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Wir hier drinnen

Die Bundesjugendspiele – was uns wirklich bewegt

Ein Kommentar von Valerie Winkler

Gegen Ende Frühjahr ist es wieder so weit. Da wird der Sportunterricht nach draußen verlegt, und von Turnen und Basketball wird auf Leichtathletik umgestellt. Der Lehrer sagt: „Die Bundesjugendspiele stehen an. Ab jetzt wird trainiert!“. Und dann wird gesprungen, gerannt und der ein oder andere haut sich eine vier-Kilo-Kugel auf den Fuß. Doch warum eigentlich die ganze Mühe für einen Tag Sport?

Den  Vorläufer der Bundesjugendspiele, die „Reichsjugendwettkämpfe”, gab es schon seit 1920. 1951 wurden die Bundesjugendspiele dann zum ersten Mal für Schüler zwischen acht und 19 Jahren ausgeschrieben. Die Spiele in der heutigen Form gibt es seit 2001, wo sie speziell für Geräteturnen, Leichtathletik und Schwimmen ausgelegt wurden. Doch schon seit 1979 ist es für alle allgemeinbildenden Schulen in der Bundesrepublik verpflichtend, die Spiele durchzuführen, was bei vielen Lehrern auf Missmut stößt, da sie unwillig sind, einen ganzen Tag Unterricht für die Schüler der fünften bis zehnten Klasse  zu opfern.

Doch auch bei den Schülern lösen die Bundesjugendspiele wenig Begeisterung aus. Mit zunehmendem Alter verweigern immer mehr unsportliche Schüler und vor allem Schülerinnen die Teilnahme und drücken sich durch Krankschreibungen. Kein Wunder, denn vor der ganzen Schule weit hinter den Leistungen der anderen zurückzubleiben, ist wohl auch nicht besonders angenehm. Die Kultusministerkonferenz sieht das allerdings ganz anders. Sie schreiben: „Sie [die Bundesjugendspiele] sind auch für leistungsschwächere Kinder und Jugendliche motivationsfördernd”. Da würde wohl der Eine oder Andere widersprechen. Es ist verständlich, dass manche Schüler Angst vor Blamagen haben.

Des Weiteren haben Studien ergeben, dass die Bundesjugendspiele statt  Sportfest wohl eher  „Warte-Fest“ heißen sollten, da man bei der Durchführung des traditionellen Dreikampfes (drei Mal Werfen, drei Mal Springen, ein Mal Sprinten) zusammengezählt und ohne Einfluss des Coopertests etwa 45 Sekunden tatsächlichen  Sport treibt. Den restlichen Tag steht man einfach nur wartend am Rand und beobachtet die anderen. Ein großes Sportereignis können die Bundesjugendspiele also nicht sein. Auch schreibt das Bundesjugendministerium bei dem Aufruf zu den Spielen 2011/2012 Folgendes: „Die Bundesjugendspiele eröffnen Schülerinnen und Schülern die Chance, ihr individuelles sportliches Leistungsvermögen kennen zu lernen, ihr Talent unter Beweis zu stellen sowie gemeinsam mit Gleichaltrigen Freude am lebenslangen Sporttreiben zu entwickeln. Nahezu seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland nehmen die Bundesjugendspiele eine bedeutende Stellung im Rahmen des Schullebens ein. In diesem Jahr werden sie 60 Jahre alt. Ehrgeiz und Begeisterung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind seit jeher ein wichtiger Indikator für ihre Anerkennung bei den Heranwachsenden. Deshalb bleibt die ansprechende Gestaltung der Bundesjugendspiele für die Verantwortlichen stets aufs neue Herausforderung und Verpflichtung“.

Das Bundesjugendministerium ist also aufgrund ihrer Argumente der Meinung, dass Tradition, Freude am Sport, die Möglichkeit, Talente unter Beweis zu stellen und die Möglichkeit, die eigene Leistung kennenzulernen, die Bundesjugendspiele unverzichtbar machen. Ich finde, diese Argumente erwecken nicht gerade viel Motivation. Wenn ich mein Leistungsvermögen im Sportunterricht noch nicht gefunden habe, so bezweifle ich, dass dies in den 45 Sekunden Sport, die ich am Tag der Bundesjugendspiele mache, geschehen soll. Des Weiteren denke ich,  dass man seine Leidenschaft und Freude am Sport zu einem großen Anteil auch schon in anderen Situationen entdeckt und nicht die Wettkampfsituation benötigt, um sich darüber im klar zu werden. Das Argument, sein Talent bei den Bundesjugendspielen unter Beweis stellen zu können, hat zwei Seiten. Natürlich sollte jeder für besondere Leistung und Talent belohnt werde, doch das geht auch in Vereinen und muss nicht unbedingt in der Schule getan werden. Auf der anderen Seite wird auch als Funktion der Bundesjugendspiele aufgeführt, dass man Vereinssport und Schulsport verbindet (die örtlichen Vereine sind auch aufgerufen, bei der Organisation der Spiele zu helfen), von daher könnte man dieses Argument stehen lassen, sozusagen als Einblick für Schüler in den Vereinssport. Dass die Bundesjugendspiele Tradition sind, kann man verstehen, jedoch müsste die Tradition vielleicht etwas gelockert werden, um mehr Platz für neue Ideen und eine bessere Ausführung, besonders im sportlichen Sinne, zu schaffen.

Ich finde, man sollte die Spiele besser und vor allem vielfältiger organisieren, so dass man auch seine Talente in Bereichen wie Tanz- oder Mannschaftsspielen unter Beweis stellen kann. Doch im Vordergrund sollte bei jedem die Freude an Bewegung stehen und die Chance, das eigene Leistungsvermögen unter Beweis zu stellen. Deshalb sollten die Spiele auch nur für die, die wollen, eine Note ergeben, damit jeder wirklich das Gefühl hat, er sei bei einem Fest und nicht bei einer Prüfung. Vielleicht hätten auf diese Art und Weise alle mehr Freude an den Bundesjugendspielen.

Bildquelle: By Maximilian Schönherr (own work), (CC-BY-SA-3.0(http://www.creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de)), via Wikimedia Commons.

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Autor: derfarbfleck
Veröffentlichung: 03. July 2013
Kategorie: Wir hier drinnen

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