derfarbfleck

Die Welt da draußen

Eine Woche lang bin ich du!

Von Juliane Goetzke

Eine ganz besondere Woche für Julia und Juliane: Sie haben in einem Selbstversuch ihren kompletten Kleiderschrank getausch. Abgewetzte Chucks gegen schwarze Absatzschuhe, Julias schicker Kleidungsstil gegen Julianes Ökooutfit. Wie haben die andern reagiert, was sagen sie selbst? Wie wichtig ist Kleidung wirklich?

Montag, Tag 1

Ich gebe zu, ich habe mich unwohl gefühlt. Sehr sogar. Es begann schon am Sonntagabend, als ich Julias Kleiderschrank öffnete und mir spärlich gefüllte Fächern in grau, blau und rosa begegneten. Ich wollte mal anprobieren, was ich die nächste Woche so tragen werde. Wie es aussieht, grau, blau und rosa. Na super!Ich frage mich, warum ich das eigentlich mache. Ich möchte Julia einfach in meinem Klamotten sehen, ohne Kragen, hohe Schuhen und Hochsteckfrisur. Die muss ich jetzt allerdings tragen und deswegen auch eine Viertelstunde früher aufstehen um auf meinem Hinterkopf ein Berg aus Spängelchen erwachsen zu lassen, dazu viel zu große Creolen, bei denen ich Angst habe, mir meine Ohrläppchen auszureißen. Als ich mit rosa Schal, einer Jeans mit Bügelfalten (niemand (!) macht extra Bügelfalten in seine Jeans, Julia!) und einem biederen aber eigentlich ganz netten Pullover, in grau natürlich, neben Julia in die Mensa lief habe ich mich unwohl gefühlt. Unsere Aktion hatte durchaus vorab schon die Runde gemacht, aber trotzdem begegneten mir viele erstaunte Blicke und grinsende Gesichter. Julia sieht, finde ich, phänomenal aus, das freut mich. Aber ich hätte trotzdem ganz gerne auch meine Klamotten an.

Dienstag, Tag 2

Heute trage ich eine hellblaue Bluse und einen blau, weiß, schwarz gestreiften Rock. Natürlich mit hohen Schuhen. Die gleiche Frisur, die gleichen Ohrringe. Alle meine Lederbändchen musste ich ablegen. In meiner Strumpfhose ist ein geflicktes Loch, Julia hat sofort genörgelt, so würde sie nie rumlaufen. Man kann sich daran gewöhnen, an den Gang in hohen Schuhen, das Drumherumlaufen um Schneeberge weil man sonst darin stecken bleibt und die zuvorkemmende Beratung in Geschäften. In rosa werde ich gesiezt und bekomme Pröbchen zum Mitnehmen, in meinen eigenen Klamotten meist eher in den richtigen Gang geschickt, zum selber weiter suchen.

Mittwoch, Tag 3

Zum Glück ist das hier eine B-Woche. Heute: Hohe Schuhe, Jeans mit Bügelfalte und Schulbluse. Ich bade mich in Selbstmitleid, wegen kalter, nasser Füße und unbequemer Bluse, dazu eine ganze Reihe komischer Blicke in der Mensa. Dauernd kommt jemand zu mir und meint, er habe grade Julia für mich gehalten. Scheint also ein ziemlich effektvolle Veränderung zu sein. Es mag übertrieben klingen, aber es fühlt sich wirklich  nach Identitätsverlust an. Ich sehe neben mir jemanden, der so aussieht wie ich. Mir selbst komme ich im Spiegel zwar irgendwie bekannt vor, aber nicht wie ich selbst.

Donnerstag, Tag 4

Ich fahre heute schon nach dem Mittagessen und darf deswegen meine eigene Kleider tragen. Das bedeutet mir erstaunlich viel. Ich suche mir einen weiten Pulli aus, den ich letzte Woche im Secondhand-Landen gekauft habe. Und endlich wieder warme Füße und die Möglichkeit, gradewegs durch den Schnee zu stapfen.

FAZIT:

Ich mag meine Klamotten lieber, an mir und an Julia. Und ich habe total unterschätzt, wie sehr ich mich durch meine Kleider definiere! Genauso wie die Veränderung der Außenwirkung. Plötzlich sind die Männer, die mir nachschauen, zehn Jahre älter und die Verkäuferinnen zehn mal freundlicher. Ich denke, diese Erfahrung werde ich mir ein wenig zu nutzen machen. Ein bisschen schicker im Alltag durch die Welt zu laufen, hat auch Vorteile.

Dieser QR-Code enthält den Link zum Online-Artikel
Quelle: derfarbfleck
Website: http://www.derfarbfleck.de/old
Autor: derfarbfleck
Veröffentlichung: 09. March 2010
Kategorie: Die Welt da draußen

Der Artikel ist urheberrechtlich geschützt und darf nur zu privaten Zwecken weiterverwertet werden. Jede andere Verwendung bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autors. Für Leserbriefe nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion unterhalb des Online-Artikels.

Ein Kommentar zu “Eine Woche lang bin ich du!”

Trackbacks/Pingbacks

  1. […] Julias Bericht: (Hier geht es zu Julianes Artikel) […]

    Klamottentausch « - April 17, 2010

Lass einen Kommentar da