Es ist ein schmaler Grat zwischen überhöhtem Geltungsbedürfnis und Selbstbewusstsein, zwischen penetranter Demonstration und offener Ehrlichkeit – und meist ist man wohl irgendwo dazwischen. Ebenso auf halbem Weg wie zwischen Toleranz und Akzeptanz.

Denn ja – man mailt wohl kaum der Stadtverwaltung, um Heterosexual-Pride am Fahnenmast zu hissen. Wer cis ist, der weiß das meist nicht einmal selbst. Wer allerdings einen oder sogar beide der Begriffe von sich selbst weggeschoben hat, den schreien sie fortan förmlich an – von jeder Werbetafel, aus jedem Filmtrailer, von Flyern, Gemälden, Fotos.

Das hier ist weder eine drastische Streitschrift noch ein revolutionäres Traktat – das ist nur ein Erfahrungsbericht, behutsam, schlicht, und ein wenig besorgniserregend ehrlich meinerseits. Doch zweierlei kann er hoffentlich erreichen: ein wenig schmunzelndes Identifikationspotential für die einen – und für die anderen zumindest die Chance, das Gefühl und den Grund hinter dem jauchzenden Vergnügen derer mit Prideflags zu erahnen.

Weihnachtsball 2017

Vor einem Jahr saß ich bereits schon einmal an einem dieser Tische, vor glänzendem Geschirr, vor kunstvoll kalligraphierten Tischkärtchen, unter Deckendekoration, die ihre Arbeitsintensivität erahnen lässt. Auch damals habe ich jemandes Hand gehalten, jemandem den Kopf auf die Schulter gelegt. Und auch damals hat mein Umfeld reagiert – mit einem verstohlenen Grinsen, einem wissenden Lächeln. Ich habe die Reaktion auch damals wahrgenommen – ab und an. Und mit einem verschämten Lächeln quittiert.

Heute nicht.

Heute lässt mich kein leichtes Erröten den Kopf senken, sondern sturer Stolz das Kinn heben.

Heute nehme ich die Reaktionen nicht gelegentlich wahr – sie umgeben mich jede Sekunde, wie ein Teil meiner selbst. Ich spüre unsere verschränkten Hände ebenso deutlich, wie sie den umhersitzenden und -stehenden Ballgästen ins Auge springen. Spüre die Blicke, und möchte ihnen in die Augen sehen, ihrer stummen Frage eine stumme Antwort, ein stummes „Ja“ übermitteln.

Es ist ein Spiel ohne Gewinner: Die anderen erhalten auf ihre Fragen keine Antwort – egal, ob hinter den ernsten Blicken prüfende Unsicherheit, bestätigte Vermutung, zerstörte traditionelle Überzeugung oder die Sorge vor dem, was hinter den Blicken der anderen stecken könnte, steckt.

Und ich?

Ich habe das Gefühl, zu leuchten, wie ein Systemfehler, der ab und an auftritt, oft genug, um eingeordnet werden zu können, selten genug, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Kein warmes, ruhiges Leuchten – eher etwas penetrant, Aufmerksamkeit heischend. Vielleicht sieht man das einem ja wirklich an, wie eine Aura, eine aus Regenbogenfarben. Mit ein bisschen Glitzer, will es so nicht das Klischee?

Man hört den verletzten Stolz, nicht? Weil es nicht nur die Blicke der anderen sind, sondern meine, die an dieser neuen Szenerie hängen bleiben. Weil ich nicht nur ihnen beweisen will, wie normal das ist – sondern auch mir selbst.

Mai 2018 – irgendwann tief in der Nacht

Aber wenn…?

Du warst schon in Jungs verliebt, du hattest eine Beziehung mit einem Jungen – ja. Also ruhig und schlaf.

Aber wenn…?

Du warst schon in Mädchen verliebt, du hattest eine Beziehung mit einem Mädchen – ja. Also ruhig und schlaf.

Aber wenn…?

Wird das auch mal aufhören? Es ist nicht die erste Nacht, die ich vollkommen fachfremd, will heißen schlaflos, verbringe. Die Auslöser dieser katastrophalen Zustände variieren drastisch in ihrer Sinnhaftigkeit, von der Banalität, dass mir heute in der Stadt eigentlich nur Jungs (variabel Mädchen) aufgefallen sind, bis zu der vorsichtigen Frage einer Mitschülerin, wie das denn nun wäre, man hätte da ja gehört, ich sei eigentlich doch hetero, das wäre nur so zur Demonstration gewesen. Letzteres wirft mich regelmäßig in einen reißenden Strom, der in Ungläubigkeit und Aggression beginnt und erstaunlich fließend in beißenden Zweifel übergeht.

Zweifel jedoch hat meist nichts mit den anderen zu tun, für zermarternde Selbstzweifel kann man auch alleine ganz gut sorgen: Will ich gerade eine Beziehung? Vor meinem inneren Auge baut sich das Bild von Freund und Freundin auf. Will ich mal eine Familie? Ein Vater-Mutter-Kind-Szenario baut sich auf. Mit wem will ich alt werden? Oma und Opa, gemeinsam auf einer Bank, den Sonnenuntergang betrachtend.

Entnervt rolle ich mich zur Seite. Aber wenn…? Kritisch-sarkastischer Selbstschutz springt dazwischen, in jedem geliebten literarischen, musikalischen, cineastischen Vorbild ist es ja auch „boys like girls and that’s the way it is“. Aber Sarkasmus kann das beidseitig: Ja, immer die Gesellschaft, red’s dir ruhig ein.

Schlaf. Bitte, schlaf.

Juli 2018 – CSD Stuttgart

Alles schillert bunt und laut und farbenfroh – Regenbogenglitzeraura mal mit Ironie und Stolz als Träger als Ausdrucksform einer ganzen Parade. Wirklich jedem scheint das Strahlen zum Dauerzustand geworden zu sein, alles lächelt, alles lacht, tausende Menschen, deren ganzer Stolz seinen beständigen Glanz in seiner Bescheidenheit findet: Wir sind hier. Wir sind wir.

Darunter können sich eine ganze Menge Menschen zusammenfinden, von Parteiverbänden über Aktivistengruppen zu „Regenbogeneltern“ bis zu männlichen Mitte 40er-Cheerleadertruppen: Sie sind hier. Sie sind sie. Und absolut alles schreit einem voller Begeisterung Pride entgegen, von unzähligen Flags bis zu abstrusen Einhorn-Stickern.

Eine Euphorie der Menge, der sich kaum einer entzieht, die zwar selten so intensiv, aber doch immer wieder auftritt: Egal, ob im eigenen LGBTQ+-Bekanntenkreis oder einfach nur in der schillernden Regenbogenglitzerfilterblase auf Pinterest, auf der man umgeben von einigen hundert wildfremden Benutzern ganz schnell das Gefühl hat, die ganze Welt sei aufgeschlossen, änderungswillig und ein kleines bisschen gay.

Klingt bescheuert? Ist es, zweifelsohne. Es ist Manipulation, gezielt einseitige Betrachtung, Bestärkung der eigenen Meinung – von mir für mich. Weil jeder Pridemonth-Post auf Instagram im Juni in meinem Kopf einen weiteren kleinen Pinselstrich getan hat an diesem neuen Selbstbild, ich, bi. Es ist eine ordentliche Schicht getrockneter Heteronormativität darunter: Weder Ausgrenzung noch Abneigung sind, so berechtigt sie das bei anderen sein mögen, in meine Grundschicht eingearbeitet, einfach nur ein altes Bild, wie es doch meistens ist.

Mit jedem Pinselstrich wird „meistens“ komplementär ergänzt. Ein bisschen Regenbogenglitzer kann ja nicht schaden

August 2018 – Frühstücksbuffet in Edinburgh

„Ja, ich seh’s kommen, du ziehst dann irgendwann mit deiner Frau nach Schottland.“ – Grinsend buttert mein Vater einen weiteren Toast, philosophiert weiter über meine für ihn unverständliche Vorliebe für stürmische Küsten und Porridge.

Dafür legt sich in meinem Kopf ganz langsam ein Schalter um. Ich fühle mich unwillkürlich zurückerinnert an Seite 265 meines aktuellen Buches – als plötzlich die Ehefrau von Loura eingeführt wurde. Als ich den Satz nocheinmal gelesen habe. Und dann den Absatz. Und dann die Seite, bis klar war, dass Loura doch eindeutig ein Frauenname ist.

Das anschließende Lächeln verlässt meine Lippen das gesamte Frühstück über nicht mehr. Es ist nicht Toleranz, die mich vor mich hin strahlen lässt, Toleranz hatte ich, mein Outing scheint meine Eltern ehrlich gesagt nicht einmal besonders überrascht zu haben – es ist die Selbstverständlichkeit, mit der mein Vater dieses Bild vor Augen hat, das bei mir selbst einige Zeit benötigt hat.

Vielleicht ist es das, was mein Gehirn sich hinter dem ominösen Begriff der Akzeptanz vorstellt: eine feine, kleine Portion Selbstverständlichkeit. Ein schwuler Nebencharakter, den man nicht an der ersten Dialogzeile und Handhaltung als solchen erkennt. Ein Liebeslied, dessen Thema Liebe, nicht Kampf um diese ist. Und wielleicht ja sogar zwei strahlende Photoshop-Väter, die auf RTL in der Werbepause ihren Kindern das Nutella-Brot schmieren.

17. Mai – IDAHOT 2019

Die Fahne flattert im leider etwas zu schwachen Wind, und trotzdem will alles in mir hüpfen, schreien, lachen, irgendwas, um ein bisschen Strahlen und Glitzern nach außen zu katapultieren.

Soll es das nun also sein? Fahnen im Wind, Luftballons, sauber geordnete Stapel Infomaterial – wo ist da bitte deine Selbstverständlichkeit? Was wir hier veranstalten ist #pride, eine „Hier sind wir!“-Werbetafel in blinkendem Neonlicht, ein „Wir sind anders“ auf jeder Fahne, in jedem kleinen Lexikon.

Anders, das findet allerdings auch der Bund katholischer Ärzte. Findet 90% der Mainstream-Unterhaltung. Findet jeder Fragende, der mir bereits peinlich berührt gegenüberstand, ich sei ja…hm…ich wisse schon….Eines Tages, da wird der IDAHOT ein so sinnhafter Tag sein wie der Welttag des Lichts, werden Weltmänner und -frauentag nicht mehr überschwemmt werden mit Feminismusmemes und Debatten über „fragile masculinity“, weil sich jeder im Klaren ist, dass es das nicht mehr braucht.

Aber heute? Heute will mein Inneres Salti springen, weil da im Himmel eine Fahne weht, die noch schreit „Wir sind hier!“ – nicht gegen jemanden, einfach nur für uns. Weil eine kleine, ängstliche, unsichere Instanz das braucht, das Gefühl, echt zu sein, das uns die Umwelt noch nicht geben kann.

Es ist ein schmaler Grat. Aber wir beschreiten ihn, alle gemeinsam – und wir wissen, wo wir hinwollen: Zu Akzeptanz, die keiner Fahne mehr bedarf. Wir werden aus ihr herauswachsen, Kinderschuhe, die liebevoll ins Regal gestellt werden, wenn die Zeit reif ist. Ist sie das?

Homosexualität potentiell im geschwächten männlichen bzw. weiblichen Ich einer gestörten Kindheit begründet…resigniert wird der Flyer des Bundes katholischer Ärzte auf den Tisch zurückgelegt. Ein bisschen müssen wir noch weiter balancieren: Ein Fuß vor den andern, die Arme ausgebreitet, die Ecken einer Prideflag zwischen den Fingerspitzen.


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