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Foto: Wenke Grahneis

Jetzt sind sie nicht mehr nur die Großen, nein, sie sind die Größten auf dem Campus. Nahezu volljährig und jede Weisheit mit dem Löffel gefressen, ständig bereit, in jeder Situation zu rebellieren. Man hat jetzt verdammt nochmal soweit eigenständig zu sein, Selbstverantwortung zu übernehmen, seinen Mann zu stehen.

Den Abiturienten umweht ein Hauch unfassbarer Verruchtheit. Ist er nicht schon am längsten da von allen? Hat die meisten bewundernswerten Dinge in seinem Internatszimmer angesammelt? Ist der, über den es die verrücktesten Geschichten gibt, der alles schon miterlebt hat und der mit natürlicher Gelassenheit sein Tagwerk verrichtet?

Er schert sich zwar nicht um die Meinung anderer Schüler – alles jenseits der Oberstufe kennt er ohnehin nicht mehr beim Namen – aber er genießt die Aufmerksamkeit, die Blicke der zu ihm aufsehenden Unterstüfler.

Egal ob beim Frühkonzil oder Schulabend – der Abiturient ist der Star. Tendenziell führt er zwar den gleichen Unfug, wie der Rest der Schule auf, aber es steckt immer eine gewagte Kritik an den Lehrern, der Schulleitung oder dem ganzen anderen notwendigen Übel darin. Zudem empfindet er auch kein Schamgefühl mehr, vor der ganzen Schule eine Show abzuziehen, denn die Resonanz aus Gegröle und Schenkelklopfen der eigenen Stufe rechtfertigt so ziemlich jede Aktion. Und da ist wieder diese Coolness, die den Unterstüflern mächtig imponiert. Wenn wir dann mal so weit sind…

Es ist aber auch die schönste Zeit, die man am LGH verbringt. Alle Erinnerungen aus unteren Klassen verblassen dagegen. Es ist die Zeit, in der man volljährig wird, in der man sich jedes Wochenende mit einem süffisanten Grinsen kurz vor knapp bei dem Wochenenddienst abmeldet und sich die Nächte in den Gmünder Bars und Kneipen um die Ohren schlägt. Alt genug, um tun und lassen zu können, was man will.

img_2278Leider jedoch darf man seinen Computer nur bis 23.45 Uhr benutzen, hat jeden Abend abzuspülen, muss zu Vortragsabenden, darf sich nicht mehr in anderen WGs im Haus aufhalten und keine Kaffeemaschinen auf dem Zimmer haben.

Und dann ist das LGH auch in manchen Punkten furchtbar verklemmt. Alkohol zum Beispiel. Darauf reagieren fast alle allergisch. An vielen normalen Schulen treffen sich Lehrer und Schüler auch mal privat zum Grillen und auf ein Bier. Am LGH wäre das undenkbar!

Wo ist sie, diese Eigenverantwortung die man jetzt trägt? Den einzigen Unterschied, den man bemerkt ist die nun gnadenlose Ablehnungshaltung gegen das Regime der Schule. Was können die mir schon? Ich kann mich auf den Kopf stellen und bekomme mein Abitur trotzdem hinterhergeworfen!

Die Schule kümmert sich schon darum. Mehrfach wird auf verbindliche Abgabefristen hingewiesen und den Abiturienten auch noch hinterhergerannt, wenn sie es trotzdem versäumen. Sie deichselt alles, um dem Schüler entgegenzukommen, ermöglicht ihm, was er braucht, und stellt ihm tausend zusätzliche Zertifikate aus. Und mit welchem Dank? Mit Abrechnungen in der Abizeitung, Lehrerbashing und Einlaufmusik an der Abifeier mit Texten wie „I don’t wanna be here anymore!“.

Wenn der Abiturient etwas kann, dann ist es, den Mund weit aufzureißen. Denn so unfehlbar, wie er tut, ist er nicht. Die Verantwortung, nach der er strebt, ist er meist auch nicht fähig zu übernehmen. Das äußert sich besonders dann, wenn es um die Organisation der Abifeierlichkeiten geht. Natürlich gibt es wunderbare Komitees, die aber doch nichts auf die Reihe bekommen. Die zu Beginn noch motivierten Vorstände bekommen kalte Füße, ob die Organisation und das Lernen für das Abitur überhaupt unter einen Hut zu bekommen sind. Hilft die Schulleitung dann nach und holt alle Beteiligten an einen Tisch, wird dies als Einmischung empfunden und ihr schamlos vorgeworfen. So ist es auch kaum verwunderlich, wenn die Schulleitung das Abimotto in den falschen Hals bekommt.

Aber liebe zukünftige Abiturienten: auch das werdet ihr überstehen. Ihr werdet auf die eine oder andere Art einen Abiball haben und auch eine Abizeitung. Und mit dem Abizeugnis in der Hand habt ihr es geschafft, ihr habt die Schule erfolgreich beendet und die große weite Welt steht euch nun offen.

An der Uni aber seid ihr nun die Kleinen – die Erstis. Erstis sind diejenigen, die mit Google Maps zu ihren Vorlesungen finden, den Prof mit unnötigen Fragen nerven und sich versuchen, für die Nichtteilnahme an einem Kurs zu entschuldigen. Auf einmal ist sie da, die Verantwortung, nach der man so lange gelechzt hat! Und sie schmeckt bitter.

Die Anmeldefrist wird einmalig bekanntgegeben, wer es versäumt sich anzumelden, kann es im nächsten Semester noch einmal versuchen. Es gibt keinen Elternbrief, wo das Wichtigste angekündigt wird. Als Student darf man sich seine Informationen in der Studien- und Prüfungsordnung selbst zusammensuchen, den Stundenplan anhand des Vorlesungsverzeichnisses zusammenstellen und muss für sich entscheiden, welche Bücher er verwendet. Wer mehr als zehn Prozent der Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht fehlt, egal ob krank oder nicht, muss den gesamten Kurs wiederholen.

Angefangen vom Prüfungsstoff bis hin zum Ablauf des Studiums muss der Student sich also alles selbst aneignen. Die Informationen dafür findet er auch nicht bequem irgendwo oder hat einen Ansprechpartner – nein, er darf Uniwebseiten durchforsten und davon mindestens drei verschiedene. „Ich war nicht da. Ich wusste nicht, was auf war!“ zählt nicht mehr als Ausrede. Schon die Lehrer versuchten uns beizubringen, dass wir in der Hol- und Bringschuld sind. Den Professoren hingegen ist das herzlich egal – entweder du erkundigst dich bei deinen Kommilitonen nach den Hausaufgaben oder nicht. Nicht gemacht ist nicht gemacht.

Nicht selten ist der frischgebackene Student zu Beginn überfordert und wünscht sich das wohlig warme Gefühl der Geborgenheit des „Systems Schule“ zurück. Und es ist auch nicht die Schuld der Schule, ihre Schüler nicht darauf vorzubereiten. Oder vielleicht doch. Vielleicht sollte sie aufhören, ihren Abiturienten wegen versäumter Fristen hinterherzulaufen und sie die Konsequenzen spüren lassen.

Liebe Schüler und insbesondere liebe Abiturienten, pfeift auf diesen Artikel! Es ist euer letztes und euer schönstes Jahr am LGH. Genießt diese Zeit! Ihr sollt euch deswegen nicht anders verhalten, als ihr es bereits tut. Nach dem Abitur besinnt euch aber bitte nocheinmal zurück und freut euch – wie ich – wie einfach das bis vor einem halben Jahr noch war.

– Pascal Winterhalter hat 2016 sein Abitur am LGH gemacht und studiert nun in München.

Ein Kommentar

  1. Sehr gelungener Artikel, Pascal! Ich musste sehr grinsen. Und nach elf Semestern Studium mit einem fulminanten halbjährigen Staatsexamen zum krönenden Abschluss kann ich nur sagen, dass sich das Spiel an der Uni nochmal wiederholt: Im klinisch-praktischen Jahr gefühlt schon fast approbiert, denkt man während der Staatsexamensphase sehnsüchtig an die Abiprüfungen zurück (mein Gott, zwei Wochen Vorbereitungszeit – wie herrlich war das damals!?) und stellt, wenn man das Staatsexamenszeugnis und die Approbation endlich in der Hand hält und sich final als „Tierärztin“ vorstellen darf, als Doktorandin dann fest, dass man wieder mal das allerkleinste Licht ist – diesmal im Labor. Hört wahrscheinlich nie wirklich auf… 🙂

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