von Merlin KrzemienSchotten Referendum Titelbild

Schottland feiert. Endlich darf es erwachen, das kleine, vom Schicksal gebeutelte Volk, und den Jahrhunderte währenden Albtraum vom englischen Imperialismus zusammen mit dem Schlafgeruch aus den Kissen schütteln. Sie haben sich für die Freiheit entschieden, bis 2016 wird Blauweiß aus dem Union Jack gestrichen werden müssen.

So schön sah der fettgedruckte Einführungstext unter der zugehörigen Schlagzeile meiner für den 19. September vorbereiteten Reportage zum „Yes“-Votum aus. „SCHEIDUNG NACH 300 JAHREN ZWECKEHE!“, schrien noch die kleinen Zeitungsjungen in meinem Kopf, als ich langsam entschlummerte. Dann am nächsten Morgen der Blick aufs Handy. Die Tür zur Freiheit und was machen die verdammten Dudelsäcke? Das waren drei verdammte Seiten! So viel Arbeit und alles umsonst? Normalerweise ist doch immer und überall Verlass auf den Nationalismus – wo hat er uns denn schon einmal im Stich gelassen, wenn er erst richtig ins Rollen gekommen war? Konsequenz für mich: Neuer Text, diesmal aber freier. So eine Langeweile tu ich mir nicht noch einmal an.

Am Donnerstag, dem 18. September 2014, entschied sich Schottland gegen die Unabhängigkeit und nicht wenigen viel der Löffel ins morgendliche Porridge. „Wird Schottland wirklich der erste Staat sein, der sich auf demokratischem Wege gegen die Demokratie entscheidet? Stellt euch vor, wie peinlich das wäre!“, twitterten Separatisten unter dem Hashtag #WingsScotland noch am Wahltag. Und es ist geschehen: Das Königreich bleibt vereint, der Kilt der Union fürs Erste erhalten.

Mit 55 Prozent „No“ ist die Entscheidung zwar keinesfalls haarscharf ausgegangen aber viel zu knapp, um groß zu feiern. Demokratie lässt immer Unzufriedene zurück und in diesem Fall mehr, als der Atmosphäre gut tut. Bei einem Mindestwahlalter von 16 Jahren waren mehr als vier Millionen in Schottland ansässige EU-Bürger wahlberechtigt und 84,6 Prozent der Registrierten tat den Gang zum Wahlbüro – ein Spitzenwert. Es war eine Diskussion, die ihre Gesellschaft spaltete, denn sind Meinungen auch grau, wurde hier schwarzweiß gewählt. Separatisten und Unionstreue bekämpften sich in einer monatelangen Debatte bis aufs Messer. Mit den immer gleichen Argumenten schlugen sie sich die Schädel ein.

Doch nun steht die Entscheidung und es stellen sich einige wichtige Fragen: Wie viel Alkohol war nötig, sie den Volkstraum vergessen zu lassen? Und was bedeutet das nun für diese sonderliche Nation, hauptsächlich bekannt für ihre prächtigen Beinkleider? Für ihren griesgrämigen Unionspartner? Für Cameron und seine Torie-Partei? Und zuletzt die Frage, die euch wirklich bewegt: Für uns? Lasst mich etwas weiter ausholen!

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Schottland und Großbritannien

Die ersten Bestrebungen, Schottland in sein Reich einzugliedern, zeigte Edward I. von England Ende des 13. Jahrhunderts, als der kleine Nachbar sich in einer ernsthaften Erbfolgekrise befand. Die darauffolgende kriegerische Episode wird die Schottischen Unabhängigkeitskriege genannt, schnitt noch tief ins nächste Jahrhundert ein und störte die schottisch-englische Beziehung dauerhaft. William Wallace, der schottische Nationalheld, und Robert the Bruce, bald der neue König seines Landes, sollten vielen ein Begriff sein. (Ich verweise an dieser Stelle auf den historisch äußerst inakkuraten Hollywood-Blockbuster „Braveheart“ von Mel Gibson. Ich sage nur: „FREEDOM!!!“)

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kamen in England die schottischen Stuarts auf den Thron und von da an wurden beide Länder in Personalunion regiert. 1707 stimmte der schottische Adel, der sein Land in den finanziellen Ruin getrieben hatte, gezwungenermaßen (und wer nicht musste, wurde bestochen) dem Act of Union zu und die beiden Staaten verschmolzen zum Königreich Großbritannien – gegen den Protest des schottischen Volkes.

In den kommenden 250 Jahre führten beide Völker eine mehr oder weniger glückliche Ehe (Krisen sprich Aufstände sollen ja überall vorkommen), die trotz ihres arrangierten Charakters erst Mitte des 20. Jahrhunderts, als das britische Weltreich endgültig zerfiel, begonnen wurde, angezweifelt zu werden. Die Nationalisten wurden stärker, in den Siebzigern wurde ein erstes Unabhängigkeitsreferendum abgehalten, das wegen zu geringer Wahlbeteiligung für ungültig erklärt wurde, und schließlich bekam Schottland 1999 nach fast 300 Jahren wieder ein eigenes Parlament.

Wer kein Bild davon hat, wie die schottisch-englische Beziehung heute aussieht, der soll sich bitte die entsprechende Folge „Last Week Tonight with John Oliver“ ansehen. Kleiner Spoiler: Sie hassen sich.

Schottische Politik

In Schottland herrscht die Scottish National Party (SNP). Die Vertreter dieser Partei galten zwar niemals als echte Dudelsackfanatiker, handelt es sich doch nicht, wie man vielleicht glauben mag, um einen Front National in Schottenkaros sondern um eine sozialdemokratische Partei mit starkem linken Flügel, aber dennoch spielten sie sowohl in der britischen als auch später in der schottischen Politik lange Zeit keine allzu große Rolle. Das änderte sich, als Alex Salmond auftrat und die Zügel in die Hand nahm. Er ist das Gesicht eines modernen, positiven Nationalismus – etwas dicklich vielleicht, aber endlich weg von der Vorstellung, alle Schotten seien Baumstammwerfer. 2007 bildete er in einer Koalition mit den Grünen eine Minderheitsregierung im schottischen Parlament, im zweiten Anlauf 2011 holte er die absolute Mehrheit.

Eines von Salmonds Wahlversprechen war die Abhaltung eines Referendums über die Unabhängigkeit Schottlands und 2012 wurden entsprechend benötigte Verträge mit dem britischen Premier Cameron ausgehandelt und unterzeichnet. Am Donnerstag, dem Achtzehnten, wurde es abgehalten, am Freitag verkündete Salmond seinen geplanten Rücktritt.

Krieg der Kampagnen

Seit Monaten herrschte in Schottland Krieg. Auf der einen Seite stand die „Yes Scotland“-Kampagne mit offensichtlich separatistischen Zielen, auf der anderen „Better Together“, die sich mit einem trockenen Slogan „No, thanks.“ gegen die Unabhängigkeit aussprachen.

Mit Alex Salmond hatte „Yes Scotland“ den Regierungschef und im Moment populärsten Politiker des Landes an seiner Spitze. Trotz viel schlechterer Ausgangswerte in den Umfragen gelang es seiner Seite im vergangenen Monat, gewaltig aufzuholen und tatsächlich ein volles Mal in einer seriösen Umfrage gegen die „Better Together“-Kampagne zu triumphieren. Ihr Programm: Schottlands Zukunft in Schottlands Händen. Klingt grundlegend wie Käse, ist aber nicht ganz so platt, wie es sich anhört. Überwältigend war die Präsenz der Unabhängigkeitsbefürworter. Überall sah man das weiße „YES“ auf blauem Grund, stolz platzierte ein jeder das Schild vor seinem Haus. Für die Abspaltung einzutreten war sehr populär.

„Better together“, geführt von Labour-Politiker Alistair Darling (unwichtig weil hier unpopulär), hatte zu Beginn einen bequemen Vorsprung und ließ es sich entsprechend gut gehen. Doch im letzten Monat schmolz die Sicherheit wie Butter, zuletzt war das Ergebnis des Referendums kaum noch vorherzusehen. Die Begeisterung dieser Seite hielt sich eindeutig in Grenzen. Es wurden auch „No“-Schilder an Fenster geklebt, aber nicht allzu oft. Wer trägt schon gerne einen „Nein, danke“-Button? Klingt doch furchtbar. Auch die Strategie, dem Volk zu erzählen, was alles Schlimmes passieren würde (Pfund, EU, Pfund), anstatt Gründe zum Bleiben zu nennen, kam nicht allzu gut an.

Eine gute Auflistung der Streitpunkte und jeweils zugehöriger Argumente findet ihr auf Wikipedia. (Das spar ich mir hier, denn ich bin jetzt schon bei über 1.000 Wörtern.)

Der Morgen danach

55 Prozent sind zu wenig, um für gute Laune zu sorgen. Die Stimmung am 19. September ist schwer zu beschreiben. Die Enttäuschung der Separatisten war deutlich zu spüren, doch nur selten kam es zu wirklichen Ausbrüchen. Von einer Ausnahme weiß ich zu berichten, denn ein anderer Schüler erzählte mir von seinem Mathelehrer: Die Klasse lauschte 20 Minuten lang still einer Tirade, in der er seine Mutter verfluchte, weil sie Nein gewählt hatte und schwor, nie wieder mit ihr zu sprechen. Am Vortag hatte er aus demselben Grund schon über seine Schwester gesagt: „I could slap that silly bitch.“ Das Beispiel ist nicht repräsentativ, aber ich fördere damit eine Minderheit und außerdem ist es lustig.

Für die anderen Enttäuschten wähle ich das Wort „bedröppelt“, denn ernsthaft verzweifelt war kaum einer. Man weiß, es wird sich trotzdem vieles ändern, aber das Endziel wurde verfehlt. Besonders für ältere Befürworter der Unabhängigkeit ist das ein herber Schlag, denn wenn auch die Debatte nicht beendet, der Traum vom Staate Schottland ist für sie wohl gestorben.

England und seine Torie-Regierung

David Cameron wird Luftsprünge gemacht haben, denn ein unabhängiges Schottland hätte das Ende seiner politischen Karriere bedeutet. Es wurde schon die Frage laut, wie man denn ein Referendum überhaupt habe zulassen können und wer noch gleich die Verträge unterschrieben habe. „Verdammt, so knapp“, werden sich viele denken, „beinahe wären wir ihn losgeworden!“ Für die britische Labour Party wäre der Wegfall der schottischen Wählerstimmen jedoch fatal gewesen, denn Schottland wählt traditionell links und ohne sie, wären sie auf ewig in der Opposition gefangen. Jetzt ist die Krise fürs Erste überwunden, im Mai wird vermutlich Labour gewählt, Cameron behält seinen Kopf und überall ist Friede, Freude, Eierkuchen: Für die nächsten dreißig Jahre ist Westminster die Unabhängigkeitsfrage los.

Als kurz vor der Wahl die erste Umfrage veröffentlicht wurde, die den Sieg der Separatisten prognostizierte, war Panik in London. Die drei großen britischen Parteien sprangen im Quadrat, der kalte Angstschweiß brach ihnen aus. In ungewohnter Eintracht entschieden sie sich für die Opfergeschenke.

Schottlands Autonomiestatus

Dem Regionalparlament sollen in Zukunft weitreichendere Kompetenzen gewährt werden, geplant ist eine Stärkung der Entscheidungskraft in ausschließlich Schottland betreffenden Angelegenheiten und größere Freiheit über die Steuergelder.„Yes Scotland“ ist es gelungen, London nervös zu machen und zu Versprechen zu zwingen, aus denen es  sich nicht allzu leicht befreien kann, schließlich fehlen bei 45 Prozent nicht viel zur Mehrheit. „England wird viel tun müssen, um die Schotten zu halten.“ – ein oft gesagter Satz in den letzten Tagen.

Doch England wäre nicht der imperialistische Schweinestaat, der schon viel größere Länder als die Karo-Nation geknechtet hat, wenn die drei großen Parteien nicht jetzt schon ihre Aussagen relativieren und sich einfach nicht einig werden wollen über das, was sie vorher so einhellig versprochen haben. Wie, wann, wo und unter welchen Umständen? Schwächen wir dafür die Schotten im britischen Unterhaus? Oder wollen wir nicht vielleicht doch wieder ihre Felder verbrennen und einfach einen neuen Statthalter einsetzen? Die Nationalisten fühlen sich betrogen, zu ehrlich betroffen hatte sich Cameron in seinem Bettelvideo gegeben. Meine Schlussfolgerung: Traut niemals einem Konservativen, meine Kinder, was der alles im Keller hat, wollt ihr gar nicht sehen.

Für uns…

… gibt es keine allzu großen Veränderungen, ich gebe zu, das war ein Lockvogel. Kurzzeitig fühlte sich die Bayernpartei in seinen Unabhängigkeitsbestrebungen bestätigt, doch die sind harmlos, über die lacht ja sogar der durchschnittliche CSU-Wähler. Nicht einmal über einen neuen EU-Beitritt dürfen wir als Staat abstimmen und die Spanier sind beruhigt, denn Baskenland und Katalonien wollen sie auch noch ein wenig behalten. Der Zerfall der BRD in viele kleine lustige Herzogtümer, Grafschaften, Königreiche und so weiter steht auch nicht bevor und der 18. September geht nicht in die Geschichte ein.

Vertane Chance?

Es hätte der Tag werden können, der eine, an den sich auch noch der letzte Schotte auf dem Mond erinnert hätte. Aber nun wird es wohl ein anderes Datum sein, denn zu diesem Zeitpunkt sind sie wohl noch nicht bereit. Und die Vorteile, in einer sicheren, wirtschaftlich wachsenden Union zu verbleiben, dürfen auch nicht unterschätzt werden – es war wohl eine Entscheidung des Kopfes und nicht des Herzen und an diesem Tag blieben auch die traditionellsten Kiltträger ausnahmsweise nüchtern. (Um wenigstens irgendwie zur aufmerksamkeitsheischenden Schlagzeile zurückzukommen.)

In dreißig Jahren wird es das nächste Referendum geben, davon sind die meisten Schotten überzeugt. Die Diskussion ist nicht beendet, nur das Thema Unabhängigkeit ist besonders für die Alten gegessen. Es wird sich vieles tun und einige Freiheiten muss Westminster gewähren, denn heutzutage reicht es nicht mehr, einen Nationalhelden aufzuknüpfen(, auszuweiden und zu vierteilen), wenn man eine Revolte beenden will.

Das Ziel, die Unabhängigkeit, ist zwar noch nicht erreicht, doch endlich wurde das neue Schottland gehört. Die vergangenen Monate haben politisiert und selbst die Jugend begeistert und wenn auch keine Scheidung so ist zumindest eine Emanzipation erfolgt. Kleines Schottland einmal groß.

 

Ein langes Abenteuer und ich gratuliere jedem, der bis hierhin durchgehalten hat! Dieser Artikel ist eine Kooperation zwischen der farbfleck – mehr als nur schwarz auf weiß und Schottenkaros, meinem Austauschblog. Schaut mal drauf vorbei!

 

Beste Grüße aus Schottland!

Merlin Krzemien

 

Bildquelle: Merlin Krzemien

2 Kommentare

  1. Sehr guter Artikel, Merlin.
    Besonders hat mich gefreut, dass du mit der weitverbreiteten Meinung, das Unabhängigkeitsreferendum wäre rein nationalistisch motiviert, aufgeräumt hast. Mit dem „No“ ist aber auch eine gute Sache verbunden. Schottland ist traditionell pro-europäisch, da steigt die Chance, dass UK für einen Verbleib in der EU stimmt.

    • Vielen Dank für das Feedback, critic (?)!
      Auf das alte „immer diese anti-europäischen Engländer“-Problem fällt mir eine Lösung ein, um deren Formulierung ich in aller Kürze Martin Sonneborn zitieren muss: „Sink it.“
      Jetzt sehe ich natürlich das Dilemma: Wenn sich die Schotten abgespalten hätten, wäre es unfair gewesen, sie mit in den Atlantik zu schicken, doch jetzt da sie sich dagegen entschieden haben, käme man im Königreich gar nicht erst auf eine Mehrheit für einen EU-Austritt. Und uns scheint diese verlockende Möglichkeit leider verwehrt. Gemein.
      Doch warum nicht einfach eine andere Begründung an den Haaren herbeiziehen? Wir bestrafen die Schotten für ihre scheinbar unverständliche Entscheidung und sagen uns, um die Engländer ist es sowieso nicht schlimm. Wir fragen die Amis, ob sie das erledigen könnten und geben ihnen so die Chance, sich gebührend bei uns zu entschuldigen.

      Lösung gefunden! (Ich bitte allerdings um einen Aufschub der Ausführung bis zum Sommer 2015; das Feuerwerk sehe ich mir lieber aus der Ferne an!)

      Beste Grüße
      Merlin

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