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Die Welt da draußen

Soviel du brauchst

ein Kommentar zum Kirchentag in Hamburg von unseren Gastautoren Christian Becker und Julius Ferber

Am 5. Mai ging in der Freien und Hansestadt Hamburg der 34. Deutsche Evangelische Kirchentag mit einem Open-Air-Gottesdienst im Stadtpark zu Ende,  den alle 120.000 Kirchentagsgänger gemeinsam feierten. Über 150.000 Besucher, darunter auch sehr viele Jugendliche aus ganz Deutschland, besuchten über das lange Wochenende viele Veranstaltungen und Programmpunkte eines DEKT, der unterschiedlicher nicht bewertet werden könnte.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag, der von Mittwoch bis Sonntag dauerte, bot ein abwechslungsreiches und interessantes Programm, das von Bibelarbeiten früh am Tag über politische Podiumsdiskussionen bis hin zu Konzerten und Gottesdiensten reichte. Basis für viele Arten von Veranstaltungen war das Motto des Kirchentages „So viel du brauchst“, welches im 2. Buch Mose zu finden ist. Da bietet sich natürlich an, über  Verteilungsgerechtigkeit zu sprechen, über Bewahrung der Schöpfung und über die Ärmsten der Armen. Der Kirchentag, der in einem idealen Rahmen stattfand – schließlich ist Hamburg eine der schönsten und größten Metropolen der Nation – wurde einem wirklich christlichen und kirchlichen Event dennoch nur bedingt gerecht. Zwar waren viele kirchliche Würdenträger zu Gast, wie unter anderem Margot Käßmann, und viele von ihnen fanden die richtigen Worte. Doch ein Überangebot von pseudokirchlichen Gesangsveranstaltungen verdrängte ordentliche protestantische Theologie und machte ein kritisches Nachdenken ein Stück weit unmöglich.

Auch war der Kirchentag teilweise zu politisch. Nicht durch das zahlreiche Erscheinen und Mitwirken von Spitzenpolitikern, aber durch eine programmatische  Zuspitzung auf rein politische Themen wurde der Kirchentag zu einem Forum für politischen Austausch – im Allgemeinen sicherlich wünschenswert, ganz speziell aber unangebracht. Entgegen der Forderung von Pfarrer Siegfried Eckert sollte der Kirchentag nicht „noch politischer werden“. Verbieten kann man es einem Politiker nicht, dass bei seiner Rede oder Bibelarbeit seine eigene Meinung durchschimmert; verhindern sollte man aber, dass politische Forderungen einen Diskurs bestimmen, in dem es eigentlich um Christentum und Kirche gehen soll. Erfreulich war hier, dass es (mit wenigen Ausnahmen) alle Politiker schafften, den Bundestagswahlkampf den Wahlkampf und den Kirchentag ebenjenen sein zu lassen. Und als Interessierter tat es gut,  Menschen wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel oder den Bundespräsidenten live, lässig und länger als nur ein paar Minuten zu erleben.

Eine Kritik – wenn man es so nennen mag – richtet sich also hauptsächlich an die Verantwortlichen des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentages, die sich in (mittlerweile leider) protestantischer Tradition das Wertegerüst und den theologischen Kern sparten und auf Massenveranstaltung und oberflächliches Event setzten. Ein großes Lob aber verdienen die einzelnen kleinen Gemeinden, die in interreligiösen Gottesdiensten den Dialog zwischen Christenheit, Judentum und Islam förderten und vor Ort Aktionen gegen soziale Armut in die Wege leiteten.

Natürlich sind auch die positiven Aspekte der Großveranstaltung, die alle zwei Jahre stattfindet, zu nennen. So gelang es mit den größeren Konzerten zum Beispiel ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, das so selten zu finden ist, und nur durch Musik entstehen konnte. Auch hier wurde, wie an vielen Stellen des Kirchentages, besonders auf Minderheiten geachtet. Oftmals war eine Gebärdensprachübersetztung verfügbar und die Veranstaltungen waren behindertengerecht erreichbar. Auch zu diesem Themenzweig gab es Vorträge und Gesprächsrunden: Inwieweit muss und kann man seh-, hör-, und anderweitig behinderte Menschen integrieren und wo hört die „Gleichmacherei“ auf?

Bei weitem nicht alle Besucher des Kirchentages 2013 waren evangelisch, oder überhaupt Christen: Auch Katholiken, Atheisten und Andere besuchten Veranstaltungen, die sich mit außerkirchlichen Themen befassten. Vor allem für solche boten sich in Hamburg neben dem offiziellen Teil auch die normalen touristischen Anlaufpunkte an.

Was bleibt vom Kirchentag? „Der Kirchentag endet nicht heute“, so Kirchentagspräsident Prof. Dr. Gerhard Robbers am Ende des Abschlussgottesdienstes, „er sollte das ganze Jahr dauern. In unserem Handeln und Denken soll jeden Tag Kirchentag sein.“ Die Nächstenliebe, die während der Tage trotz Höhen und Tiefen immer und überall spürbar war, sollte Christinnen und Christen bewegen, auch während ihres Alltages das zu leben, von dem in Hamburg die Rede war. Im Lied „Sonne der Gerechtigkeit“, dass am Ende des Open-Air-Gottesdienstes gesungen wurde, heißt es „Weck die tote Christenheit/ aus dem Schlaf der Sicherheit“ – und genau das sollte vom Kirchentag bleiben. Verantwortungsvoller Umgang mit der Schöpfung und dem Menschen, ganz im Sinne von „So viel du brauchst“, sollte Christen in Deutschland ein Motto bleiben, nicht nur Gerede sein. Die Erwartung, vieles, was in Hamburg enttäuschend war, zu ändern, wird an den 35. DEKT in Stuttgart gestellt, der 2015 stattfindet. Für Schülerinnen und Schüler schließlich war das Wochenende so oder so ein gelungenes, von dem man viele Erfahrungen mitnahm.

Foto: Christian Becker

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Autor: derfarbfleck
Veröffentlichung: 07. May 2013
Kategorie: Die Welt da draußen

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