In unserem WG-Flur, da liegt ein unscheinbares Dokument: Ein roter Leitz-Ordner, das Modell, das man seit seiner 8ten nicht mehr benutzt, weil man darin nicht sinnvoll blättern kann, doch darin schlummert nicht weniger als mein schlechtes Gewissen in Form zwei kleiner Buchstabeneinheiten – und einem großen Wort.

Denn darin steht meine Unterschrift, und zwar nicht nur die: Verantwortungselite, das steht da auch noch drin. Diese fünf Buchtsaben sind es, die mir jedes Mal einen Stich versetzen und meine Hand zum Tip-Ex zucken lassen.

Elite – was?

Wieso ist das so? Sehen wir mal nach, was das Internet, die moderne Quelle für praktisch alles, mit dem Begriff assoziiert: Als erstes kommt da natürlich der passende Wikipedia-Artikel, der recht gut widerspiegelt, was auch mir und wohl den meisten in den Sinn kommt, eine überdurchschnittlich qualifizierte Gruppe innerhalb einer Gesellschaft. Zweiter Treffer ist „Elite – Das Magazin für Milcherzeuger“ und darunter, bei den Schlagzeilen, die Ermittlungen gegen die KSK-Einheit, Elite-Soldaten. Mit keinem von beiden möchte ich als Veganerin und überzeugter Fan des Grundgesetzes so richtig gerne in Verbindung gebracht werden.

Doch ich wäre ein recht schlechter Fan, wäre mein Ziel hier ein Urteil ohne Verteidigung. Verstehen wir es lieber als Kommentar einer Beobachterin, die eine gute Idee für völlig abstrus umgesetzt befindet. Was will einem das also sagen, Verantwortungselite?

Eine Aufforderung soll es sein, zumindest verstehe ich die Ordnung so. Eine Aufforderung, sich als Teil der LGH-Familie auch zugleich mit der Erwartung konfrontiert zu sehen, verantwortungsvoll zu handeln, Verantwortung in unserer Gesellschaft zu übernehmen – mehr noch als der „Durchschnitt“. Denn eben das müsste sie ja sein, diese ominöse „Verantwortungselite“: Eine Gruppe, die überdurchschnittlich viel Verantwortung übernimmt.

Verantwortung am LGH

So viel also zur Definition dieses Ziels, das wir wohl als Utopie einstufen können, einen anzustrebenden Grenzwert – denn seien wir ehrlich, Alkohollager über dem WG-Tisch sind nur schwer mit dem überdurchschnittlich verantwortungsvollen LGHler in Einklang zu bringen. Wir müssen weder die Statistiken der jährlichen Abizeitungen noch die verweilenden Anzeichen nächtlicher Spaziergänge auswerten, um zu wissen, dass ein Leitbild eben auch nur ein leitender Ausschnitt eines ausschweifenden Gemäldes sein kann.

Und das soll ihm auch zugestanden werden, schließlich finden wir in besagter Ordnung auch einen Vermerk über Zimmer- und Schlafenszeiten, den die meisten von uns wohl eher als Richtlinie denn Regel betrachten. Die zu stellende Frage ist folglich weniger, ob wir nun „Verantwortungselite“ sind – wichtig sind zwei Aspekte: Ist eine Verantwortungselite ein zu erstrebendes Ziel? Und käme man zu einem „Ja“, wäre sie ein angebrachtes Ziel gerade für LGH-Schüler, wie es der explizite Vermerk in dessen Ordnung impliziert?

LGH-ler: over 130, internatsfähig, verantwortungsvoll?

Ich will mit der letzteren Frage starten, schließlich habe ich beim Sanduhrenmodell gut aufgepasst und beuge mich zugleich der Tatsache, dass es mit Sicherheit eher darum geht, etwas in Erinnerung zu behalten als von Beginn an zu überzeugen, denn wer sich bis jetzt durch die sperrige von Schachtelsätzen durchsetzte Einleitung gekämpft hat, wird wohl bis zum Ende lesen – ich bitte an dieser Stelle um den Verzicht auf demonstrative Protest-Aktionen.

Gehen wir also für den Moment davon aus, wir würden die Bildung einer Verantwortungselite für ein angebrachtes Ziel in unserer Gesellschaft halten, und fragen uns, ob nun das LGH der richtige Ort der Rekrutierung wäre. Zweifelsohne bin ich wohl kaum die richtige Person, um zu formulieren, weshalb man das LGH schwarz-auf-weiß für eben diesen hielt, doch logisch erschiene mir nur, einen Zusammenhang zwischen der gewünschten Verantwortung und dem herzustellen, was als Auswahlkriterium dient: IQ in Kombination mit einem Mindestmaß an Teamfähigkeit.

Dass man das LGH zumindest als Teil eines exklusiven, die Elite bildenden Systems zu betrachten hat, folgt aus deren Bezeichnung: Würde eine jede Schule in ihr Leitbild die Bildung einer Verantwortungselite einfließen lassen, so wäre der Begriff falsch gewählt – denn das Ziel wäre nun, dass ein jeder Schüler danach strebt, Teil dieser Elite zu werden, die mit jedem Schritt in die eigene Richtung ihre definitorische Korrektheit als Gruppe über dem Durchschnitt einbüßen müsste.

Das LGH also im Besonderen, als Hochbegabten-Internat. Hier fällt es mir persönlich schwer, den Gedankengang nachzuvollziehen – ich will versuchen, zumindest den meinen zu schildern: Was zeichnet das Verhalten am LGH aus?

Wir sind – individualistisch. Oft enthusiastisch, teils übermotiviert. Schachtelsatzfreudig, neugierig bis zur Obsession. Stur, teils etwas abgehoben, zugleich zu überzeugt und vom Selbstzweifel zerfressen in einer Umgebung, in der wir immer mit den Noch-Etwas-Besseren konfrontiert werden. Aber sind wir verantwortungsvoll?

Sicher, das WG-Leben prägt, und schließt zumindest den Großteil der Schüler ein. Doch WG-Putz und Spüldienste haben mir ein ums andere Mal präsentiert, dass der Großteil von uns dennoch nur gezwungen über die eigene Zimmertür hinausdenkt. Und wen sollte das verwundern? Weshalb sollte ein Gehirn, dass im Knobeln und Rätseln überdurchschnittlich schnell ist, bei der Frage „Wenn ich’s nicht mache, tut es dann jemand anderes?“ etwas anderes tun als etwas schneller zu schließen: Vermutlich. Und das Altglas einen weiteren Turnus im Schrank stehen zu lassen.

Nicht, dass wir uns missverstehen: Es soll hier um keinen moralischen Appell gehen. Wir sind nicht perfekt, keine Frage, und am Schluss findet sich jemand, der doch noch mit Sack und Pack und Hipp-Gläschen Richtung Norma wandert. Nur überdurchschnittlich verantwortungsvoll liegt mir bei dieser Fallstudie nicht auf der Zunge.

Komplexität und Verantwortung

Nun kann ich verstehen, weshalb man auf die Idee kommen könnte, wo Verantwortung eine gewisse Bereitwilligkeit zu Weitsicht mit sich bringt, ein Hang zu komplexen Systemen, egal ob Quantenfeldtheorie oder lateinischer Dichtung, würden eben diese begünstigen. Eine Hypothese, die als solche nicht schlechter als jede andere wäre, würde ihr die Realität kein Schnippchen schlagen. Denn wer erkennt, dass er das Geschehen eher durchblickt, ja, wer vor dem Altglas einsehen muss, dass der Weg zum Container unumgänglich ist, dem bleibt nicht eine, sondern zwei Varianten.

Er kann sich in der Verantwortung sehen, seine Erkenntnis in die Tat umzusetzen, egal, auf welcher Ebene wir uns befinden – vom Politiker bis zum Schüler vorm WG-Schrank. Oder ihn packt die Überzeugung, dass nur, weil er ein bisschen weitergedacht hat, man ihm doch nicht einfach die unliebsame Rolle, das ganze umzusetzen, zuschieben kann. Statistisch ist auch am LGH klar, welcher der Vorzug gegeben wird.

In den Fällen also, in denen wirklich erst der Intellekt die Erkenntnis über eine zu übernehmende Verantwortung ermöglicht, kommt ins Spiel, dass hier eine Rolle zugeschrieben wird, die schon zur Pflicht aufgrund der außergewöhnlichen Leistung wird. Selbst wenn diese übernommen wird, so wird sie mit einem Hoheitsgefühl ausgeführt – geopfert hat man sich, weil niemand sonst diese Bürde tragen konnte. Spätestens dann, wenn der Mülldienst sich als den Auserwählten sieht, wird plötzlich aus Trotz ein Teil der WG tragen helfen – denn das, das ist die wahrhaft wichtige Erkenntnis: In der Mehrheit der Fälle muss man nicht zu den „klügsten“ 2% der Bevölkerung gehören, um Verantwortung zu übernehmen.

Alltagsphänomen „Verantwortung“

Verantwortung, die haben Eltern für ihre Kinder, ein Leben, dass sie selbst zur Existenz gezwungen haben. Verantwortung hat der Firmen-Leiter, der Chefredakteur, aber auch der Siebtklässler: Einmal für die Angestellten, einmal für die Zeitung, und einmal einfach nur für das eigene Handeln. Verantwortung ist die Pflicht eines Subjekts für etwas Anderes vor einer gewissen Instanz – einer gewissen, vom Staat bis zum eigenen Gewissen.

Eine Folgerung, eine Frage folgen hier: Hochbegabung ist für die meiste Verantwortung nicht nötig oder hilfreich, und wo sie zum Tragen kommt, da wird meist eher Widerstand gegen die aufoktroyierte Rolle geweckt. Nun könnte man denken, eben dann wäre ein Leitbild, das Ziel der „Verantwortungselite“, doch hilfreich: Sodass in den seltenen Fällen die Rolle nicht abgelehnt wird. Für eben diese Fälle bliebe dann das Verbleiben exklusiv in der LGH-Ordnung bedeutend, die Frage, was mit den 99% Verantwortung, die keineswegs exklusiv LGH-lern zugänglich wären, ließe man im Raum stehen. Glücklicherweise können wir uns beider annehmen, wenn wir uns fragen, ob Verantwortung überhaupt etwas Elitäres sein kann.

Elitengut..?

Bildungseliten, selbst Machteliten, ihre Bewertung außer Acht gelassen, scheinen mir eine Daseinsberechtigung zu besitzen: Beides wird nie ganz gleich verteilt sein, in besonderer Ausprägung immer auf eine kleine Gruppe limitiert bleiben, einmal, weil die Gesellschaft sich selbst behindern würde, würde plötzlich jeder seine Zeit am liebsten nur mit Tensor-Rechnung verbringen, das andere Mal, weil schlussendlich doch jemand entscheiden muss – oder wenigstens die Volksabstimmung zu organisieren hat.

Aber Verantwortung, das ist kein limitiertes Gut, ganz im Gegenteil: Je mehr sich einer solchen bewusst sind, desto leichter wird sie für jeden einzelnen. Verantwortung für die Firma wiegt leichter, arbeitet jede Untergruppe, bis zum einzelnen individuellen Arbeiter, verantwortungsvoll und zuverlässig. Schwer wie Blei wiegt sie erst, wenn jeder hofft, ein anderer würde sich schon darum kümmern.

Immer wird es einen geben, der als zentraler Ansprechpartner verbleiben muss – doch erst der Gedanke, Verantwortung, das sei etwas für einige Wenige, für eine „Elite“, der macht diesen Job so schwer, wenn sich das Altglas zu Gebirgen türmt. Das macht die „Verantwortungselite“ schon fast zu einem genialen Konstrukt: Die diese zu bildende Pflicht ergibt sich erst nach der Forderung nach ihr, der elitäre Gedanke macht ihre Übernahme zur Last, zu der es zu zwingen gilt.

…oder Massengut.

Vielleicht mache ich es mir zu einfach, wenn ich sage, Verantwortung als Massengut würde die Verantwortung, nun mehr Kiesel denn Brocken, zum massentauglichen Gut. Aber sicher mache ich es mir nicht leicht, wenn ich mir eingestehe, dass ich Verantwortung immer tragen werde, für jede einzelne meiner Handlungen. Solange ich Teil meines sozialen Systems bleibe, solange werde ich Verantwortung tragen, von meiner WG bis zur Energiewende, einfach, weil ich sie beeinflussen kann.

Bitte was? Nur ein LGH-ler mit seinem Hang zu seitenlangen Aufsätzen und verkopfter Herangehensweise würde zu dieser Überzeugung kommen, nur ein besonders interessierter Schüler die Bedeutung einer „Verantwortungselite“ in viel zu vielen Wörtern diskutieren? Dann jetzt gut aufgepasst, eigentlich ist es ganz einfach:

Nur der Gedanke, Verantwortung könnte, sollte nicht jeder einzelne übernehmen, macht die Idee der Elite möglich. Aber jeder hat Verantwortung. Und in seinem eigenen Umfeld kann jeder Verantwortung übernehmen.

Ein ganz persönliches Leitbild: Verantwortungsmasse.

Für wen Verantwortung ein so eingeschränkter Begriff ist, dass er nur die Chefetagen von Systemen einschließt, für den mag eine Elite bestehen. Aber für mich, für den Schüler mit Wikipedia, ist Verantwortung viel, viel mehr. Und in meine Utopie gehört ganz sicher kein Held, der sich aufopfernd seiner Verantwortung um die große Masse bewusst wird. In meiner Utopie ist jeder sich seines Einflusses, seiner Verantwortung für unsere Gesellschaft bewusst.

Und ja, Utopie, Leitbild, das ist das, die verantwortungsvolle Masse. Aber wer sich traut, einen Blick nach draußen zu werfen, der sieht die überdurchschnittlich Verantwortungsbewussten an jeder Ecke in ganz unterschiedlichen Arten, egal ob Mutter oder Aktivist. Wo soll die genau sein, die Elite? Wir sind nicht von einer großen Steuerinstanz abhängig, sondern von tausender kleiner Einheiten, die Verantwortung übernehmen.

In einem, da hat die „Verantwortungselite“ Recht: Verantwortung muss, kann noch mehr übernommen werden. Nur die Wenigen, die sind vielmehr die Illusion des sich an die eigene Außergewöhnlichkeit klammernden Helden der eigenen Welt. Wer „mehr“ Verantwortung trägt, der kann das nur, weil tausend kleine übernommen werden.

Soll an die Elite glauben, wem das hilft. Verantwortung übernehmen kann jeder, soweit er sich im Stande dazu sieht. Je gewissenhafter das getan wird, desto leichter kann es jedem Fallen. Ja, auch bei mir trägt am Schluss einer das Altglas – aber auch die Gewissheit, dass es nächste Woche ein anderer tun wird, wenn er die Zeit nicht findet. Der eine mag sich als unverstandener Auserwählter, der andere durchschnittlich fühlen. Aber wenn ich wählen darf, wähle ich gemeinschaftliche Durchschnittlichkeit, die zusammen hält.

Wenn Elite sein heißt, dass gerade ich, Teil der Minderheit, aufopferungsvoll für das höhere Ziel die Verantwortung übernehme, dann bin ich mit Stolz Teil einer Verantwortungsmasse. Eine von Vielen. Mit Respekt für Jeden. Und ohne die Bürde – oder vielleicht doch Illusion? – des Gedankens, die ganze WG würde im Altglas ertrinken, wenn nicht ich die Verantwortung übernähme…

 

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