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Wir hier drinnen

Wenn alle Schüler wählen könnten…

von Marie Völkering

Am 22. September 2013 wurde der deutsche Durchschnittsbürger wieder einmal nach seiner Stimme gefragt, um einen neuen Bundestag zu bilden. Auch das LGH blieb diesmal nicht verschont: Einige Schüler organisierten auf eigene Faust eine Wahl, bei der jeder Schüler teilnehmen konnte, ungeachtet seines Alters. Zwar kann damit in Deutschland nichts bewegt werden, aber es hilft doch vielen Schülern, sich früh mit Politik auseinanderzusetzen und eine eigene Meinung zu bilden.

 

Wer in der letzten Woche einmal im Foyer war, konnte eine Veränderung nicht unbeachtet lassen: Vom Eingang aus blickte man direkt auf eine bunte Fläche aus Stellwänden, die sich im Laufe der Woche mit immer mehr Plakaten füllte. Doch hier hingen keine Filmplakate oder Einladungen zu Lesenächten, wie es sonst am schwarzen Brett der Fall ist, sondern Wahlwerbeplakate. Es fing an mit zwei kaum auffallenden Werbungen der Rentnerinnen- und Rentnerpartei, doch als bis Mittwoch schon einige Parteien mehr an der Wand vertreten waren, zog es immer mehr Schüler ins Foyer, die sich rege über die dargestellten Inhalte unterhielten.

Aber was sucht Wahlwerbung in einer Schule?

Viele Jugendliche, teils sogar vor ihrer ersten „echten“ Bundestagswahl, wissen nicht, was sie wählen wollen und kennen auch irgendwie nicht so recht die Ansichten der verschiedenen zur Wahl stehenden Parteien. Gewählt wird oft das, was Mama und Papa auch gut finden oder gerade im Fernsehen einen coolen Werbespot abgeliefert hat. Zwar ist es nicht so, dass Jugendliche keine Ahnung von Politik haben oder sich überhaupt nicht informieren, allerdings gibt es in jeder Altersklasse einen kleinen Anteil derer, die sich nicht ganz bewusst sind, wer eigentlich was durchsetzen möchte. Zeitungen, Wahl-o-Mat und öffentliche Werbung machen auf Wahlprogramme aufmerksam, doch uns interessierte es , ob man nicht auch als Schule  das politische Interesse und Bewusstsein stärken kann.

Was käme da gelegener als eine eigene Bundestagswahl? Dahinter steckt nämlich folgende Idee:

Kinder und Jugendliche bekommen bei uns, auch wenn sie unter achtzehn sind, das Recht, ihre Stimme abzugeben. Diese zählt natürlich nicht in der nationalen Politik und hat keinerlei Auswirkungen auf das Leben, spiegelt aber ein Ergebnis wieder, wie es sich unsere Schüler wünschen würden.

Das hat gleich zwei Vorteile:

Zunächst einmal wird das Ziel, dass sich möglichst viele Jugendliche vor ihrer ersten richtigen Wahl mit der deutschen Politik auseinandersetzen, etwas nähergebracht. Sitzen nämlich die Schülerinnen und Schüler zusammen in der Mensa oder WG, kommt früher oder später das Thema „LGH-Wahl“ auf den Tisch, entweder aus Interesse, was für andere bei der Wahlentscheidung Gewicht hat oder aus Unsicherheit bei der eigenen Wahl. Jeder Schüler bringt dabei eigenes Wissen und eigene Erfahrungen mit, was sich im Gespräch weiterverbreitet und somit an sehr viele Schüler gelangt.

Außerdem ist das Ergebnis hochinteressant, denn bei der echten Bundestagswahl erfährt niemand, was sich Schüler wünschen, ob sie lieber das Schulsystem umschmeißen wollen oder nicht, ob sie Wert auf Tierschutz und Umwelt legen oder auf funktionierende Wirtschaft. Sie sind die Politiker und Geschäftsleute von morgen und leben in einer Welt, die heute maßgeblich von den Älteren bestimmt wird. Dabei sollte entsprechend auch ihren Wünschen und Vostellungen Beachtung geschenkt werden.

Der Plan stand also fest: Eine eigene Wahl musste her – und zwar schnell, denn zwischen Schuljahresanfang und Bundestagswahl lagen lediglich zwei Wochen. Zur Unterstützung stelle uns Herr Hanisch kurzerhand seinen vierstündigen Gemeinschaftskundekurs zur Verfügung (danke noch einmal dafür), der tatkräftig half.

So wurden am Wochenende alle Parteien adressiert mit der Bitte, uns Informationsmaterial über das eigene Wahlprogramm sowie Plakate zu schicken. Der Bitte kamen fast alle Parteien erstaunlich schnell in Form von Plakaten, Flyern, Taschentüchern, Fähnchen und Aufklebern nach, sodass wir gar nicht mehr wussten, wohin wir mit all dem Material sollten.

Innerhalb kürzester Zeit hatte jeder Schüler einen Wahlbogen ausgeteilt bekommen, anhand dessen er sich mithilfe des Internets und der Stellwände über alle zur Wahl stehenden Parteien informieren konnte und den er am Freitag als Ausweichtermin für verhinderte Schüler oder am Sonntag abgeben sollte.

Dann stand die Auszählung an und sofort war klar, dass das Ergebnis dem der eigentlichen Wahl höchstens ähnelt.

 

Zwar stellt auch am LGH die CDU die stärkste Kraft dar, der die zweitstärkste Partei namens SPD momentan nicht das Wasser reichen kann, erstaunlich ist aber zum Beispiel das Ergebnis der Grünen, die mit 14,7% der Stimmen nur 1,4% hinter den Sozialdemokraten liegen.

Auch hat bei uns, beachtlicherweise im Gegenteil zur Bundestagswahl, auch die FDP die Fünf-Prozent-Hürde genommen – ebenso wie die Piraten und die PARTEI. Somit bietet der LGH-Bundestag eine wesentlich größere Parteiendiversität.

 

 

Im Gesamtergebnis mit Missachtung der Fünf-Prozent-Hürde wird klar, dass sich ein großer Teil der Stimmen auf die „Sonstigen“ erstreckt. Dies veranschaulicht die folgende Grafik, die mit dem jeweils linken Balken die Bundestagswahlergebnisse zeigt und mit dem rechten die der LGH-Wahl.

 

 

 

Aus diesem Vergleich lässt sich leicht ersehen, dass vor allem die Jugend den Grünen zugeneigt ist und Wert auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit legt. Außerdem sind die Piraten bei den Schülern wesentlich höher angesehen als bei den Erwachsenen. Besonders erwähnenswert ist aber, dass so viele Parteien, die nicht auf der Liste der „Großen“ sind, gewählt wurden – wären die Sonstigen eine Partei, hätten sie die SPD locker geschlagen – und somit eine scheinbar sehr gute Information über die Parteien bei unseren Schülern vorliegt, denn wenn jeder wählen würde, was seiner Meinung am ehesten entspricht wäre mit Sicherheit auch bei der echten Wahl die Verteilung auf die „kleinen“ Parteien ausgedehnter.

Ich denke, dass die Wahl ihr Ziel erreicht hat: Wir können deutlich ersehen, dass die Umwelt der Jugend sehr wichtig ist und auch die Freiheit im Internet, aber dass auch so manches in der Politik deutlich überdacht gehört, was an der hohen Stimmzahl der „PARTEI“, der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratischer Initiative – einer Satirepartei – erkennbar ist. Außerdem denke ich, dass die Vorabinformation vor der Schülerwahl den Jugendlichen deutlich geholfen hat, sich in der Politik zurechtzufinden und eine Meinung zu bilden.

Ein voller Erfolg also!

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Quelle: derfarbfleck
Website: http://www.derfarbfleck.de/old
Autor: derfarbfleck
Veröffentlichung: 24. September 2013
Kategorie: Wir hier drinnen

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