 
 
<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>derfarbfleck &#187; Literatur</title>
	<atom:link href="http://www.derfarbfleck.de/old/tag/literatur/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.derfarbfleck.de/old</link>
	<description>mehr als nur schwarz auf weiß</description>
	<lastBuildDate>Wed, 11 Nov 2015 18:19:28 +0000</lastBuildDate>
	<language>en-US</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=4.2.38</generator>
	<item>
		<title>Der Gesang des Dodo &#8211; Ausgestorben und wiederbelebt</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/02/22/der-gesang-des-dodo-ausgestorben-und-wiederbelebt/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/02/22/der-gesang-des-dodo-ausgestorben-und-wiederbelebt/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 22 Feb 2014 11:26:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgestrahlt und Abgedruckt]]></category>
		<category><![CDATA[Artensterben]]></category>
		<category><![CDATA[Biologie]]></category>
		<category><![CDATA[Buchrezension]]></category>
		<category><![CDATA[David Quammen]]></category>
		<category><![CDATA[Evolution]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbuch]]></category>
		<category><![CDATA[Tierwelt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=6076</guid>
		<description><![CDATA[von Costanze Merkt David Quammen bringt mit seinem Buch „Der Gesang des Dodo – Eine Reise durch die Evolution der Inselwelten“ einen neuen Bereich der Bücherwelt in die Bücherläden. Das 1996 geschriebene und erstmals 1998 in deutscher Sprache erschienene Buch (erst Claassen Verlag, später Econ Ullstein List Verlag GmbH &#38; Co. KG) ist weder ein [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Costanze Merkt</em><img class="shrinkToFit decoded alignright" alt="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/36/DodoMansur.jpg" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/36/DodoMansur.jpg" width="397" height="639" /></p>
<p>David Quammen bringt mit seinem Buch „Der Gesang des Dodo – Eine Reise durch die Evolution der Inselwelten“ einen neuen Bereich der Bücherwelt in die Bücherläden. Das 1996 geschriebene und erstmals 1998 in deutscher Sprache erschienene Buch (erst Claassen Verlag, später Econ Ullstein List Verlag GmbH &amp; Co. KG) ist weder ein Sachbuch im eigentlichen Sinne, noch ein Roman. Trotzdem wird das mit dem <em>Lannan Literary Award</em>, einem der wichtigsten Literaturpreise der Welt, ausgezeichnete Buch zu Ersterem gezählt. Die Mischung aus der geschichtlichen Entwicklung der Evolutionstheorien, der Reise des Autors David Quammens und dem fast fiktional erscheinenden Wiederbeleben von teils unbekannten Tieren geben dem Buch seine eigene Note und einen ganz besonderen Stil. Man kann sogar sagen, dass das Buch mit einem spannenden Thriller von Dan Brown mithalten könnte, wenn der Leser sich auf das Abenteuer der Reise in eine andere Welt einlässt, Zoos nicht als kleinere „natürliche Umwelten“ sieht &#8211; wem kommt da nicht das Interview mit dem Leiter der Stuttgarter Wilhelma bezüglich des neuen Affengeheges in den Sinn &#8211; und ein wenig Interesse für die Natur oder Biologie bereit hat.</p>
<p>David Quammen, ein amerikanischer Schriftsteller und Sachbuchautor, schrieb mehrmals für den NATIONAL GEOGRAPHIC und weitere Sachbücher sowie Romane, denen des Öfteren Auszeichnungen verliehen wurden. Der Durchbruch gelang ihm jedoch mit seinem Werk <i>Der Gesang des Dodo</i>. Mit Humor &#8211; wer vergleicht schon den Hype um die Gentechnik mit Entengrütze, die wie in einem warmen Tümpel gedieh? &#8211; erzählt er  über die Kuriositäten des Menschen, den Forscherdrang verbunden mit dem Ausrotten von Tieren und die verschiedensten Phänomene und Wunder der Natur.</p>
<p>Das Buch handelt von der Problematik der Entdeckung bzw. der Veröffentlichung der beiden Evolutionstheoretiker Charles Darwin und Alfred Russel Wallace, welche zeitgleich dieselbe Theorie, heute als Darwinistische Evolutionstheorie bekannt, 15.000km entfernt und unabhängig voneinander aufstellten, jedoch außer ihrem Interesse an der Natur und derselben Muttersprache keine Gemeinsamkeiten aufwiesen. Darüber hinaus zeigt Quammen durch die detaillierte Schilderung des Artensterbens, warum die heutige Lage so ist, wie sie ist. Er warnt eindringlich und direkt vor dem vermehrten Aussterben der Tiere durch den menschlichen Egoismus <i>(„Obwohl die Seychellen erst 1778 zum Standort für eine dauerhafte Niederlassung wurden, waren bereits Ende des 18. Jahrhunderts Schildkröten das wichtigste Exportartikel der Kolonie. G.Gigantea erwiess sich als ebenso wohlschmeckend wie die Maskarenart.“)</i>. Ferner geht er romanartig auf die Entdeckungsreisen der damaligen Zeit, die entstehenden Konflikte durch Wissenschaft, Religion und dem menschlichen Gewissen ein. Gute Recherchen und längst in Vergessenheit geratene Personen und Tiere werden zum Leben erweckt und ziehen den Leser vollkommen in den Bann der damaligen Zeit. Quammens Stil fesselt nicht nur, vielmehr beschreibt er seine Handlung mit einer angemessenen Balance zwischen Wissenschaft und Fiktion. Beispielweise kann man hier den gelungenen Anfang des Buches zitieren: <i>&#8220;Fangen wir in den eigenen vier Wänden an. Stellen wir uns als erstes einen schönen persischen Teppich nebst einem Jagdmesser vor. Sagen wir, der Teppich ist 4.00 mal 5.50 Meter groß. Das bedeutet eine Fläche von 22 Quadratmetern Webstoff. Ist das Messer scharf wie eine Rasierklinge? Falls nicht, wird es geschliffen. Wir zerschneiden nun den Teppich in sechsunddreißig gleich große Stücke, lauter Rechtecke von 1.00 mal 0.61 Metern Fläche. Die zerreißende Textur gibt kleine gequälte Geräusche von sich, die wie der unterdrückte Aufschrei entsetzter persischer Weber klingen. Aber was gehen uns die Weber an? Wenn wir mit dem Schneiden fertig sind, messen wir die einzelnen Stücke aus, zählen alles zusammen &#8211; und stellen fest, wir haben, bitte schön, nach wie vor rund 22 Quadratmeter erkennbar teppichartigen Stoff. Aber was heißt das? Nennen wir jetzt etwa sechsunddreißig hübsche persische Bettvorleger unser eigen? Nein. Wir haben nichts weiter als drei Dutzend ausgefranste wertlose Bruchstücke, die dabei sind, sich aufzudröseln&#8230;&#8221; </i>Die anfangs dargestellte Traumwelt wird zum Grauen – wer möchte denn schon 36 nutzlose Stofffetzen haben? So wird auch die anfangs beschriebene pflanzliche und tierische Vielfalt ziemlich schnell durch das Auftauchen des Menschen ausgerottet, dass man sich schon fast für unsere Vorfahren, sei es aus gutem Willen, Neugier, Leichtsinn, Habgier oder Ignoranz der Inselerkundenden und Abenteuerreisenden, schämt. Seine Beschreibungen, warum ein Elefant in Afrika lebt und nicht in Deutschland sein Revier aufgeschlagen hat, wie er über lange Wasserstrecken auf andere Inseln schwimmt und warum es nicht nur einen Vogel, sondern eine ganze Menge verschiedenster Vogelarten durch die Evolution gibt, sind nachvollziehbar und sehr schön ausgearbeitet. Selbst „alte Bekannte“ – zu nennen wären hier James Cook oder Charles Darwin, wie auch „neue Freunde“, Alfred Russel Wallace oder seine Begleiter &#8211;  sind Gegenstand Quammens Darstellung. Ebenso werden Personen aus vergangenen Zeiten wiederbelebt &#8211; man erwähne nur die beiden Biologen Moritz Wagner oder Ernst Mayr &#8211;  darüber hinaus  Tiere, deren Existenz man nie vermutet hätte, wie wahre Drachen oder Vögel, die fluguntauglich sind und eine halbe Tonne wiegen oder auch hin und wieder keine Füße haben. Oft verspürt man den Wunsch, sie gerne kennen zu lernen, auch wenn dies leider im Bereich des Unmöglichen liegt. Die Frage nach dem Schuldigen muss man meist gar nicht mehr stellen, es genügt in den Spiegel zu sehen. Quammen schreibt zu Recht, dass er kein Patentrezept gegen das Artenaussterben hat. Er erkennt nur, was passiert, er beschreibt es und warnt. <i>&#8220;Überall auf der Erde führt die Menschheit Krieg gegen andere Arten, gegen die Wildheit der Wildnis, gegen die Blutröte der Zähne und Klauen der Natur. Der Sieg ist der Menschheit sicher. Die einzige offene Frage ist, wie hart die Friedensbedingungen sein werden […]. In dem Maße […], wie das umgebende Land sich verändert, wird Wae Wuul (ein Reservat für Komodo-Warane (Echse) in Indonesien) aufhören, Teil eines zusammenhängenden Ökosystems zu sein, das größer und reichhaltiger ist als es selbst. Das Gebiet wird keine Stichprobe mehr sein; es wird sich in ein Isolat verwandeln.&#8221;</i> Wer sagt, dass das Buch uns nichts angehe, dass es fern der Realität sei, dass es nicht interessant sei, darf seine Meinung behalten. Aber: Wer Quammens Warnung ignoriert und später behauptet, er habe nichts gewusst, sollte sich an die eigene Nase fassen und nicht bekräftigen, dass er sich der Folgen nicht im Klaren war.</p>
<p>Leider enthält das Buch hin und wieder kleine Phasen, die sehr zäh wirken. Selbst wenn Quammen uns nur seine weitere Argumentation naheführen und verdeutlichen möchte, ist die Auflistung ausgestorbener Tiere nach zwei Seiten ein wenig anödend. Sonstige zähe Bereiche sind singulär und <em>Die Zeit</em> hat es im Klappentext meiner Meinung nach treffend formuliert: „Gleichgültig, wo man zu lesen beginnt, <i>Der Gesang des Dodo</i> fesselt“. Die Argumentation Quammens wird durch seine Erzählweise unterstützt und aus meiner Sicht kann man diese – auch durch die heutige Aufklärung in diesen Bereichen der Wissenschaft – lückenlos nennen.</p>
<p>Das Buch, anfangs mit einem Thriller von Dan Brown verglichen, hat wirklich diesen Stellenwert. Nicht umsonst wurde es von der <i>New York Times</i> zum besten Sachbuch 1996 gekürt. Lange Sätze und vor allem auch die geschichtliche Seite der Biologie sind vorprogrammiert. Wer damit nichts anfangen kann, sollte auch nicht mit dem Lesen des Buchs beginnen. Ist man jedoch ein Mensch, der sich biologisch interessiert, bei dem die Aussterberate der Artenvielfalt ein Warnsignal auslöst, ein wenig Genetik, Ökologie, Geographie oder Evolution das Interesse weckt, dann ist man mit diesem Buch sehr gut beraten. Wissen, wie man dies für das Studium benötigt, ist nicht vorausgesetzt. Ein wenig Schulwissen bis Klasse 10 ist jedoch hilfreich, um das Buch in seiner wahren Macht und Größe verstehen und genießen zu können. Wenn du dich auf diese Reise einlassen möchtest, dann kann ich nur eines sagen: Tolle et lege! &#8211; Nimm und lies!</p>
<p><em>Bild: Wikimedia Commons, Ustad Mansur</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/02/22/der-gesang-des-dodo-ausgestorben-und-wiederbelebt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Man fühlt sich wie auf einem anderen Planeten.&#8221;</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/04/28/man-fuhlt-sich-wie-auf-einem-anderen-planeten/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/04/28/man-fuhlt-sich-wie-auf-einem-anderen-planeten/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 28 Apr 2013 20:04:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Welt da draußen]]></category>
		<category><![CDATA[Stars on Page]]></category>
		<category><![CDATA[Autorin]]></category>
		<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Indien]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Nicole Mtawa]]></category>
		<category><![CDATA[Tansania]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=5377</guid>
		<description><![CDATA[„Die Welt ist meine Universität.“, sagt Nicole Mtawa, gebürtige Gmünderin. Während dem Studium brach die heute 34-Jährige auf: Sie wollte die Menschen, Länder und die Armut kennenlernen und fand ihre Lebensaufgabe 2002 in Indien, wo sie die schwerkranke Jalia betreute und 2011 ein Heim für vollpflegebedürftige Kinder eröffnete. Vier Frauen leben dort mit fünf Kindern [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">
<p style="text-align: justify;"><em>„Die Welt ist meine Universität.“, sagt Nicole Mtawa, gebürtige Gmünderin. Während dem Studium brach die heute 34-Jährige auf: Sie wollte die Mensc</em><em>hen, Länder und die Armut kennenlernen und fand ihre Lebensaufgabe 2002 in Indien, wo sie die schwerkranke Jalia betreute und </em><em>2011 ein Heim für vollpflegebedürftige Kinder eröffnete. Vier Frauen leben dort mit fünf Kindern zusammen, um ihnen die Chance auf ein besseres Leben zu geben. Ein zweites Zuhause ist Mtawa Tansania, wo sie auch ihren Mann Juma kennenlernte, der auf der Straße lebte. 2010 gründete sie den Verein Human Dreams, welchen sie alleine über ihren kleinen Laptop verwal</em><em>tet und dessen Fördermitglieder schon ihren kompletten Bedarf an Mitteln für das Heim in Indien decken.</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Wir sahen sie am Montag, den 15.04.13 im Gmünder Rathaus, wo sie über ihr Leben und ihre Bücher, „Sternendiebe“ und „Sonnenkinder“ berichtete. Am darauffolgenden Mittwoch kam Nicole, die lieber geduzt werden will, in ihrem kleinen Mini ans LGH zum Interview.</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em>Von Lea Frauenknecht und Viktoria Kamuf</em></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Nicole, wenn du wie bei der Soiree im Rathaus am Montag von deinen Projekten erzählst, kommt die Frage auf, ob das Motiv für dein Engagement schon durch Eltern oder Freunde gegeben wurde.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> <em>(Überlegt)</em> Gute Frage. Mein Vater war auch schon sehr hilfsbereit, aber eigentlich erinnere ich mich an meine Konfirmation, da hatte ich den Wunsch zu helfen, sodass ich dann mit einer Freundin ins Altenheim gegangen bin, um mich mit diesen alten Menschen zu unterhalten, mit ihnen spazieren zu gehen. Es hat mir schon damals gefallen, etwas Soziales zu tun. So hat es eigentlich angefangen. Dann, in der siebten, achten Klasse, gab es ein Mädchen, die ein schwieriges soziales Umfeld hatte. Auch da war es mein Interesse, zu erfahren, was für Probleme sie hatte  und ich habe eigentlich immer versucht, mit solchen Leuten Freundschaften aufzubauen. Das war für mich von vornherein eine Art Lernprozess; sie hatten ein anderes Leben als ich, das hat mich interessiert und ich war immer froh, wenn es ihnen dann irgendwie besser ging.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Und wie kam es dann zum Studium der Bekleidungstechnik?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Also das war ein Umweg. Ich wollte Hebamme werden, ich habe auch immer gesagt, dass ich nicht studieren will, sondern einen Beruf erlernen, der mich glücklich macht, in  dem man halt sein Geld verdienen kann. Durch viele Absagen bin ich aber schon so negativ beeinflusst gewesen, dass ich nach Alternativen gesucht habe. Eine war eben, etwas im kreativen Bereich zu machen, anstatt in die soziale Richtung zu gehen. Viel überlegt, ob mir der Beruf dann später Spaß machen würde, habe ich eigentlich nicht, aber das Studium war wirklich ganz nett.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Wann genau kam denn dann der Auslöser für die Hilfsprojekte, war das nach dem Studium?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Nein, das war dann während dem Studium. Das dritte Semester ist auf der Fachhochschule ein Praxissemester, das habe ich noch in Deutschland gemacht. Dann kam das vierte Semester und dann verkündete mir mein Freund, mit dem ich schon sieben Jahre lang in einer Beziehung war, er würde ein halbes Jahr nach Kanada gehen. Für mich ist damals ein bisschen die Welt zusammengebrochen. Ich war also 22 und wollte zumindest zur gleichen Zeit weg wie er, damit ich es irgendwie besser ertragen kann. Also bin ich nach Australien und habe da ein Urlaubssemester eingelegt. Obwohl das noch nichts mit sozialen Projekten zu tun hatte, war Australien für mich so der Schubser in die weite Welt hinaus, um andere Leute kennenzulernen, die auch mit dem Rucksack rumreisen, die aus verschiedenen Ländern kommen und viele Geschichten mitbringen und danach hab ich dann gesagt: Ich will nicht mehr nach Deutschland. <em>(Lacht)</em> Ich bin aber immer noch zum Weiterstudieren nach Deutschland gekommen. Im 6. Semester wollte ich mir ein Land aussuchen, in dem ich über den Winter sein konnte. Seit ich 18 war, hatte ich ein Patenkind bei einer Hilfsorganisation. Und dieses Patenkind lebte in Tansania. So bin ich eigentlich über meine Patenschaft nach Tansania gekommen, hab mein Auslandssemester nach dorthin verlegt. Das heißt offiziell habe ich in einer Textilfabrik mein Praktikum gemacht, aber war eigentlich weniger daran interessiert, ich wollte wirklich das Land und die Leute kennenlernen und vor allem die Armut.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Wie genau hast du den Zugang zu den Menschen dort gefunden?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Da findet jeder Zugang ohne sich Gedanken zu machen, weil die Leute eben doch ganz anders sind, viel offener, es ist gar keine Mauer zwischen einem.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Gibt es keine Vorurteile gegenüber „Weißen“ oder Europäern?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Nein, also Vorurteile gibt es, denke ich mal, in jedem Land, aber nicht so, dass man sie spürt oder denkt, man sei nicht willkommen. Es sind eher die Vorurteile wie, dass wir alle reich wären – was wir im Verhältnis gesehen natürlich auch sind. Aber sie verstehen da nicht den Unterschied zwischen einem Studenten und einem Geschäftsmann, der wirklich ein paar Tausender auf dem Konto haben könnte. Aber sonst geht die Kontaktaufnahme von selbst, wirklich an jeder Straßenecke, egal ob man im Bus sitzt, wo auch immer, ist man mit Leuten in Kontakt und fühlt sich, als würde man sie seit Jahren kennen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Bist du dann so auch mit Juma in Kontakt gekommen, einfach durch Zufall?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Ja, es war mitten auf der Straße, als er mich angesprochen hat. Das kann einem immer passieren, dass jemand einfach sagt: „Hey, wo kommst du denn her?“. Dann muss man halt entscheiden, ob man sich in ein Gespräch verwickeln lassen will oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Wie war speziell für Juma denn diese Entwicklung: Er ist vom Straßenkind fast zu einer Berühmtheit geworden, es gibt jetzt ein Buch über ihn?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Es waren sehr viele Stufen und ein langwieriger Prozess. Als ich ihn kennengelernt habe, hat er sich eigentlich noch als Kind wahrgenommen, daher auch die Aussage: „Ich habe keine Mutter und keinen Vater mehr.“. Auch der Weg zurück in die Gesellschaft war schwierig, dadurch, dass seine Sprachebene eine andere war, durch diesen Straßen-Slang. Er hatte Ängste, ganz normale Einkäufe zu tätigen, weil er es einfach gewohnt war, immer in seiner Gruppe zu sein, mit seinen anderen Kumpels im Ghetto zu wohnen, sich alles zu teilen. Er konnte sich dadurch wirklich von dem gesellschaftlichen Leben ein Stück weit  ausschließen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Im Moment gehst du ja in ein Land und hilfst, weil du auch die Möglichkeiten dazu hast. Wie können die Länder denn, auch von der politischen Lage aus, es schaffen, sich selbst zu helfen?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Es ist aus dem Grund schwierig, da dort die Einstellung herrscht: „Je mehr Geld, desto besser“. Dort sind es teilweise die geldhungrigen Leute, die in der Politik den Hebel in der Hand halten. Eigentlich müsste natürlich erst einmal die ganze Korruption abgeschafft werden, dann müssten die Leute sozialer denken. Das ist sowohl in Indien als auch in Tansania das Gleiche. Sicher auch in Deutschland in manchen Fällen, aber ich denke, es ist um Einiges besser, man ist auch sozialer eingestellt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Fühlst du dich denn überhaupt noch als Deutsche, wo du so viel rumgereist bist, oder doch eher so als „Weltbürgerin“?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Als was bezeichne ich mich? Als Nomadin <em>(lacht).</em> Wobei, mittlerweile habe ich ja meine Länder auch schon eingegrenzt. Aber als Deutsche würde ich mich grundsätzlich nicht mehr bezeichnen. Zum einen war ich vielleicht nie richtig deutsch, mein Vater ist ja aus Ungarn. Und ich wollte eben immer die Seite der Einheimischen kennenlernen. Wenn man dann so lange mit denen zusammenlebt, so viele Jahre, überall lerne ich neue Lebenseinstellungen kennen, neue Situationen, neue Religionen und das alles führt dann dazu, dass man sich selbst natürlich auch verändert. Wenn man so lange in armen Ländern lebt, hat man ein ganz anderes Gefühl für Geld oder für die Wichtigkeit von materiellen Dingen. In Deutschland könnte ich nicht so in meinem Lebensstil weiterleben wie ich das jetzt gewohnt bin und ich wäre auch nicht so glücklich. Zwei Monate sind für uns gut und dann wieder weg, weil ich mich in solchen Ländern wie Tansania oder Indien einfach viel freier fühle dadurch, dass ich nicht viel Geld brauche und also machen kann, was ich will. Und wenn ich eben soziale Projekte machen will, dann geht das, ich kann selber ein Kinderpflegeheim errichten, was ich jetzt in Deutschland natürlich nicht könnte.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Wie ist es für dich, wenn du dann mit Armut nicht in Tansania oder Indien, sondern in einem reicheren Land wie Deutschland konfrontiert wirst?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Ich hab schon das Gefühl, dass es hier in Deutschland recht viele Stützen gibt. Man müsste eigentlich erst einmal feststellen, bei denen, die immer noch betteln, was der Grund dafür ist. Ob sie jetzt illegal im Land sind und keine von diesen Möglichkeiten annehmen können oder&#8230;es ist schwierig. Es ist sicher nicht so, dass in Deutschland alles reich und gut und in Tansania alles arm und schlecht ist. Aber es ist, egal in welchem Land, immer eine heikle Frage, ob Geld was hilft. In Jumas Fall hätte Geld nichts geholfen, denn er hätte das ja eigentlich sein ganzes Leben so  durchziehen können, auf der Straße zu betteln. Da schadet es den Menschen eher, weil es die Leute zu bequem macht.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Vor allem bei behinderten Kindern fehlt es den Eltern doch wahrscheinlich auch oft an Wissen um die Möglichkeiten einer Operation, die sie mit diesem Geld bezahlen könnten.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Mit Geld ist das sowieso so eine Sache. Bei Juma war es so, dass das Geld, wenn er es geschenkt bekam, immer nur ein Fetzen Papier war. Wenn aber seine eigene Arbeit und sein eigener Schweiß dahintersteckten, bekam das Geld für ihn einen Wert. Das ist etwas, was ich von ihm gelernt hab: Schenke niemals einem gesunden Menschen Geld. Allerdings kann jemand ohne Gliedmaßen in Indien wiederum steinreich sein, dem gibt halt jeder was, dadurch wird er ein richtiger Geschäftsmann. So gibt es sogar Leute, die hacken sich freiwillig die Glieder ab.<br />
Und deshalb ist es nicht effektiv, einfach so jemandem, der auf der Straße sitzt und den man gar nicht kennt, Geld zu geben. Aber mit ihm ein Gespräch anfangen, sich Schritt für Schritt heranzutasten und nach Lösungen zu suchen, das bringt schon eher was.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Um noch einmal auf Deutschland zurückzukommen, du hast ja vorhin gesagt, dass die Deutschen eher sozialer denken, könnte man sich da vorstellen in wirklich großen Dimensionen etwas zu erreichen wenn sich noch mehr stärker in Ländern wie Indien engagieren würden?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Na klar, das denke ich schon. Auch für uns ist es wichtig, kontinuierlich jemanden aus Deutschland beim Projekt dabeizuhaben. Ich würde die Leitung nicht an jemand Einheimischen abgeben, das hört sich zwar diskriminierend an, aber leider sind es keine Zufälle, sondern oft die Regel, dass sich zum Beispiel jemand vom Land das Projekt unter den Nagel reißt und dann Geld damit macht, anstatt zu helfen. Und deswegen denke ich, es ist gut, wenn man so etwas Kontrolle darüber hat, und seine Werte bezüglich Hygiene und Bildung und auch seine soziale Hilfsbereitschaft in dem Land lässt. Ich denke, dass es für jemanden, dem es jetzt psychisch nicht so gut geht in Deutschland wie eine Therapie ist, in ein anderes Land zu gehen. Es ist wie eine Gehirnwäsche, man fühlt sich wie auf einem anderen Planeten und lernt auch, das Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Wenn solche Menschen diese Gelegenheit ergreifen würden und sich in anderen Ländern aktiv für etwas einsetzen würden, wäre das gut. Aber ich selber, ich bleibe schon immer auf der gleichen Schiene und errichte etwas für vollpflegebedürftige Kinder. Sollte unser zweites Projekt [ein Kinderdorf in Tansania, Anm.d.Red.] wieder total durch die Fördermitglieder versorgt sein, dann kann man wieder über ein drittes Projekt nachdenken. Aber die Leute sind immer von sich aus zu uns gekommen, ich will nicht mit ständiger Werbung wie die großen Organisationen arbeiten. Bei uns war das anders, wir haben nicht einen Verein gegründet und erst einmal viel Geld gesammelt, sondern eben Schritt für Schritt aufgebaut.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Gibt es denn ein Land, welches du als dein Lieblingsland bezeichnen würdest?</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Nicole Mtawa:</strong> Es war lange Tansania und das ist es eigentlich auch immer noch. Wenn man nach Tansania kommt, ist es erst einmal wie im Paradies und ich kann mir keine freundlicheren Leute auf der Welt vorstellen. Aber irgendwann hatte ich dann mal die Nase voll von Tansania. Das lag auch daran, dass ich mich eine Zeitlang um jugendliche Straßenkinder gekümmert habe, und das ist immer sehr schwer. Jugendliche, die gesund sind, die sagen zwar, dass sie Hilfe wollen, aber in Wirklichkeit wollen sie doch lieber ihre Freiheit und ihre Freunde behalten. Ich denke, mit vollpflegebedürftigen Kindern hat man es in diesem Punkt doch einfacher, weil es um Leben und Tod geht und nicht mehr um einen Wettkampf, wer schlauer oder überlegen ist. Doch mit dem neuen Projekt im Auge denke ich wieder, dass Tansania ein ganz tolles Land ist. Von der Landschaft schon allein, es gibt tolle Strände, tolle Nationalparks, es gibt die netten Menschen und alles ist noch etwas natürlich geblieben, ist noch nicht so touristisch. Und es ist auch sehr billig für uns, das Essen und der Transport sind sehr günstig.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Das ist natürlich auch wichtig, um dort etwas aufzubauen.</p>
<p><strong>Nicole Mtawa:</strong> Um etwas aufzubauen und um dort zu leben, um nicht an Deutschland gebunden zu sein. Insofern ist schon Tansania mein Lieblingsland. Als ich dann mal nach Madagaskar mit dem Frachtschiff gefahren bin, habe ich auch gemerkt, dass Reisen nicht mehr das Gleiche wie früher war. Früher, da wollte ich die ganze Welt erkunden, seitdem ich Juma kennengelernt habe ist dieses Gefühl nicht mehr so stark da. Deswegen drehe ich mich jetzt immer so im Kreis zwischen Indien, Tansania und Deutschland und unseren Ferienjobs.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Durch welche du auch immer wieder Gelegenheit bekommst neue Länder kennen zu lernen.</p>
<p><strong>Nicole Mtawa:</strong> Genau, auch das ist immer wieder ein Tapetenwechsel, den braucht man, sonst brennt einem die Sonne in Tansania das Hirn raus <em>(lacht)</em>. Es ist dort wirklich sehr heiß.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>DerFarbfleck:</strong> Wir bedanken uns für das Gespräch.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Wenn ihr euch für Nicole Mtawa und ihr Projekt interessiert, schaut doch mal nach auf <a href="https://www.humandreams.org/">https://www.humandreams.org/</a><br />
</em></p>
<p style="text-align: justify;">
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/04/28/man-fuhlt-sich-wie-auf-einem-anderen-planeten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Oh Captain! My Captain!</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/03/03/oh-captain-my-captain/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/03/03/oh-captain-my-captain/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 03 Mar 2013 19:52:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgestrahlt und Abgedruckt]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
		<category><![CDATA[Filmkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Gedicht]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kino]]></category>
		<category><![CDATA[Lincoln]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=5192</guid>
		<description><![CDATA[von Lea Frauenknecht „O Captain my Captain, our fearful trip is done, the ship has weather&#8217;d every rack, the prize we sought is won“ (Zu Deutsch: „Oh Käpt&#8217;n, mein Käpt&#8217;n, unsere Reise ist vollbracht, wir haben jedes Riff umschifft, der Preis ist uns gegönnt“). Diese vier Zeilen entstammen einem Gedicht des amerikanischen Dichters Walt Whitman, [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p lang="de-DE"><img class="alignleft" title="Lincoln memorial" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8b/Lincoln_with_Inscription.jpg" alt="" width="432" height="648" /></p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE">von Lea Frauenknecht</p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE">„<em>O Captain my Captain, our fearful trip is done, the ship has weather&#8217;d every rack, the prize we sought is won</em>“ (Zu Deutsch: „Oh Käpt&#8217;n, mein Käpt&#8217;n, unsere Reise ist vollbracht, wir haben jedes Riff umschifft, der Preis ist uns gegönnt“).</p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE">Diese vier Zeilen entstammen einem Gedicht des amerikanischen Dichters Walt Whitman, das der ein oder andere Leser wohl schemenhaft aus dem Film „Der Club der toten Dichter“ kennen mag. Whitman schrieb das fünfstrophige Gedicht kurz nachdem er vom Tod Abraham Lincolns erfuhr, auch das wird im „Club der toten Dichter“ erwähnt. Wie die Poesie Whitmans allerdings in diesem Gedicht mit den geschichtlichen Ereignissen seiner Zeit und vor allem mit der Person Lincolns zusammenhängt, konnte erst wirklich herausfinden, wer zuletzt den Spielberg-Film „Lincoln“ sah.</p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE">Gleich am Anfang befindet sich eine echte Schlüsselszene für Whitmans Gedicht, in der der jüngst für seine Rolle Oscar-prämierte Daniel Day-Lewis als Lincoln seiner Frau von einem seiner Träume erzählt, deren Deutung sie häufig übernimmt. Er sieht sich darin selbst als Kapitän eines Schiffes, auf dem er als einziger an Deck steht, Ausschau hält und irgendwann sogar glaubt, ein Ufer zu erkennen. Auf diesem Traum baut die gesamte Symbolik in Whitmans Gedicht auf, und das Ufer wird im Film wie auch im Gedicht als Lincolns größtes Ziel dargestellt: Die Sklaverei in den Südstaaten seines Landes zu beenden, die auch der Grund sind, weshalb in jener Zeit der Sezessionskrieg in Amerika wütete, der unglaublich vielen „Yankees“ aus den Nordstaaten und noch viel mehr Kämpfern aus den Südstaaten das Leben kostete, da Letztere den Nordstaatlern zahlen- und waffenmäßig entscheidend unterlegen waren. Der Krieg brach aus, nachdem sich einige Südstaaten, die später die sogenannte „Southern Confederacy“ bilden sollten, sich geweigert hatten, die Sklaverei abzuschaffen, da dies für sie automatisch weniger Ertrag auf ihren Baumwollplantagen und einen Wirtschaftseinbruch bedeutet hätte.</p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE">Um den Krieg zu beenden und gleichzeitig die Sklaverei zu verbieten, bleibt Lincoln nur eine Möglichkeit: Das dreizehnte „amendment“, einen Verfassungszusatz, der die Sklaverei offiziell abschaffen würde, im Repräsentantenhaus zur Abstimmung zu bringen und durchzusetzen. Dieser Antrag war allerdings schon ein Mal an der benötigten zwei Drittel-Mehrheit gescheitert, hauptsächlich an den fast durchgängig mit Nein stimmenden Demokraten, die sich zwar ein Ende des Krieges wünschten, vor einer Gleichberechtigung der „Neger“ allerdings zurückschreckten. Vor der zweiten Abstimmung greift Lincoln nun also zu etwas unlauteren Mitteln, da er sonst keinen Ausweg aus der Ungerechtigkeit und der Spaltung der amerikanischen Staaten sieht: Er lässt demokratische Abgeordnete bestechen, indem er sie mit Beförderungen lockte, sollten sie den Verfassungszusatz gegen die Sklaverei befürworten. Auch familiär geht Lincoln in dieser Zeit durch ein Jammertal – sein studierender Sohn widersetzt sich seinen Anweisungen und tritt aus Ehrgefühl der Armee bei, seine psychisch labile Frau trauert immer noch um den vor Jahren verstorbenen Sohn und belädt sich in dieser Hinsicht mit Schuldgefühlen. Am Tag der Abstimmung geschieht schließlich das scheinbar Unmögliche, das Verbot der Sklaverei erreicht eine knappe zwei Drittel-Mehrheit.</p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE">„<em>Our fearful trip is done, the ship has weather&#8217;d every rack, the prize we sought is won</em>“ &#8211; Whitman blickt in diesem Moment auf den beschwerlichen Weg Lincolns zum dreizehnten „amendment“ zurück, während „Captain“ Lincoln nun das sichere Ufer, die Gleichberechtigung, das Kriegsende und die Wiedereingliederung der Südstaaten ansteuern kann. <em>„The port is near, the bells I hear, the people all exulting“</em> (Zu Deutsch: „Der Hafen nah, die Glocken läuten, die jubelnde Menge“) beschreibt die Beliebtheit, die Lincoln im Volk hat, im Film wird er gar als „Halbgott“ beschrieben. Seine Politik ist mehr als bürgernah, im Film kümmert er sich um die kleinen Probleme einfacher Bürger, die zu ihm kommen und fährt zu den Kriegsschauplätzen, um die Soldaten in ihrem Kämpfen gegen die Sklaverei zu bestärken. Und nach der Durchsetzung des dreizehnten Verfassungszusatzes sieht man im Film Paraden von Bürgern durch die Straßen Washingtons ziehen, die inbrünstig den „battle cry of freedom“, den Lincoln einst als Wahlkampfschlager benutzte, singen.</p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE">Doch nur wenige Tage später wird das erst errungene Glück entscheidend getrübt: <em>„But o heart! Heart! Heart! O the bleeding drops of red, where on the deck my Captain lies, fallen cold and dead.“</em> (Zu Deutsch: „O Herz! Herz! Herz! O blutig rote Tropfen, wo an Deck mein Käpt&#8217;n liegt, gefallen, kalt und tot.“) Bei einem Opernbesuch fällt Lincoln einer Verschwörung zu Opfer – ein radikaler Südstaatler schießt auf ihn, der Präsident stirbt. Allein über diese Verschwörung von Südstaatlern wurde 2010 ein ganzer Film gedreht, „Die Lincoln Verschwörung“. Lincolns Tod jedoch tut der Begeisterung für die Freiheit und den Frieden und vor allem der Anbetung Lincolns als Helden keineswegs Abbruch, nein, er befördert sie sogar und so beschreibt es auch Whitman: <em>„Rise up – for you the flag is flung- for you the bugle trills, for you bouquets and ribbon&#8217;d wreaths, for you the shores a-crowding, for you they call, the swaying mass, their eager faces turning.“</em> (Zu Deutsch: „Steh auf – für dich gehisste Flaggen – für dich das Horn geblasen, für dich die Blumen und die bunten Kränze, für dich die Menschen an den Küsten, dich rufen sie, die wiegenden Massen, die Gesichter eifrig drehend“).</p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE">Doch auch, wenn Lincoln all das erreicht hat, was er wollte, und der Sklaverei zuerst in Amerika Abbruch tat und damit auch ein deutliches Zeichen für den Rest der Welt gab, wie Whitman in <em>„The ship is anchor&#8217;d safe and sound, its voyage closed and done“</em> (Zu Deutsch: „Das Schiff, verankert sicher, heil, die Fahrt ist aus, vorbei“) beschreibt, so klingt in seinem Gedicht am Ende doch noch etwas anderes durch: Anstatt nur den Jubel der Bevölkerung beschreibt Whitman auch den Verlust einer großen Persönlichkeit und lässt seinen poetischen Nachruf eher mit Klage enden als mit Freudengeschrei: <em>„But I, with mournful tread, walk the deck my Captain lies, fallen cold and dead“</em> (Zu Deutsch: „Doch ich, im Trauerschritt, lauf ab das Deck auf dem mein Käpt&#8217;n liegt, gefallen, kalt und tot“).</p>
<p style="text-align: justify;" lang="de-DE"><em>Bildquelle: By David Bjorgen (Own work), (CC-BY-2.5(http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.en)), via Wikimedia Commons</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/03/03/oh-captain-my-captain/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kurzprosa: Es war still in dem Zimmer</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/11/10/derfarbfleck-de-kurzprosa-es-war-still-in-dem-zimmer/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/11/10/derfarbfleck-de-kurzprosa-es-war-still-in-dem-zimmer/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 10 Nov 2012 14:30:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Hut]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzprosa]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Unterricht]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=4607</guid>
		<description><![CDATA[von Nils van der Straeten Es war still in dem Zimmer. Niemand sprach, keiner der Schüler hatte bisher den Mut dazu aufgebracht. Sie verspürten Furcht, man sah es in ihren Gesichtern, der Raum war erfüllt von ihr. Vielleicht war gerade sie der Grund, warum kein Lehrer zu sehen war. Sein Platz war verlassen, einzig ein [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Japanese_classroom.jpg"><img class="alignleft" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/6a/Japanese_classroom.jpg/607px-Japanese_classroom.jpg" alt="" width="486" height="384" /></a>von Nils van der Straeten</p>
<p>Es war still in dem Zimmer. Niemand sprach, keiner der Schüler hatte bisher den Mut dazu aufgebracht. Sie verspürten Furcht, man sah es in ihren Gesichtern, der Raum war erfüllt von ihr. Vielleicht war gerade sie der Grund, warum kein Lehrer zu sehen war. Sein Platz war verlassen, einzig ein kleiner schwarzer Hut kündete von seiner Präsenz. Schweigend saßen die Schüler beisammen, Tisch an Tisch, Schulter an Schulter. Vorn die jungen, hinten die alten, so hatten alle den Blick auf den Hut frei, der dort vorne drohte. Niemand rührte sich, alles lag still da.</p>
<p><span id="more-4607"></span>Die Schüler saßen da, aufrecht, ordentlich, furchtsam, den Blick auf den Hut geheftet. So verging die Zeit, alles blieb, wie es war. Wolken zogen im Zimmer auf, es begann zu dunkeln. Langsam und still setzte der Regen ein. Benetzte die Gesichter der Schüler, ihre Kleidung. Doch niemand wagte, sich zu rühren. Langsam, kaum merklich wird der Regen stärker, Pfützen bilden sich auf dem Boden und den Pulten. Nass sind nun die Kleider, kleine Rinnsale strömen von den Schülern herab in die langsam steigende Flut. Immer noch ist kein Laut zu hören, der Regen fällt lautlos. Die Schüler wagen nicht, ihre Haltung zu ändern. Schließlich erreicht das Wasser die Schuhe der Schüler, es beginnt vorn. Als seien sie froh über den Platz, ergießen sich die Fluten in die Schuhe und füllen sie, ziehen die Hosenbeine entlang. Dunkel und schwer hängt die Kleidung an den Schülern herab.</p>
<p>Nun sieht man es, eine Veränderung. Unmerklich, kaum fassbar, es beginnt vorn, Angst tritt an die Stelle der Furcht. Als sie die letzten Reihen erreicht wird der Regen zu einem Schleier, nimmt jegliche Sicht, alles verdeckt er. Noch immer rührt sich niemand, alles bleibt still, doch der Hut beginnt langsam zu treiben. Die erste Reihe scheint schon vollkommen von der Flut verschlungen zu sein. Der Hut treibt, eine Strömung führt ihn zur gläsernen Wand. Dort folgt er nun endlich seiner wahren Bestimmung. Er beginnt zu steigen. Reihe um Reihe versinkt in den Fluten. Niemand rührt sich, alles liegt still da.<br />
Schließlich erreicht der Hut die Decke, alles ist von Wasser bedeckt. Eine Klingel zerreißt die Stille, die Wolken beginnen langsam sich zu lichten. Das Wasser strömt ab. Durch eine Laune wohl, ruht der Hut wieder auf seinem Platz. Vor ihm erstrecken sich die verlassenen Pulte. Da werden Schüler hereingeführt, setzen sich, die kleinen nach vorn, die großen nach hinten. Niemand rührt sich, alles ist still, niemand spricht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Bildquelle: By Bobo12345 at English Wikipedia (Transferred from en.wikipedia to Commons.) [Public domain], via Wikimedia Commons</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/11/10/derfarbfleck-de-kurzprosa-es-war-still-in-dem-zimmer/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kurzprosa: Ein Junge wird gestört</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/10/08/ein-junge-wird-gestort/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/10/08/ein-junge-wird-gestort/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 08 Oct 2012 06:00:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzprosa]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=4449</guid>
		<description><![CDATA[von Robin Sluk Dass unsere diesjährige Redaktion nicht nur über Politik und das aktuelle Weltgeschehen schreiben, sondern auch einfach mal kreativ sein wird, beweist dieser erste Text, der wohl unter den Begriff &#8220;Kurzprosa&#8221; fällt &#8211; oder auch einfach nur: &#8220;ein Stück qualitativ hochwertige Literatur&#8221;. Aber lest selbst&#8230; Nun ja, wie soll ich sagen, es war [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p align="LEFT"><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2012/10/P1030347.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-4450" title="Himmel" src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2012/10/P1030347-300x225.jpg" alt="Foto: Lea Frauenknecht" width="300" height="225" /></a></p>
<p align="LEFT"><em>von Robin Sluk</em></p>
<p align="LEFT"><em>Dass unsere diesjährige Redaktion nicht nur über Politik und das aktuelle Weltgeschehen schreiben, sondern auch einfach mal kreativ sein wird, beweist dieser erste Text, der wohl unter den Begriff &#8220;Kurzprosa&#8221; fällt &#8211; oder auch einfach nur: &#8220;ein Stück qualitativ hochwertige Literatur&#8221;. Aber lest selbst&#8230;</em></p>
<p align="LEFT">Nun ja, wie soll ich sagen, es war ein normaler Sonntagnachmittag im späten Sommer.</p>
<p align="LEFT">
<p align="LEFT">
<p align="LEFT"><em>Foto: Redaktion</em></p>
<p align="LEFT">Im traurigen Bewusstsein, bald die Wärme, bald dieses ruhige Glücksgefühl eines angenehmen Sommertages im leichten Wind vermissen zu müssen, wollte ich diese Tage noch verleben, um mich an den kalten Wintertagen, die ich fast ebenso wegen ihrer atemberaubenden Klarheit liebte, mich ihrer zu erinnern und der Hitze des Kamins die im Winter so seltene Wärme des zufriedenen Glücks hinzuzufügen.</p>
<p align="LEFT">
<p align="LEFT">Und nun gerade zu dieser Zeit befand ich mich im Park, in Ruhe und Einklang mit den sanft rauschenden Blättern, lauschte meinen Gedankenspielen und verdrängte geflissentlich die Schulaufgaben für den nächsten Tag aus meinem Geiste.</p>
<p align="LEFT">Die Hände in die Seiten gestemmt, legte ich meinen Kopf in den Nacken, um mich am zarten und so klaren Blau des Himmels zu erfreuen, doch bemerkte ich zu meiner Überraschung eine einzige, kleine Wolke von tiefster Schwärze über mir schweben. Ein derartiges Schwarz hatte ich nie gesehen, von einer solchen Intensität, das sich mein Selbst darin zu verlieren schien, fortgezogen in eine fremde Welt.</p>
<p align="LEFT">Ja, wie ein Tor in eine andere Dimension, so erschien mir diese trotz allem nur hauchzarte Wolke.</p>
<p align="LEFT">Und plötzlich zerrissen all diese Träumereien und ich sah ihn mit irrsinniger Gewalt aus dem Zentrum des Gebildes hervorbrechen, einen gewaltigen Meteor und er stürzte mit rasender Geschwindigkeit auf meinen Standpunkt zu. Unabwendbar musste ich zerschmettert werden, Panik zerriss mein Innerstes, so sah ich jetzt wieder nur den blauen Himmel, nichts war geschehen, nur meine Phantasie hatte mir einen bösen Streich gespielt, mir schwindelte in Erleichterung und&#8230;..</p>
<p align="LEFT">da war wieder der rasend schnelle Feuerball, mein sicherer Tod.</p>
<p align="LEFT">Strahlend blauer Himmel.</p>
<p align="LEFT">Der Komet färbte rot den ganzen Kontinent.</p>
<p align="LEFT">Sanft wehte mir der Wind ins Gesicht, die Hitze verbrannte mein Antlitz, ein kurzes Aufblitzen der Realität, dann ging die ganze Welt in Flammen auf und nichts blieb außer einem ewigen Feuersturm auf der grünen Allee unter Jahrhunderte alten Bäumen. Die alten Götter stiegen empor, verwüsteten die Welt, nahmen alles Leben, alle Ordnung, die Bäume schrien vom Untergang, ich erblickte die reale Welt der Träumer.</p>
<p align="LEFT">Und darum, meine Herren von der Polizei, muss ich Ihnen mitteilen, dass ich nun den letzten Schritt gehen werde und wir uns dann am Boden treffen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/10/08/ein-junge-wird-gestort/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
