„Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum; doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.“

Ach, welche Ironie sich hieraus ziehen ließe, wenn der gute Schiller diesen wahrlich allgemeinen Standpunkt Wilhelm Tell in den Mund gelegt hätte, jener seiner Figuren, die doch so beispielhaft für das, was dem Schüler als Loslösung vom tyrannischen Diktat und Weg zur Selbstbestimmung serviert wird. Natürlich lässt sich hier wohl anbringen, dass Tell doch nur seiner Pflicht nämlich der zum Tyrannensturz, Folge leistet – doch ist man wirklich frei, wenn man dazu verpflichtet ist, frei zu sein? Kann ich da noch davon sprechen, frei zu sein?

Man sehe sich doch nur einmal Frankreich an: „Liberté, Égalité, Fraternité“, so der oft und überzeugt proklamierte Wahlspruch der mittlerweile fünften Republik, die unser pays voisin nun erlebt – und doch wird die dortige Parteienlandschaft als grundlegend radikaler und kämpferischer betitelt – liberale Parteien scheinen inexistent, selbst die unter dem für seine sozialistische – denn es ist ja die Parti Socialiste – als pragmatisch und gesetzt geltenden Präsidenten amtierende Bildungsministerin greift in offiziellen Stellungnahmen nur zu gern auf Schlagwörter wie „elitär“ oder „die bürgerlichen Schichten favorisierend“ zurück. Das Interessante daran ist vor allem jedoch der Umstand, dass derlei Vokabular zur Beschreibung der nunmehr abgeschafften bilingualen Kurse der Mittelstufe verwendet wird, die einer grundlegend in den unteren Klassenstufen beginnenden Ausbildung in zwei Fremdsprachen weicht. Ein Vorhaben, das dem nicht unverbreiteten Eindruck, für das Kind solle möglichst früh alles getan und geleistet, ermöglicht und eröffnet werden, deutlich in die Hände spielt. Warum eigentlich? Das aus dem Bullshit-Bingo der Pädagogik mittlerweile nicht mehr wegzudenkende Schlagwort „frühkindliche Förderung“ scheint in alle nur erdenklichen Richtungen gedehnt und, um noch ein bisschen von meinem frühkindlich im Englischunterricht der Kindergartens aufgekeimten Neudeutsch zu profitieren, gestretcht zu werden, auf dass uns die Freiheit um die Ohren gedroschen werde, bis wir im dualen Studium unsere Seelen an die Betriebswirtschaftslehre oder das Ingenieurswesen verkaufen. Und um die Freiheit zu perfektionieren, fangen wir dann auch noch im Kindergarten mit Planspielen und Simulationen zum Bankwesen an. Aber wenn das Kind vielleicht doch eher mal Publizist wird oder sogar  – bewahre – Philosoph? Ja Herrgottnochmal, das Kind kann doch nicht mal schreiben, wie soll es denn erkennen, ob es denn mal Autor wird? Lassen wir das einfach mal so stehen und wenden uns einer Erfahrung zu, die ich bei einem Hospitationsbesuch im Waldorfkindergarten machte: Fern allen Lernzwangs und ich zitiere, „genormten Legozeugs“ trifft man dort auf ein Kindeswohl, das einen krassen Gegenzug bildet zu frühkindlicher Förderung und Vorbereitung auf das Schulleben. Lässt man die an Hausfrauenesoterik grenzenden Grundannahmen der zugrunde liegenden Lehre außer Acht, so öffnet sich dem Betrachter eine kleine Welt voller kleiner Kinder – die sich doch nicht so sehr von dem unterscheiden, was „normal“ ist oder sein soll, und so ist trotz des von exotischen Früchten und unaussprechlichen Getreidesorten verseuchten Müslis nur ein Junge unter 14 Kindern, der mit chirurgischer Präzision alles aus seinem Schüsseln pickt, was für ihn nach Granatapfel aussieht. „Ich mag das nicht“, sagt er.

Dieser einfache, zur Bedeutungslosigkeit verdammte Satz taucht im Alltag mit nahezu verstörender Seltenheit auf und ist doch nahezu so alt wie die Ablehnung selbst; ebenso wenig Respekt wird ihm allerdings auch entgegengebracht. Beispiel aus dem Teenie-Alltag: „Ey, lass mal Call Of Duty spielen.“ Antwort: „Nee, mag ich nicht.“ „Okay, dann halt später.“ Regelrecht interessant, wie in einem solchen Fall die Freiheit gehandhabt wird. „Du musst nicht mitspielen, zumindest nicht jetzt, aber später WIRST du mitspielen, nutz‘ doch deine Freiheit“ – So die Übersetzung. Lässt man dieses Beispiel für sich allein stehen, so sagt es durchaus wenig aus. Doch stellt man es in direkten Zusammenhang mit den Stichworten „vernetzte Welt“, „online“ und „Globalisierung“, so lässt sich darüber freilich sinnieren. Das vermeintlich freie Individuum hängt hier nämlich immer noch von einem ab: Seinem sozialen Umfeld. Denn so sehr ich als Einzelner doch meinen eigenen Willen habe, so sehr lasse ich mich eben auch gesellschaftlich und privat beeinflussen.

Angeblich von jeder weltlichen Bindung freie Netz-Eigenbrötler sind ebenso – zumindest meiner Erfahrung nach – von einem festen Bezugspunkt abhängig wie die im Jugendjargon als „Famebitches“ betitelten Pseudoprotagonisten, die sich in ähnlicher Manier im Netz austoben und ausstellen. Dies dem Mainstream zuzuordnen, ist zwar nicht naheliegend, dennoch dominieren auch im Netz Polypole – dies sind vor allem die obskuren Gebiete, die sich als „Hauptsubkulturen“ bezeichnen lassen, eben solche, zu denen jeder dann doch irgendwie gehört – oder zumindest zu einigen, seien es die Gamer oder Animewasauchimmers, Hipster oder Künstler oder was man im Netz alles antrifft. Und doch bleibt das Netz eine Parallelkultur.

Zwischenruf aus der Menge: „Herrgott, hören Sie doch auf mit dem Quatsch! Das Internet bietet doch die besten Möglichkeiten, sich zu entfalten und zu verwirklichen.“

So künstlich generiert dieser Gedankenstoß ist, so sehr zeigt er eben auch die Schwierigkeit einer Auseinandersetzung mit dem Internet. Denn es bietet mir tagtäglich neue Freiheiten und Möglichkeiten, doch bedeutet dies alles andere Selbstbestimmung; Abhängigkeit ist der ironische Preis für die Freiheit der Vernetzung. Sollten Sie sich aus Versehen mal mit einem Investmentbanker unterhalten, dann kann er Ihnen zwischen E-Mail und Kaffeetasse, ach so, Coffee To Go-Becher, sicher von spontanen nächtelangen Konferenzen mit New York erzählen – Gerüchten zufolge wird er damit sogar prahlen, was jedoch kaum für einen konstruktiven Beitrag solcher Aktionen zur geistigen Gesundheit spricht. Die einzige Selbstbestimmung, die er noch kennen wird, ist die, welche Uhr er sich kauft (wobei hier sowieso wieder Apple mit seiner Tippseluhr auf den Markt drängt), und die, ob er seinen Job behalten will. Von dem, was scheiternden Anhängern dieser ummunkelten krawattierten Sekte bevorsteht, weiß Otto, äh, Kevin Normalbürger nur vom berüchtigten Hörensagen und instinktiv, dass Scheitern „bäh“ und unternehmerisches Risiko „igitt“ ist.

Dem gegenüber steht eine nach wie vor wachsende Zahl an Startups und Lebensgeschichten wie die eines Mark Zuckerbergs, der sein Informatikstudium abbrach, um später zu einem der reichsten Menschen der Welt zu werden. Auch ein Bill Gates, der einst in jungen Jahren Rechner baute, die sich seinerzeit nur die abgebrühtesten aller Randfiguren der Gesellschaft gönnten, verärgert nun täglich Milliarden von Windows-Nutzern.

Diesen allgemein beispielhaften Persönlichkeiten ist dennoch gemein, dass sie vor allem als erfolgreich gelten, weil sie ökonomisch betrachtet erfolgreich sind; so ließe sich durchaus auch ein Donald Trump oder ein Robert Geissen als Beispiel heranziehen. Dass ökonomischer Erfolg nicht das ist, wonach eine nach Anerkennung lechzende Leistungsgesellschaft streben muss, zeigt vor allem das Beispiel Christian Lindners: Selbst ein gescheiterter Unternehmensgründer, vertritt der heutige Bundesvorsitzende der FDP vor allem den nichtökonomischen Erfolg, der ihm angesichts vorbildlicher Umfrageentwicklungen nicht abzusprechen ist, aber auch die Überzeugung, dass gesicherter wirtschaftlicher Erfolg nicht das A und O sein kann, dass unser Leben bestimmt, dass Scheitern ein Bestandteil des Alltags sein kann und wird. Vor allem zeigt er aber, dass Aussagen wie „Was bringt dir das?“ oder „Das ist doch aussichtslos“ keine festen Größen im selbstbestimmten Denken sein sollten, selbst im Angesicht einer Verelendung bundesweiter Parteien, die nunmehr als bloßes Ziel für den Spott grenzkritischer Satiresendungen galten.

Ist es das, was mit uns schiefläuft? Eine seit jeher wachsende Fixierung auf volkswirtschaftlichen Erfolg, hervorgegangen aus der Angst um den wirtschaftlichen Kollaps und einer an Hysterie grenzenden Überbewertung von Global Playern? Offenbar scheint der Drang nach Wirtschaftlichkeit so groß zu sein, dass wir als Land des Friedens uns nun damit konfrontiert sehen, einerseits zu einem der weltweit größten Waffenexporteure aufgestiegen zu sein und zudem offenkundige Unrechtsstaaten mit Waffen zu beliefern, andererseits aber als eine der größten Volkswirtschaften weltweit scheinbar keinen Einfluss auf die Politik nehmen zu können. Offenbar scheint wirtschaftliche Macht nicht der Schlüssel zur Selbstbestimmung zu sein, im Gegenteil, sie bindet uns, klammert sich an uns fest und drängt uns dazu, sie zu sichern und zu vermehren.

Darin liegt auch die Illusion, der unsere Bildungspolitik zu verfallen scheint: Was wirtschaftlich ist, ist auch gut. Und so zielt die Kakophonie der Statements und Verordnungen, der Reformen und Förderungen vor allem darauf ab, was in keines Staates Sinne liegen sollte: Die Bevormundung der Jugend. Oft propagiert wird hier eine Freiheit, die jedoch darin resultiert, möglichst großen Erfolg an Noten, Praktika und Einstiegsgehältern zu erwarten. Doch vor allem zeigt dies den Versuch, die Vielschichtigkeit des Menschen und seine Talente auf bloße Zahlen zu reduzieren, auf ein simples Raster, das uns vor allem immer wieder zeigt, wie wir unsere Freiheit gefälligst zu nutzen haben, was sich vor allem im Gewimmel und Gewirr um Gender, Geschlecht und Gleichheit zeigt: Auf sogenannten „Boys/Girls Days“ zanken sich als geschlechteruntypisch verschrieene Branchen um Bewerberinnen und Bewerber, wobei es hierfür eine nicht enden wollende Zahl an Schreibweisen zu geben scheint, die schließlich in der alles relativierenden Genderklausel enden. Gerade der Girls Day wirft hier Fragen auf, ob es denn nötig sei, Mädchen darauf hinzuweisen, dass sie auch gerne mal was machen können, was nicht so typisch weiblich ist. Mit Selbstbestimmung hat das nichts zu tun, es ist vielmehr ein Resultat des zwanghaften Wunsches, die Gleichheit der Geschlechter möglichst aufwandslos zu beschleunigen. Doch vor allem entmündigt dies einmal mehr unsere Jugend unter der Prämisse, dass Frauen nicht manns genug seien, um für sich selbst zu entscheiden.

Mehr Freiheit wird durch solche Aktionen ebenso wenig geschaffen; mir wäre es zumindest fremd, dass Personaler in den ominösen „MINT-Berufen“ dazu angewiesen werden, möglichst viele Männer einzustellen. Selbst wenn dem so wäre, würde es nicht reichen, die Briefkästen mit den Schreiben weiblicher Bewerberinnen zu fluten. Aber das sei nur am Rande gesagt, habe ich mich doch als braver Abiturient nahezu ausschließlich mit der Wirtschaftlichkeit und der Berufswahl auseinandergesetzt und erkenne nun, dass es in der heutigen Zeit schwer wird, von Selbstbestimmung zu sprechen, ohne wie ein Narr einzudreschen auf Bildung und Beruf, auf Wirtschaft und Wandel. Wenn wir wirklich so selbstbestimmt sein wollen, wie wir wollen, dann ist es vielleicht an der Zeit, „Nein, ich mag das nicht“ zu sagen. Denn von einem Kindergartenkind kann man neben Lachen und Freude vor allem Lernen, dass das Leben so viel mehr bietet als Arbeit und Frust, als Sorge um das Heute oder Morgen. Würden wir alle ein bisschen mehr schaukeln, spielen und sprudeln vor Sorglosigkeit, hätten wir da nicht die Gelegenheit, endlich mal zu erkunden, was wir denn eigentlich wollen?

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