Ganze 50 Länder gäbe es auf dieser großen runden Erde, und wer mindestens 17 davon besucht habe, dürfe sich mit Fug und Recht einen „World Traveler“ nennen. „Just kidding“, meinte Erika mit K und fügte an, weitere Länder zu kennen, immerhin sei sie Deutsche – wie das K in ihrem Namen beweise – und Deutschland sei schließlich auch ein Land.
Was unsere gemeinsame Unterhaltung dann doch etwas ad absurdum führt, ist unser unmittelbares Umfeld. Als Teilnehmer an der Harvard Model United Nations Conference, einer der größten und renommiertesten ihrer Art, sitzen wir im größten Ballsaal des Sheraton. Erika in der drittletzten Reihe und ich unmittelbar dahinter.

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Am letzten Abend war ein Teil der Gruppe mit Herrn Müsegades in Tarantinos Hateful Eight und der andere Teil bewunderte mit Frau Biesinger die Skyline der Stadt Boston bei Nacht.

Das Spiel, das wir hier treiben, heißt UN-Simulationskonferenz. Auf den ersten Blick ein unübersichtlicher, chaotischer Haufen von nahezu 4000 Highschool Students, die emsig und wichtigtuerisch in Anzügen durch das Hotel und die angrenzende Mall eilen. Wie auch das große Vorbild entsendet jedes Land mehrere Delegierte – aufgeteilt in die verschiedenen Committees – , um über die großen Streitfragen der internationalen Politik zu debattieren. Oder zumindest, um über irgendetwas zu reden.

Etwas beklemmt stehe ich inmitten des Raumes. Ich bin fünf Minuten zu früh erschienen, habe aber den Eindruck, einige Stunden zu spät zu sein. Der Raum ist bereits gefüllt. Überall stehen die Amerikaner in Grüppchen herum, stellen kopfnickend interessierte Fragen und zeigen einander hin und wieder ihre gefletschten Zähne. Ich werde entdeckt und finde mich auf einmal inmitten einer Gesprächsrunde wieder – wenn man das denn überhaupt so nennen darf – , man erkundigt sich nach meinem Befinden, unterbricht mich aber ungeduldig bei meiner Antwort und will wissen, welches Land ich denn vertrete und welche der beiden Leitfragen ich denn präferiere. Kopfnicken, Zähnefletschen. Mein Akzent wird erfolgreich zugeordnet. Auf einmal bin ich der Superstar der Runde. Ein echter Deutscher.
Es scheint, als hätte jeder deutsche Großeltern, Vorfahren, einen deutschen Freund oder zumindest jemanden, der schon einmal in Deutschland war. Das Klopfen eines Holzhammers erlöst mich. Der Moderator bittet um Ruhe und fordert alle Delegierten auf, sich einen Platz zu suchen.

Was ich gerade erleben durfte, war der typisch amerikanische Smalltalk gepaart mit einer der Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts, dem Networking. Das beherrschen die Amerikaner sehr gut. Lediglich die Inder scheinen ihren Eifer noch zu übertreffen, was aber dem geschuldet sein mag, dass ihnen bloß etwa jeder dritte Versuch, neue Bekanntschaften zu schließen, auch gelingt.

Fast spielerisch gelingt eine Einteilung der Delegates in vier Gruppen unterschiedlicher Motivation, was die Teilnahme an der Konferenz betrifft – wie den Verbissenen, die tatsächlich fleißig und verbissen arbeiten und Preise gewinnen möchten. Ihnen ist es besonders wichtig, sich selbst sprechen zu hören, angefangen bei der Anwesenheitskontrolle. Hier genügt es eigentlich, kurz sein Schild in die Höhe zu halten, doch nicht dieser Sorte Delegates. Sie stehen auf, halten ihr Schild weit über den Kopf und rufen: „The Republic of France is present and voting, honorable chair.“.

Den Durchschnittlichen. Ihnen fehlt etwas der Elan, sie hören zwar interessiert zu und geben in ihren Reden auch brav die gelernte Position ihres Landes wieder, doch wirklich outstanding sind sie nicht. Sie ertappen sich häufig dabei Tic-Tac-Toe zu spielen und widmen sich anschließend wieder dem Networking und dem Schreiben ihrer nächsten Rede.

Den Desinteressierten. Sie sind ganz einfach hier, weil für sie zwei Tage lang der Unterricht entfällt. Tic-Tac-Toe ist für sie ein Spiel für Anfänger. Die hohe Kunst der Desinteressierten ist es, Zettel zu verschicken. Reißerisch wird um die Gunst der Blondine im roten Jackett geworben. „That red jacket makes you look like a passport, because I wanna cross your borders. ;)“

Und schlussendlich noch denen, die schlichtweg nicht da sind. Kurz nach der Anwesenheitskontrolle des Committees lösen sie sich buchstäblich in Luft auf. Sie genießen die freie Zeit, um mit Dads Kreditkarte mal endlich ausgiebig shoppen gehen zu können.

Doch das eigentliche erklärte Ziel aller Gruppierungen ist es, jemanden zu finden, den sie zu tosender Discomusik am Delegates Dance beschlabbern können.

Für uns Deutsche gilt hier, möglichst viele Erfahrungen mitzunehmen. Passend dazu haben wir ein reichhaltiges Programm: Besuch des deutschen Generalkonsulats und des MIT, Führung über den Campus der Harvard University, die Konferenz selbst und natürlich fordert auch die Stadt Boston unsere Zeit und Aufmerksamkeit.

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Bei der Führung über den Campus der Harvard Universität. Das Bild entstand auf den Stufen der Widener Library.

Die Rolle des Fremdenführers übernahm Herr Müsegades persönlich. Am Vormittag noch im Generalkonsulat gewesen, führte er uns den Freedom Trail entlang bis zum Hafen. Dort endete die gemeinsame Stadtführung und es bot sich an, Boston nun auf eigene Faust zu erkunden.

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Herr Müsegades engagierte sich großartig als Fremdenführer. Seine kulturellen und kulinarischen Tipps erwiesen sich immer als ausgezeichnet.

Wir waren die Woche über recht viel in der Innenstadt. Ausgestattet mit einem Wochenticket der Metro erreichte man innerhalb weniger Minuten Downtown Crossing. Bummeln war Pflichtprogramm. Einmal die Amerikanischen Tempel des Kommerzes von innen gesehen und eventuell etwas erworben zu haben, muss unbedingt auf die To-Do-Liste.

Die Konferenz beanspruchte unsere Zeit von Donnerstag bis Sonntag. Zu den Opening Ceremonies ließ sich die Mutterorganisation von HMUN nicht lumpen und mietete das gesamte Hynes Convention Center. Eine Zeremonie der Selbstinszenierung und der feierlichen Eröffnung der Konferenz. Prominente Auftritte waren ein Gastredner von Ärzte ohne Grenzen und natürlich die universitätseigene Acapella-Gruppe.

Mit in das Programm der Konferenz eingearbeitet waren eine Campusführung am Freitagvormittag und der Delegates Dance am Samstagabend, dem letzten Tag der Konferenz. Außer Acht gelassen wurden allerdings die Gelegenheiten zur Nahrungsaufnahme. Wenn 4000 Delegates gleichzeitig in die Pause entlassen werden, reicht die Zeit allenfalls dazu sich am Take-Away-Food zu bedienen. So musste die Essenspause zwangsläufig in besonders zähe Phasen der Sitzung verschoben werden. „The Republic of Latvia is absent and dining, honorable chair.“ Es herrschte dann immerhin auch kein besonders hoher Andrang im Restaurant.

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Im Quincy Market am Hafen. Hier kann man sich bei vielen Ständen etwas zu Essen kaufen und auf der Galerie genießen.

Ich habe nichts verpasst. Als ich in mein Committee zurückkehre, werden immer noch die gleichen inhaltsleeren Reden geschwungen. Als besonders gelungenes rhetorisches Element verzichtete Cuba auf die Benutzung eines Mikrofons. Ich drohe mit einem Embargo, falls er das noch einmal wagen sollte. Gewinnbringende Nachrichten verschicke ich kaum über die interne Post des Committees.

Anstatt zum Delegates Dance zu gehen, sind wir einem All-you-can-eat-Pizza-Laden auf den Leim gegangen und freuten uns auf große, heiße, fettige Stücke Pizza. Die Rechnung ging nicht ganz auf. Um weniger bezahlt als gegessen zu haben, hätten wir eigentlich vier Stücke verputzen müssen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Das erste fetttriefende Stück war leicht, das zweite eine Herausforderung und das dritte verursachte bereits einen Darmverschluss.

Aber wenigstens hineingeschnuppert haben wollte man, da war man sich einig. So standen wir deutlich verspätet in der Schlange, um noch Einlass zu erhalten. Der Delegates Dance ist ein wunderbares Beispiel für die double standards der Amerikaner. Die meiste Zeit geben sie sich unglaublich prüde und empören sich über den Delegates Dance. „It‘s so gross!“ „I’m not even sure, if I’ll go.“ Und dann? Dann wird der Dresscode „…of appropriate length“ geflissentlich ignoriert.

Doch bald darauf musste ich Abschied vom Frühstücksdiner neben dem Hotel nehmen. Es fühlte sich viel zu früh an, als bereits der Abreisetag anbrach. Alle anderen Konferenzteilnehmer waren längst abgereist. Das Hotel war menschenleer – nach dem Trubel der letzten Tage, ein seltsames Gefühl.

Ein kleiner Teil von uns frühstückte ein letztes Mal mit Herrn Müsegades und besuchte anschließend Chinatown und das Nobelviertel Beacon Hill mit seinen engen Gassen, Gaslaternen und Backsteinhäusern.

In der Lobby traf die gesamte Reisegruppe gegen Nachmittag letztendlich wieder zusammen, und gemeinsam brach man zur Rückreise nach Deutschland auf.

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Zurück in Deutschland goss es in Strömen. Deswegen ein Bild vom Hinflug.

Ein großer und herzlicher Dank geht an Herrn Müsegades und Frau Biesinger für die Organisation der wundervollen Reise.

– pw

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