Noch lebendig steht sie vor mir, meine alte Deutschlehrerin. Mit einer Novelle in der Hand versuchte sie verzweifelt zu verdeutlichen, wieso ausgerechnet in den ersten Seiten dieses Textstücks eine Idylle der Natur beschrieben werde. „Das ist zu viel Landschaftsbeschreibung für mich“, lautete ein Kommentar von einem Klassenkameraden und dieser schmiss das Buch quer durch das Zimmer. Das Exemplar landete etwas mitgenommen auf dem Tisch, was unsere Lehrerin sehr aus der Fassung brachte.

Klassiker lesen war nicht die Stärke und Vorliebe jener Schüler, aber so erfolglos es auch schien, die Interpretation eines Hauses blieb uns dennoch nicht erspart. Während die Farbe des kleinen Landhauses beschrieben wurde, konnte man wunderbar die absolute Verständnislosigkeit meiner Mitschüler beobachten. Versuchten sie sich diese Gegend vorzustellen?  Der Gesichtsausdruck der meisten ließ nicht darauf deuten, sie wirkten eher verloren und abwesend. Hier sollte man erwähnen, dass nach Sicht unserer Lehrerin, wir schon zu alt wären für Ausmalbilder, doch ich glaube, dass hätte den meisten mehr Spaß gemacht. Ein paar Jugendliche in einem Raum sitzend, verloren zwischen dem Kindsein und dem Ernst der Erwachsenenwelt, vielleicht wäre dies die passende Beschreibung jener Situation. Auch wenn man angesichts des mangelnden Interesses nicht Klassiker als bestes Beispiel verwenden sollte, fiel mir ein Zitat des kleinen Prinzen ein:

If you were to mention to grown-ups: ‚I’ve seen a beautiful house built with pink bricks, with geraniums on the windowsills and doves on the roof…

Könnt ihr euch so ein Haus vorstellen?

they would not be able to imagine such a house. You would say to them: ‚I saw a house worth a hundred pounds.‘ Then they would exclaim: Oh! How lovely.‘

Wäre es für die verlorenen Schüler zwischen den kleingedruckten Buchstaben auf dünnen Seiten hilfreich gewesen ein paar Zahlen zu entdecken? Wahrscheinlich nicht, denn diese würde man in einer unbrauchbaren Währung vorfinden. Man könnte mit ihnen nichts anfangen, bis man sie in eine andere Einheit umgerechnet hätte. Ist man aber dennoch auf die Zahlen angewiesen, so dass man dennoch irgendwelche krummen Währungen in jedem Buch findet? Sind wir auch bereits gefangen in diesem (Zehner)- Zahlensystem?

Wer hat eigentlich die Zahl 18 als volljährig und reif festgelegt? Gibt es überhaupt ein absolutes Alter, bei dem man sagen kann, ab jetzt bist du bereit für das wirkliche Leben? Schon wieder eine Zahl, die uns vorgibt, wie wir die Gesellschaft zu strukturieren haben. Man schaue sich nur die Basis unserer Existenz an – die Zeit, ohne die wir im Chaos versinken würden. Wann die Bahn fährt, wann die nächste Stunde beginnt, wann der nächste Arzttermin ist und wie viele Minuten schon vergangen sind. Unsere Zeit ist begrenzt von diesen Zahlen, die uns angeben, wie viel wir eigentlich schon „gelebt“ haben und wie viel von diesem Leben noch bleibt, bis der nächste Termin ansteht, bis etwas passiert, bis es für uns keinen Begriff der Zeit auf der Erde gibt. Wer kam auf die Idee, das Alter zu zählen und zu zelebrieren?

Kehren wir doch aber zu den verwirrten Schülern zurück. In der Tat bereitet ihnen das Fach Mathematik durchaus mehr Freude und es liegt nicht am Lehrer. Zwar bietet Mathematik nicht immer die klarste Antwort auf alle Fragen, doch einem erscheint das Spiel der Mathematik logischer und eindeutiger als die versteckten Hinweise in einem Text. Natürlich sind hiervon nicht alle betroffen, weshalb Mathe vielleicht jenes Wort ist, was die Gesellschaft am meisten spaltet. Dieses pure Herumwürfeln von Zahlen, was das Fach ausmacht: Addiert man etwas, wird die Zahl größer, subtrahiert man etwas, wird sie kleiner; Klare Regeln, welche die Zahlen stets einhalten; Bei Sonderfällen hat man auch eine Definition.

Dieses Spiel mit den Zahlen, welches die Menschen treiben, besonders gerne, wenn es um Geld geht, ist auf so unterschiedlichen Arten abstrakt. Auch hier gilt: Ziffern bestimmen unser Leben. Man könnte dutzende von Beispielen aufzählen, von den Noten bis hinzu seinem Kapital, doch am Ende kommt man auf das obengenannte Resultat. Rechnungen, Zahlen und Ziffern, die über Menschen herrschen. Lachend tanzen die Zahlen um einen, bis sie von hinten zuschlagen und einen nie wieder loslassen.

Auch über jeden von uns steht kaum merklich eine Zahl, die unter anderem ein Faktor der entscheiden war, damit wir jeden Tag über das Campusgelände stampfen dürfen. Zwar weiß man es vielleicht nicht einmal selber, wie groß sie ist, hat man es erraten? Es handelt sich um den Intelligenzquotienten oder kurz IQ.

Hört sich nett an, eine Zahl, die etwas ermöglicht. Doch auch sie birgt ihre dunklen Schattenseiten, welche einen vielleicht erdrücken. Kaum merklich zieht sie ihre Grenzen, je nach dem, wie groß die Differenz zwischen zwei Menschen ist. Sollte man diese Zahl am besten gar nicht herausfinden und tief im Nirgendwo vergraben?

Aber um ehrlich zu sein, ohne Zahlen könnte ich nicht leben und wahrscheinlich manch anderer auch nicht. Woher sollte ich wissen, was der kürzere Weg zu meinem Ziel ist, ohne vorher eine Rechnung aufgestellt zu haben? Woher soll ich wissen, wann die Treppenstufen durch zwei teilbar sind, um sie gleichmäßig mit einer übersprungenen hoch zu rennen? Was würde sein, wenn ich die Zahlen von eins bis zehn nicht auf unterschiedlichen Sprachen kennen würde und ich anfange auf einer kompliziert zu zählen, wenn mir gerade Blut abgenommen wird und ich eine Ablenkung brauche?

Vielleicht nichts, weil ich dann gar nicht auf diese Idee gekommen wäre mich mit diesen banalen mehr oder weniger Alltagsproblemen beschäftigen, aber irgendwie ist das auch amüsant und praktisch sich den Zahlen zu bedienen.

Wir werden nie aufhören, in Zahlen zu denken, da dies fast immer schon in unserem Gehirn verankert war uns bleibt. Wir können uns von diesem System nicht los reißen und gibt es zu, seid ihr nicht auch ein Teil von diesem Spiel der Zahlen?

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