LBiesinger
Eben einer Klausur des vierstündigen Kurses in Gemeinschaftskunde der Jahrgangsstufe 2 entronnen, nimmt sie, lächelnd wie immer, auf einem Stuhl an der Breitseite eines Oberstufentisches Platz und entledigt sich ihres Schals. Die für Lehrer obligatorische Tasse Kaffee vor sich, entgegnet sie auf die Beteuerungen einer Zensur unangemessener Fragen durch lustige Katzenbilder, dass sie da Elefantenbilder vorziehe.

 

Frau Biesinger, Sie kamen dieses Jahr als neue Lehrerin an die Schule. Da fragt man sich ja oft: Wodurch hört ein Lehrer denn vom LGH?

Das war im Referendariat, als es in einem Kurs um die Finanzierung von Schulen ging. Beim LGH ist das ja anders, das wurde da als Beispiel für die Sonderformen angeführt.

Wollten Sie denn da gleich schon zu uns?

(lacht) Nein, das kam erst, als die Ausschreibungen für das LGH schon draußen waren. Ich wollte ja unbedingt in die Nähe einer größeren Stadt und Schwäbisch Gmünd ist ja mit seiner Nähe zu Stuttgart recht ideal.

Wurden Sie denn vorgewarnt à la „Die sind alle total irre“ oder „bei denen darf man keine Zettel       herumreichen“?

Eher kaum. Ich war zwar unsicher, weil es an meiner vorherigen Schule recht langweilig war und hatte da so meine Bedenken. Aber ich bin da recht positiv gewesen, auch wenn ein paar, als ich sagte, dass ich zu den Hochbegabten gehe, einfach nur meinten: „Oh Gott.“

Wie war denn schließlich Ihr erster Eindruck vom LGH?

Na ja, bei meinem ersten Besuch hier war das Wetter sehr schön, also hatte ich gleich einen ziemlich guten Eindruck. (lacht) Meine alte Schule lag ja hinter dem Bahnhof, aber der Campus wirkt. Es ist einfach schön hier.

Wie war denn dann Ihr Erstkontakt mit der Spezies „Hochbegabter“?

Also, bei mir war die erste Unterrichtsstunde bei der 9. Klasse. Ich war da ganz überrascht, wie weit ich da gehen kann, die Offenheit und Bereitschaft der Schüler war da ziemlich groß.

Jetzt haben Sie schon ein wenig Zeit am LGH verbracht und da natürlich auch zahlreiche Erfahrungen gesammelt, zum Beispiel mit den Schülern. Wie nehmen Sie die Schüler denn mittlerweile wahr? Was sticht bei LGHlern hervor?

Also sie sind sehr, sehr freundlich. Zudem habe ich bemerkt, dass sie ganz genau wissen, weshalb sie hier, an dieser Schule sind. Das ist aber gar keine Arroganz, sie sind im Gegenteil sogar sehr willig zu arbeiten. Nur ist es oft so, dass sie sehr stur auf ihrer Position beharren und sich kaum umstimmen lassen. Das finde ich manchmal schon stressig. (lacht) Und sie machen gute Waffeln.

Wie ist es denn für Sie, mit solchen, sagen wir mal, Holzköpfen zurechtkommen zu müssen?

Also, wenn es logisch ist und auch nachvollziehbar mag ich das gern. Aber es wird schon nervig, wenn eine solche Position einfach nur frei im Raum steht.

Haben Sie denn in einer Diskussion schon mal den Punkt erreicht, an dem Sie sich dachten: „Jetzt geht’s nicht mehr weiter“?

Nah ja, man kann nie immer alle alles sagen lassen. Man muss das halt beim Einstieg voraussetzen.

Das Kollegium ist …

(lacht) Super!

… Natürlich nicht dasselbe wie an einer Regelschule. Aber sind die Lehrer denn auch wirklich anders?

Ja, es gibt schon mal nicht diesen „Null Bock und ich habe alles schon gesehen“-Lehrer, der immer nur stumpf den Lehrplan durchkaut, Jahr auf Jahr. Dann sind sie sehr hilfsbereit. Vor allem sind aber gut im Organisieren und sehr verlässlich – was am LGH aber auch sein muss.

Sie betreuen auch eine WG in Haus 11. Welche Erfahrungen bringt das Internat denn für Sie mit sich?

Also ich sehe mich da in vielem wieder. Die Schüler sind halt sehr selbstständig beim Arbeiten  und haben recht wenig Heimweh. Manchmal schwappen so kleine Sachen halt über. Aber es ist halt nicht mal 15 Jahre her, da war ich noch selbst so. (lacht)

Sehen Sie denn einen untrennbaren Zusammenhang von Internat und Schule?

Der ist auf jeden Fall da, zum Beispiel bei den Hausaufgaben. Man merkt halt, dass Schüler, die im Internat nicht organisiert sind, in der Schule ebenso wenig organisiert sind. Als Lehrer muss man halt das Persönliche aus dem Internat vom Schulischen trennen, egal wie gut es im Unterricht läuft. Für die Schüler ist das Internat eben das Zuhause, mit Fehlern und allem.

Ende letzten Jahres war hier die Landesschau zu Besuch und schloss den Bericht mit den Worten: „So anders sind diese Hochbegabten doch gar nicht.“ Haben Sie das auch „bemerkt“?

Das ist halt so wie bei Schülern, die feststellen, dass Lehrer ein Privatleben haben. (lacht) Der                                           Unterschied zu anderen Kindern ist halt die höhere Lernmotivation.

Wurden denn besondere Erwartungen an Sie gestellt, als Sie an die Schule kamen? Oder waren           Sie da eher frei?

Nein, das Leben außerhalb der Schule wird sehr begrenzt- und das schreckt viele ab. Aber die Schüler sind es mir wert.

Was ist es denn, was das LGH ganz besonders auszeichnet, im positiven wie im negativen Sinne?

Also mit dem Angebot an Addita hat das LGH etwas, wovon andere Schulen mit ihren AGs nur träumen können. Dann sind das vor allem die Räumlichkeiten und die Ausstattung. Negativem bin ich noch nicht so begegnet, die A-Samstage sind halt gewöhnungsbedürftig. Daran muss ich mich aber gewöhnen. (lacht)

Sie leiten mit „Kochen & Backen“ ja selbst ein Additum. Kochen Hochbegabte denn anders?

Ich habe vorher noch nie mit Schülern gekocht, also kann ich das nicht beurteilen. Nur frage ich mich manches Mal schon: „Du bist hochbegabt, warum fragst Du das?“, zum Beispiel wenn ich gefragt werde, ob denn nun Öl in die Pfanne müsse.

Nun wir ja oft moniert, dass das LGH für die Schüler eine ziemliche Isolation bedeutet. Können Sie sich dem anschließen?

Das glaube ich nicht, weil hier schon ziemlich versucht wird, die Schüler in das Leben außerhalb einzubinden, gerade mit dem Frühstudium und so. Aber für den Einen oder Anderen könnte es nachher trotzdem schwer werden, ja.

In der unlängst erschienenen Shell-Jugendstudie zeigte sich ja ein deutlicher Anstieg der  politisch Interessierten unter den Jugendlichen auf 40%, allerdings sind ganze 60% der Ansicht, dass die Politiker ihre Interessen nicht wahrnehmen würden. Nehmen Sie als Lehrerin für Gemeinschaftskunde das auch so am LGH wahr?

Ich glaube, dass der Wille zur Politik und zum dahingehenden Engagement höher ist. Aber es fehlt das tatsächlich informierte, tiefere Interesse. Von der politischen Tiefe her unterscheidet sich das LGH nicht so stark von anderen Schulen.

Zudem unterrichten Sie Englisch. Gibt es denn in diesem Fach einen größeren Unterschied?

Also es gibt das Phänomen, dass manche hier einfach mehr können. Es ist halt auch Einstellungssache und hängt auch davon ab, inwiefern der Lehrer darauf beharrt, dass sein Fach das wichtigste ist. Ich versuche da, mich nicht an die Schüler anzupassen, es aber zu respektieren, wenn der Schüler weiß, dass er es, auch wenn er es nicht weiß, braucht. Es muss ja keine 1 oder 2 herauskommen, aber man sollte halt durchkommen.

Um auf die Shell-Jugendstudie zurückzukommen: Jugendliche verbringen nunmehr 18 Stunden pro Woche im Netz.

Das sind zwei bis drei Stunden pro Tag, oder? Das empfinde ich nicht als zu viel.

Bekommen Sie denn im Englischunterricht die Einflüsse von Tumblr, Foren & Co. zu spüren?

Im Englischunterricht bemerke ich das oft am Wortschatz, wenn die Schüler ganz bestimmte Wörter schon kennen. In Gemeinschaftskunde stelle ich halt fest, dass die meisten diesbezüglichen Informationen eben aus dem Internet stammen.

Ist das für Sie ein positiver Trend? Oder fangen die Schüler schon an, sich „Wahre Fakten“ aus dem Netz an den Kopf zu donnern?

Also das Internet ist – optimistisch gesehen – eigentlich eine gute Sache, auch für den Unterricht. Ich sehe das eher unproblematisch.

Gibt es denn Projekte, die Sie im Unterricht oder sonst schulisch unbedingt durchsetzen wollen?

Letztes Jahr habe ich mit meinen Schülern Erklärvideos zu politischen Themen gedreht. Das würde ich gerne wieder machen. Ansonsten bin ich mit „Kochen & Backen“ zufrieden.

Und dabei werden Sie bleiben?

Weiß ich nicht, wahrscheinlich schon. Ich hätte halt gerne noch ein Ballsport-Additum angeboten, aber es gibt schon zu viele sportliche Addita. Und im musisch-künstlerischen Bereich kann ich nichts anbieten – ich kann ja weder singen, noch spiele ich ein Instrument. (lacht)

Oft bekommt man zu hören, dass die LGHler zu wenig Sport treiben. Schließen Sie sich dem an?

Ich finde das noch gar nicht so, habe ich aber am Anfang schon hin und wieder gehört. Als ich hier ankam und meinte, dass Fußball eines meiner Hobbies ist, hat man mir gleich gesagt: „Können Sie hier vergessen.“ (lacht) Das     Problem ist halt, das der Sport eher im Hintergrund steht, aber das ist vielmehr ein Problem                                             unserer Generation als ein LGH-Problem.

Haben Sie denn Pläne für das Internat?

Ja, ich möchte auf jeden Fall während der EM nächstes Jahr Public Viewing am LGH ermöglichen.

Na bitte, das gab es sogar schon. Zum Schluss noch ein paar „einfache“ Fragen. Wenn Sie Königin am LGH wären, was würden Sie ändern?

(denkt nach) Also ich würde festlegen, dass die Lehrer, aber auch nur die Lehrer in der ersten Stunde frei haben. (lacht) Das Essen würde ich halt verbessern – ich sage aber nicht, dass es schlecht ist, nur, dass noch Luft nach oben ist.

Vielleicht sehen wir Sie ja irgendwann im Küchenausschuss. Mit welchem Tier würden Sie sich vergleichen?

(lacht) Alles, was mir einfällt, hat ziemliche Nachteile. Ich nehme die Giraffe – Ich hätte Adler sagen sollen, verdammt! Die Giraffe hat halt den Überblick, bleibt aber trotzdem gediegen. Und sie findet immer einen Weg, etwas zu erreichen, wenn sie will.

Na, das ist doch ein schönes Schlusswort.

~Marc Müller

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