„Das Klo ist die einzige Privatsphäre im Internat, die man hat, und selbst die hat so sechs Löcher unten an der Tür.“ (Zitat einer Schülerin)

Jeder möchte mal alleine sein. Sei es einfach nur eine kurze Zeit, in der man Musik hörend auf dem Bett liegt, oder während dem Telefongespräch mit den Eltern – in den zehn Tagen in einem Turnus am LGH kommt niemand um diese kurze Auszeit herum, einen kurzen Moment der Privatsphäre. Doch wie? Das Zimmer, was zuhause vielleicht eine Abgrenzung hin zur Außenwelt darstellen mag, ist dies am LGH nicht. Zimmerpartner können nicht einfach herauskomplimentiert werden, und oftmals ist das Zimmer nicht nur Aufenthaltsraum für die zwei offiziellen Bewohner, sondern bietet der ganzen WG und sämtlichen Freunden und Bekannten Zuflucht. Jede Sekunde kann es an der Tür klingeln oder klopfen – sofern der Gast sich das Klopfen angewöhnt hat – und man ist nicht mehr allein, sondern muss sich Schimpftiraden auf den Klausurenplan, Hausaufgabenprobleme, Einladungen zu einem kurzen Gang zu Norma oder andere Bekenntnisse anhören.

Das ist normal am LGH. Das ist Alltag. Und die meisten LGHler werden eine Alternative gefunden haben, einen Ort, an den sie sich zurückziehen können, der zumindest semi-optional für Privatsphäre sorgt. Sei es ein Musikübungsraum, eine Bank auf dem Campusgelände oder der Schrank im Zimmer – ein paar Quadratzentimeter, ein bisschen Abstand zu allen anderen.

Und über die ganzen Beschwerden über fehlende Privatsphäre merken wir oft nicht, dass wir das Alleinesein ein gewisses Stück weit verlernt haben. Früher war ein Einzelzimmer kein Problem für mich, nein, es war normal, es war entspannend, alleine Zeit in einem Zimmer zu verbringen. Am LGH raste ich spätestens nach einer Woche ohne meine Zimmerpartnerin komplett. Es ist ungewohnt, so wenig Kontakt zu Menschen zu haben. Ich habe mich darauf verlassen, morgens von zwei Weckern geweckt zu werden – doch nun, Fehlanzeige. Wenn ich meinen Wecker gekonnt überhöre, verschlafe ich. Wenn ich darauf hoffe, dass jemand noch Kroketten oder Tiefkühlpizza hat, die er mit mir teilen möchte – abermals Fehlanzeige. Wenn ich abends einen Film schauen will oder reden will – Fehlanzeige. Wir sind es so gewohnt, dass ständig jemand da ist, mit dem man sich beschäftigen kann, mit dem man reden kann, wenn etwas ist. Wir müssen nicht alleine aufstehen, alleine zum Schulhaus laufen, alleine essen, alleine Zeit verbringen, im Zimmer oder sonstwo – wir müssen gar nichts alleine tun.

Privatsphäre fehlt also nicht im Internat – sie ist nur ganz anders als sonst. Kompakter, kürzer, vielleicht nicht ganz so sehr vorhanden, gleichzeitig aber auch nicht ganz so sehr gewünscht. Und wenn sie doch einmal notwendig ist, so ist sie durchaus auch aufzutreiben – und nicht nur beim Toilettengang.

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