik, darüber kann man sich streiten nach Aussagen Kretschmanns zur Lage in Stuttgart.

Aber was lernen wir jetzt daraus? Trump sollte nicht gewinnen, der Brexit sollte

nicht kommen – und die Weisheit „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ bleibt bestehen. Wer weiß schon, welche Meinungen hier schlicht untergeht, weil ihr Vertreter zu schüchtern, aktuell krank oder meinem Blick entgangen ist – oder

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Umfrageergebnis Mittelstufe, Angaben in % gerundet

auch, weil das Oberstufen-Jungshaus abends einer postapokalyptischen, vollständig verlassenen Horror-Game-Kulisse gleicht. Spätestens für Deutschland kann man beim LGH wirklich nicht mehr von repräsentativ sprechen. Für die wenigen links und gerade sozial-demokratisch angehauchten Schüler unter uns ein Hoffnungsschimmer, für die kommenden christlichen Demokraten jedoch auch kein Schicksalsschlag. Nur Die Grünen dürften zusammen mit dem Eisbär auf der Scholle eher träumerisch-melancholisch auf das in einigen, wenn auch nicht in allen Bereichen überaschende LGH-Ergebnis blicken. Wer auch immer den Sonntag vermutlich nicht vielmehr als nicht-deprimiert hinter sich lässt – wir wollen hoffen, dass es ihm gelingt, endlich wiedereinmal Debatten über ein anderes politisches Thema als „Was macht eigentlich Trump?“ an die LGH-Tische zu bringen.

 

 

 

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