ZuckerwatteEin Essay von Lea Frauenknecht

Pünktlich betrete ich das Schulhaus. „Na, wie geht’s?“, begrüße ich meine beste Freundin. „Boah, ich kann es echt nicht ausstehen, wenn du mich so früh am Morgen immer schon so pseudofreundlich anquatschst!“, schnaubt sie hinter ihrem Matheordner hervor. Der Unterricht beginnt mit der üblichen Frage: „Wer hat seine Hausaufgaben NICHT gemacht?“. Verblüfft muss ich mit ansehen, wie alle Arme synchron in Richtung Zimmerdecke schießen. In der Pause gehen mir irgendwann die Gesprächsthemen aus und ich frage meinen Freund aus purer Small-Talk-Manier heraus, was er von meinem neuen Kapuzenpulli hält. „Er macht dich nicht dick. Er zeigt, wie dick du wirklich bist!“, wird mir zwischen zwei Schlucken Zitronentee vollkommen unverblümt mitgeteilt. Beim Mittagessen kommt es zu einem verbalen Stellungskrieg zwischen meinen Eltern, als mein Vater den Nudelauflauf als „verpilzten Atomkraftglibber“ bezeichnet und meine Mutter entgegnet, er solle sich doch ein neues Dienstmädchen suchen, vielleicht würde er ja im Rotlichtviertel fündig werden. Schweißgebadet erwache ich von dem melodischen Gesäusel meines Handyweckers.

Ich habe einen Albtraum… einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der es keine Lügen gibt. Ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der man immer ehrlich ist und stets aufrichtig die Wahrheit sagt. Ist diese Ansicht nicht etwa moralisch verwerflich und ruft zum schwindelerregenden Schwindel auf, fragen Sie sich? Das mag durchaus richtig sein, sie tut es aber aus gutem Grund. Denn Lügen haben nicht nur „kurze Beine“, sondern sind auch ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft, wie der Zucker in der rosaroten Zuckerwatte: Ohne ihn wäre diese weder süß und erträglich, noch würde sie überhaupt existieren. Was ich damit sagen will: Lügen sind der rosarote Süßstoff, der die Welt im Innersten zusammenhält, in hohen Dosen aber gleichermaßen abscheulich und gesundheitsgefährdend ist.

Und genauso sind Lügen ein Teil der gesellschaftlichen Sozialisierung, wer noch an deren Anfang steht, über den werden Sachen gesagt wie etwa: „Kindermund tut Wahrheit kund“. Und dies dürfte ausnahmsweise mal keine Lüge sein. Das Lügen als Bestandteil der gesellschaftlichen Sozialisierung kommt nämlich erst mit der Fähigkeit, „sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen“. Dies bringt Tobias Beck in seinem Beitrag zum „Täuschen und Lügen“ der Serie „Quarks&Co.“ damit in Verbindung. Das Lügen sei keine „angeborene Fähigkeit“, aber man würde sie erlernen. Lügen dienen also dazu, uns auf ein eigenständiges Leben in der Gesellschaft vorzubereiten, uns salonfähig zu machen für das Paradies der Schwindler, Trickser und dauerlächelnden Hochdruckreinigervertreter. Wer nicht lügt, der hat einen wichtigen Teil der Sozialisierung verpasst und kann die Sprache der unausgesprochenen Unannehmlichkeiten zwar verstehen, aber nicht sprechen. Das ist der Grund, warum wir den an Tourette-Syndrom leidenden jungen Erwachsenen ungern in unseren Schulen, Unis und Großraumbüros am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen wollen: Denn wer will in unserer scheinheiligen Lächel-Gesellschaft schon als „Arschloch“ oder „Spießer“ bezeichnet werden? Wir haben uns die Wahrheit wahrhaftig abgewöhnt…

Andererseits müsste man eine Gesellschaft ohne Lügen wohl beschreiben als eine Mischung aus mürrischen Wortgefechten, allgemeinem Unwohlsein und eingeschnapptem Einzelgängertum. Denn Lügen haben eine immense Macht über zwischenmenschliche Beziehungen: Durch eine kleine Höflichkeitslüge schließen wir möglicherweise neue Kontakte. Und sprechen wir eine  unangenehme Wahrheit aus, riskieren wir, beispielsweise eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Ein simples „das Kleid steht dir wirklich super“ kann zum Opener für eine langjährige Bekanntschaft werden, ein „in diesem Kleid siehst du wirklich fett aus“ diese Bekanntschaft aber ebenso schnell wieder beenden.

Doch eine „Lüge“ ist nicht mit einer „Lüge“ gleichzusetzen. Ich widerspreche mir selbst? Nicht, solange ich hinzufüge, dass in beiden Fällen zwar eine Unwahrheit ausgesprochen wird, jedoch mit unterschiedlicher Ursache, Folge oder in einem gänzlich anderen Kontext. Wir kennen unter anderem die Notlüge („Mein Hund hat die Hausaufgaben gefressen“), die öffentliche Lüge („Nach der nächsten Landtagswahl wird die AfD freundlich zu allen Ausländern sein“), die Höflichkeitslüge („Natürlich schmeckt mir dieser Nelken-Anis-Kuchen ganz vorzüglich“) sowie die private Lüge („Wo denkst du hin, selbstverständlich habe ich nie jemand anderen geliebt als dich!“). Die bereits angesprochene Höflichkeitslüge ist insofern in ihrem Gebrauch zu rechtfertigen, als dass sie, zumindest bis zu einem gewissen Grad hin, den Kitt unserer Gesellschaft und unserer sozialen Beziehungen bildet. Auch die Notlüge ist, solange sie nicht überhand nimmt, doch nur eine verständliche Reaktion unseres in Bedrängnis geratenen, abwägenden Ichs.

„Du sollst nicht lügen“, pflegte bereits der gute alte Gott zu sagen. Allerdings werden wir im Beichtstuhl wohl kaum in Tränen ausbrechen aufgrund des Märchens vom 20 Kilometer langen Stau auf dem Weg zum Büro, der in Wahrheit nur ein kleiner Schulbus war. Und auch, dass wir das neue T-Shirt unserer besten Freundin als „tollen Kauf“ gelobt haben, obwohl wir Leoparden-Prints eigentlich am liebsten verbieten würden, wird wohl kaum für einen Rosenkranz reichen. Doch wie verhält es sich mit den „größeren“ Lügen, die mit Höflichkeit ungefähr so viel zu tun haben wie Gott mit Pinocchio? Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage überschreite, folgt hier noch eine kleine Belehrung, damit Sie später nicht sagen können, ich hätte Sie nicht gewarnt: Bei Angst vor Spoilern und intermedialen Elementen überspringen Sie den folgenden Absatz und konsultieren Sie ihren persönlichen Bibliothekar und Kinematographen.

In der erfolgreichen US-Serie „Breaking Bad“ fängt der krebskranke Chemielehrer und brillante naturwissenschaftliche Kopf Walter White an, in das Geschäft mit Methamphetaminen (umgangssprachlich auch „Crystal Meth“) einzusteigen, um seine an Geldsorgen leidende Familie nach seinem Tod vor der Armutsfalle zu bewahren. Im Verlauf der sechs Staffeln baut Walter vor den Augen seiner Familie ein immer höher werdendes Lügenkonstrukt auf, das sein Schwager von der Drug Enforcement Administration (zu Deutsch: „Drogenvollzugsbehörde“) gegen Ende der Serie schließlich zum Einsturz bringt. „Breaking Bad“ endet nach 62 Episoden voller Lügen mit dem Tod Walters Whites, dem Mord an dessen Schwager und einer traumatisierten, in Armut lebenden Familie. Zu einem ähnlich dramatischen Finale spitzt sich Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ zu, in dem sich die gleichnamige Hauptperson vor ihrer unerfüllten Ehe in amouröse Affären und teure Einkäufe flüchtet. Als sie am Ende sowohl die Zuwendungen ihrer zwei Geliebten verliert als auch aufgrund der von ihr verursachten Schulden eine Verpfändung ihres Eigentums droht, bringt sie sich schließlich um und lässt einen gebrochenen Ehemann zurück.

Natürlich kann man anmerken, dass es sich bei den angeführten Beispielen um nicht viel mehr handele als um Fiktion in ihrer feinsten Ausführung. Nichtsdestotrotz wird „Madame Bovary“ zu den Vorzeigewerken des französischen Realismus gezählt. Und nichtsdestotrotz beruht „Breaking Bad“ auf einer wahren Geschichte, der eines Chemielehrers aus Alabama. Wenig überraschend: Er trägt denselben Namen wie sein durch Bryan Cranston verkörpertes Konterfei und seit neuestem auch noch einen weiteren Titel: „The real Walter White“. Doch sosehr wir auch Staffel für Staffel, Kapitel um Kapitel dieser wunderbaren Lügen-Reality verschlingen mögen, am Ende werden die Einzelteile des gesprengten Lügenpalastes nicht aus dem Fernseher und nicht zwischen den Zeilen heraus in unser Wohnzimmer brechen. Es bleibt vielleicht ein unangenehmes Gefühl, aber ansonsten wähnen wir uns bestens unterhalten.

Private Lügen, insofern sie nicht in unserem eigenen Umfeld stattfinden, sind also nicht mehr als ein kleines Stück Zuckerwatte, das uns für einen kurzen Moment im Hals stecken bleibt und ein temporäres Unwohlsein auslöst, bevor wir uns weiter an unserer Nascherei erfreuen. Für das private Umfeld jedoch kann ein noch so ausgefeiltes Lügengebilde als Abwandlung von Schneewittchens böser Stiefmutter auftreten, die statt vergifteten Äpfeln vergiftete Zuckerwatte anpreist. Ob man seine Liebsten, deren Vertrauen oder seine Beziehung zu ihnen wirklich einen so kafkaesken Tod sterben lassen will, oder zumindest das Risiko solcher Folgen eingehen will, muss letztendlich jeder selbst entscheiden. Im öffentlichen Leben allerdings kann die vergiftete Zuckerwatte in Form von falschen Wahlversprechen, vertuschter Steuerhinterziehung oder verheimlichten Finanzspekulationen einer gesamten Gesellschaft verkauft werden. Öffentliche Personen in Politik, Finanzen und Recht sollten sich daher ihrer Stellung als Jahrmarktsverkäufer der Nation und ihrer Macht bewusst sein, zwischen Zuckerwatte mit Arsen-Aroma, aufrichtig gebrannten Mandeln und ehrlich gemeinten Liebesperlen für ihre Auslage zu unterscheiden.

Schwierig wird es dann, wenn zwei Jahrmarktsverkäufer miteinander konkurrieren und es zu einem Wettbewerb um die schmackhafteste Wahrheit kommt. Kürzlich veröffentlichte Frankreichs Ex-Première Dame und Journalistin bei der französischen Boulevardzeitung Paris Match einen intimen Schmähroman über ihre Beziehung mit François Hollande. Unter anderem schrieb sie, der Präsident hätte die Armen der französischen Nation entgegen seiner sozialdemokratischen Attitüde als „sans-dents“, als „Zahnlose“, bezeichnet. Hollande streitet dies selbstverständlich vehement ab. Für die Gesellschaft wird es hier allerdings schwer, zu entscheiden, wer uns die vergiftete Zuckerwatte verkaufen will. Ist es Valérie Trierweiler, die eifersüchtige und nach Rache sinnende Exfreundin, die den Ruf des amtierenden Präsidenten zerstören will? Oder ist etwa doch Hollande, der verzweifelt versucht, sein reichlich verknittertes Image mit einer lauwarmen Teetasse und Zuckerwatte, dem neuen Opium fürs Volk, glattzubügeln?

Ich habe einen Albtraum…einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der es keine Lügen gibt. Ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der man immer ehrlich ist und stets aufrichtig die Wahrheit sagt. Und ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der niemand die Tugend besitzt, die Arete, wie es Aristoteles in seiner Mesotes-Lehre sagt. Die Tugend, die Mitte zwischen frappierender Ehrlichkeit und absurder Schwindelei zu erkennen, sei es nun in Sachen Höflichkeit, Privatleben, Gesellschaft oder Not. Doch was genau diese Mitte ist und wie wir sie finden können, und diese Meinung vertritt auch Aristoteles, muss jeder selbst abwägen.

 Bildquelle: Roland Zumbühl, Arlesheim über Wikimedia Commons

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