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	<title>derfarbfleck &#187; Gesellschaft</title>
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		<title>Kommt mit ins Zuckerwatte-Land!</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Oct 2014 06:30:25 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Ein Essay von Lea Frauenknecht Pünktlich betrete ich das Schulhaus. „Na, wie geht’s?“, begrüße ich meine beste Freundin. „Boah, ich kann es echt nicht ausstehen, wenn du mich so früh am Morgen immer schon so pseudofreundlich anquatschst!“, schnaubt sie hinter ihrem Matheordner hervor. Der Unterricht beginnt mit der üblichen Frage: „Wer hat seine Hausaufgaben NICHT [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><b><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/10/Zuckerwatte.jpg"><img class="alignright wp-image-6481 " src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/10/Zuckerwatte-300x199.jpg" alt="Zuckerwatte" width="356" height="236" /></a>Ein Essay von <em>Lea Frauenknecht</em></b></p>
<p>Pünktlich betrete ich das Schulhaus. „Na, wie geht’s?“, begrüße ich meine beste Freundin. „Boah, ich kann es echt nicht ausstehen, wenn du mich so früh am Morgen immer schon so pseudofreundlich anquatschst!“, schnaubt sie hinter ihrem Matheordner hervor. Der Unterricht beginnt mit der üblichen Frage: „Wer hat seine Hausaufgaben NICHT gemacht?“. Verblüfft muss ich mit ansehen, wie alle Arme synchron in Richtung Zimmerdecke schießen. In der Pause gehen mir irgendwann die Gesprächsthemen aus und ich frage meinen Freund aus purer Small-Talk-Manier heraus, was er von meinem neuen Kapuzenpulli hält. „Er macht dich nicht dick. Er zeigt, wie dick du wirklich bist!“, wird mir zwischen zwei Schlucken Zitronentee vollkommen unverblümt mitgeteilt. Beim Mittagessen kommt es zu einem verbalen Stellungskrieg zwischen meinen Eltern, als mein Vater den Nudelauflauf als „verpilzten Atomkraftglibber“ bezeichnet und meine Mutter entgegnet, er solle sich doch ein neues Dienstmädchen suchen, vielleicht würde er ja im Rotlichtviertel fündig werden. Schweißgebadet erwache ich von dem melodischen Gesäusel meines Handyweckers.</p>
<p>Ich habe einen Albtraum&#8230; einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der es keine Lügen gibt. Ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der man immer ehrlich ist und stets aufrichtig die Wahrheit sagt. Ist diese Ansicht nicht etwa moralisch verwerflich und ruft zum schwindelerregenden Schwindel auf, fragen Sie sich? Das mag durchaus richtig sein, sie tut es aber aus gutem Grund. Denn Lügen haben nicht nur „kurze Beine“, sondern sind auch ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft, wie der Zucker in der rosaroten Zuckerwatte: Ohne ihn wäre diese weder süß und erträglich, noch würde sie überhaupt existieren. Was ich damit sagen will: Lügen sind der rosarote Süßstoff, der die Welt im Innersten zusammenhält, in hohen Dosen aber gleichermaßen abscheulich und gesundheitsgefährdend ist.</p>
<p>Und genauso sind Lügen ein Teil der gesellschaftlichen Sozialisierung, wer noch an deren Anfang steht, über den werden Sachen gesagt wie etwa: „Kindermund tut Wahrheit kund“. Und dies dürfte ausnahmsweise mal keine Lüge sein. Das Lügen als Bestandteil der gesellschaftlichen Sozialisierung kommt nämlich erst mit der Fähigkeit, „sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen“. Dies bringt Tobias Beck in seinem Beitrag zum „Täuschen und Lügen“ der Serie „Quarks&amp;Co.“ damit in Verbindung. Das Lügen sei keine „angeborene Fähigkeit“, aber man würde sie erlernen. Lügen dienen also dazu, uns auf ein eigenständiges Leben in der Gesellschaft vorzubereiten, uns salonfähig zu machen für das Paradies der Schwindler, Trickser und dauerlächelnden Hochdruckreinigervertreter. Wer nicht lügt, der hat einen wichtigen Teil der Sozialisierung verpasst und kann die Sprache der unausgesprochenen Unannehmlichkeiten zwar verstehen, aber nicht sprechen. Das ist der Grund, warum wir den an Tourette-Syndrom leidenden jungen Erwachsenen ungern in unseren Schulen, Unis und Großraumbüros am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen wollen: Denn wer will in unserer scheinheiligen Lächel-Gesellschaft schon als „Arschloch“ oder „Spießer“ bezeichnet werden? Wir haben uns die Wahrheit wahrhaftig abgewöhnt&#8230;</p>
<p>Andererseits müsste man eine Gesellschaft ohne Lügen wohl beschreiben als eine Mischung aus mürrischen Wortgefechten, allgemeinem Unwohlsein und eingeschnapptem Einzelgängertum. Denn Lügen haben eine immense Macht über zwischenmenschliche Beziehungen: Durch eine kleine Höflichkeitslüge schließen wir möglicherweise neue Kontakte. Und sprechen wir eine  unangenehme Wahrheit aus, riskieren wir, beispielsweise eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Ein simples „das Kleid steht dir wirklich super“ kann zum Opener für eine langjährige Bekanntschaft werden, ein „in diesem Kleid siehst du wirklich fett aus“ diese Bekanntschaft aber ebenso schnell wieder beenden.</p>
<p>Doch eine „Lüge“ ist nicht mit einer „Lüge“ gleichzusetzen. Ich widerspreche mir selbst? Nicht, solange ich hinzufüge, dass in beiden Fällen zwar eine Unwahrheit ausgesprochen wird, jedoch mit unterschiedlicher Ursache, Folge oder in einem gänzlich anderen Kontext. Wir kennen unter anderem die Notlüge („Mein Hund hat die Hausaufgaben gefressen“), die öffentliche Lüge („Nach der nächsten Landtagswahl wird die AfD freundlich zu allen Ausländern sein“), die Höflichkeitslüge („Natürlich schmeckt mir dieser Nelken-Anis-Kuchen ganz vorzüglich“) sowie die private Lüge („Wo denkst du hin, selbstverständlich habe ich nie jemand anderen geliebt als dich!“). Die bereits angesprochene Höflichkeitslüge ist insofern in ihrem Gebrauch zu rechtfertigen, als dass sie, zumindest bis zu einem gewissen Grad hin, den Kitt unserer Gesellschaft und unserer sozialen Beziehungen bildet. Auch die Notlüge ist, solange sie nicht überhand nimmt, doch nur eine verständliche Reaktion unseres in Bedrängnis geratenen, abwägenden Ichs.</p>
<p>„Du sollst nicht lügen“, pflegte bereits der gute alte Gott zu sagen. Allerdings werden wir im Beichtstuhl wohl kaum in Tränen ausbrechen aufgrund des Märchens vom 20 Kilometer langen Stau auf dem Weg zum Büro, der in Wahrheit nur ein kleiner Schulbus war. Und auch, dass wir das neue T-Shirt unserer besten Freundin als „tollen Kauf“ gelobt haben, obwohl wir Leoparden-Prints eigentlich am liebsten verbieten würden, wird wohl kaum für einen Rosenkranz reichen. Doch wie verhält es sich mit den „größeren“ Lügen, die mit Höflichkeit ungefähr so viel zu tun haben wie Gott mit Pinocchio? Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage überschreite, folgt hier noch eine kleine Belehrung, damit Sie später nicht sagen können, ich hätte Sie nicht gewarnt: <strong><em>Bei Angst vor Spoilern und intermedialen Elementen überspringen Sie den folgenden Absatz und konsultieren Sie ihren persönlichen Bibliothekar und Kinematographen</em></strong>.</p>
<p>In der erfolgreichen US-Serie „Breaking Bad“ fängt der krebskranke Chemielehrer und brillante naturwissenschaftliche Kopf Walter White an, in das Geschäft mit Methamphetaminen (umgangssprachlich auch „Crystal Meth“) einzusteigen, um seine an Geldsorgen leidende Familie nach seinem Tod vor der Armutsfalle zu bewahren. Im Verlauf der sechs Staffeln baut Walter vor den Augen seiner Familie ein immer höher werdendes Lügenkonstrukt auf, das sein Schwager von der <em>Drug Enforcement Administration </em>(zu Deutsch: „Drogenvollzugsbehörde“) gegen Ende der Serie schließlich zum Einsturz bringt. „Breaking Bad“ endet nach 62 Episoden voller Lügen mit dem Tod Walters Whites, dem Mord an dessen Schwager und einer traumatisierten, in Armut lebenden Familie. Zu einem ähnlich dramatischen Finale spitzt sich Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ zu, in dem sich die gleichnamige Hauptperson vor ihrer unerfüllten Ehe in amouröse Affären und teure Einkäufe flüchtet. Als sie am Ende sowohl die Zuwendungen ihrer zwei Geliebten verliert als auch aufgrund der von ihr verursachten Schulden eine Verpfändung ihres Eigentums droht, bringt sie sich schließlich um und lässt einen gebrochenen Ehemann zurück.</p>
<p>Natürlich kann man anmerken, dass es sich bei den angeführten Beispielen um nicht viel mehr handele als um Fiktion in ihrer feinsten Ausführung. Nichtsdestotrotz wird „Madame Bovary“ zu den Vorzeigewerken des französischen Realismus gezählt. Und nichtsdestotrotz beruht „Breaking Bad“ auf einer wahren Geschichte, der eines Chemielehrers aus Alabama. Wenig überraschend: Er trägt denselben Namen wie sein durch Bryan Cranston verkörpertes Konterfei und seit neuestem auch noch einen weiteren Titel: „The real Walter White“. Doch sosehr wir auch Staffel für Staffel, Kapitel um Kapitel dieser wunderbaren Lügen-Reality verschlingen mögen, am Ende werden die Einzelteile des gesprengten Lügenpalastes nicht aus dem Fernseher und nicht zwischen den Zeilen heraus in unser Wohnzimmer brechen. Es bleibt vielleicht ein unangenehmes Gefühl, aber ansonsten wähnen wir uns bestens unterhalten.</p>
<p>Private Lügen, insofern sie nicht in unserem eigenen Umfeld stattfinden, sind also nicht mehr als ein kleines Stück Zuckerwatte, das uns für einen kurzen Moment im Hals stecken bleibt und ein temporäres Unwohlsein auslöst, bevor wir uns weiter an unserer Nascherei erfreuen. Für das private Umfeld jedoch kann ein noch so ausgefeiltes Lügengebilde als Abwandlung von Schneewittchens böser Stiefmutter auftreten, die statt vergifteten Äpfeln vergiftete Zuckerwatte anpreist. Ob man seine Liebsten, deren Vertrauen oder seine Beziehung zu ihnen wirklich einen so kafkaesken Tod sterben lassen will, oder zumindest das Risiko solcher Folgen eingehen will, muss letztendlich jeder selbst entscheiden. Im öffentlichen Leben allerdings kann die vergiftete Zuckerwatte in Form von falschen Wahlversprechen, vertuschter Steuerhinterziehung oder verheimlichten Finanzspekulationen einer gesamten Gesellschaft verkauft werden. Öffentliche Personen in Politik, Finanzen und Recht sollten sich daher ihrer Stellung als Jahrmarktsverkäufer der Nation und ihrer Macht bewusst sein, zwischen Zuckerwatte mit Arsen-Aroma, aufrichtig gebrannten Mandeln und ehrlich gemeinten Liebesperlen für ihre Auslage zu unterscheiden.</p>
<p>Schwierig wird es dann, wenn zwei Jahrmarktsverkäufer miteinander konkurrieren und es zu einem Wettbewerb um die schmackhafteste Wahrheit kommt. Kürzlich veröffentlichte Frankreichs Ex-Première Dame und Journalistin bei der französischen Boulevardzeitung <em>Paris Match</em> einen intimen Schmähroman über ihre Beziehung mit François Hollande. Unter anderem schrieb sie, der Präsident hätte die Armen der französischen Nation entgegen seiner sozialdemokratischen Attitüde als „sans-dents“, als „Zahnlose“, bezeichnet. Hollande streitet dies selbstverständlich vehement ab. Für die Gesellschaft wird es hier allerdings schwer, zu entscheiden, wer uns die vergiftete Zuckerwatte verkaufen will. Ist es Valérie Trierweiler, die eifersüchtige und nach Rache sinnende Exfreundin, die den Ruf des amtierenden Präsidenten zerstören will? Oder ist etwa doch Hollande, der verzweifelt versucht, sein reichlich verknittertes Image mit einer lauwarmen Teetasse und Zuckerwatte, dem neuen Opium fürs Volk, glattzubügeln?</p>
<p>Ich habe einen Albtraum&#8230;einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der es keine Lügen gibt. Ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der man immer ehrlich ist und stets aufrichtig die Wahrheit sagt. Und ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der niemand die Tugend besitzt, die Arete, wie es Aristoteles in seiner Mesotes-Lehre sagt. Die Tugend, die Mitte zwischen frappierender Ehrlichkeit und absurder Schwindelei zu erkennen, sei es nun in Sachen Höflichkeit, Privatleben, Gesellschaft oder Not. Doch was genau diese Mitte ist und wie wir sie finden können, und diese Meinung vertritt auch Aristoteles, muss jeder selbst abwägen.</p>
<p><strong> </strong><em>Bildquelle: Roland Zumbühl, Arlesheim über Wikimedia Commons</em></p>
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		<title>Die Künstlerin</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Dec 2013 21:17:54 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Künstlerin]]></category>

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		<description><![CDATA[von Dana Labun Nur heute noch, ein exklusives Konzert, für die Reichsten, Kultiviertesten, und bringen Sie doch bitte einen Fächer mit, es wird eine große Menschenmasse erwartet. Die Farben strömen in den Saal, verklebt und starr von all den Tönen, die bereits hier widerhallten, oder doch glatt poliert? Denn das Lachen der durchaus anschaulichen Damen erscheint mir glänzender und [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><img class="size-medium wp-image-5874 alignleft" alt="Schnelldampfer &quot;Europa&quot;, Ballsaal" src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2013/12/Bundesarchiv_Bild_102-09253_Schnelldampfer_-Europa-_Ballsaal-300x206.jpg" width="300" height="206" /></p>
<p style="text-align: left;"><em>von Dana Labun</em></p>
<p style="text-align: left;">Nur heute noch, ein exklusives Konzert, für die Reichsten, Kultiviertesten, und bringen Sie doch bitte einen Fächer mit, es wird eine große Menschenmasse erwartet.</p>
<p style="text-align: left;">Die Farben strömen in den Saal, verklebt und starr von all den Tönen, die bereits hier widerhallten, oder doch glatt poliert? Denn das Lachen der durchaus anschaulichen Damen erscheint mir glänzender und perlender, und schmeichelt die Weste dem Herren dort drüben nicht ungemein?</p>
<p style="text-align: left;">Die Diener und Kellner huschen durch den kerzenlichtdämmrigen Raum, ein<br />
Glas Champagner, Mademoiselle? Oh, herzlichen Dank, überaus freundlich.<br />
Dezent pusten die Diener einzelne Kerzen aus, aller Augen richten sich auf<br />
den glänzenden, einsamen Flügel am Ende des Saals.</p>
<p style="text-align: left;">Nehmen Sie bitte Ihre Plätze ein, die Künstlerin kommt gleich,</p>
<p style="text-align: left;">Augen beginnen zu leuchten und das Flüstern wird leiser.</p>
<p style="text-align: left;">Eine wahrhaftig große Künstlerin soll sie sein, schallt es durch den<br />
Raum, ich hörte, sie sei jung? Nein, nein, schon beinahe eine Greisin,<br />
doch noch immer brillant.</p>
<p style="text-align: left;">Der ganze Saal ist dunkel, nur neben dem Flügel steht eine einzelne,<br />
weiße Kerze, das Wachs rinnt schon hinunter, sie ist alt.</p>
<p style="text-align: left;">Die Künstlerin tritt auf die Bühne, doch man nimmt nur eine Bewegung im<br />
Schatten wahr.<br />
Sie liegt im Dunkeln, selbst als sie am Flügel sitzt und das Schaben des<br />
Hockers über das teure Parkett das einzige Geräusch im Saal ist.</p>
<p style="text-align: left;">Als sie anfängt zu spielen, ziehen alle erschrocken die parfümgetränkte<br />
Luft ein. Das ist wahre Virtuosität, flüstern sie, und wahrhaftig, die<br />
C-Dur-Tonleiter, die die Künstlerin zum Besten gibt, ist ein Beispiel an<br />
Disziplin und Übung, die Töne so sanft gespielt und auch so voll,<br />
genießerisch schließt eine Dame in der vordersten Reihe die Augen.<br />
Himmlisch, wie zart, wie wunderschön, hört man die Leute im Raum wispern.</p>
<p style="text-align: left;">Niemand bemerkt das Wachs, das die Kerze hinunterrinnt, direkt auf den Fuß<br />
der Künstlerin. Als das heiße, flüssige Wachs ihre Haut berührt,<br />
kreischt sie auf, und die Tonleiter bricht abrupt ab. Mit einer Lampe eilen<br />
zwei Diener nach vorne, und endlich, endlich, sieht man das Gesicht der<br />
Künstlerin.</p>
<p style="text-align: left;">Sie ist weder Kind noch Greisin, die gerade Haltung passt nicht zu den<br />
Falten in ihrem Gesicht, die Augen sind zu jung für die schrumpeligen<br />
Hände.<br />
Sie schreit, weil sie brennt.</p>
<p style="text-align: left;">Ja tatsächlich, sie brennt, niemand weiß wieso, aber ist das wichtig? Die<br />
Gesellschaft starrt sie an, mit geöffneten Mündern und leeren Augen, bis<br />
die Hitze unerträglich wird und die Farben wieder aus dem Saal strömen;<br />
der Saal wird grau und leer zurückgelassen.</p>
<p style="text-align: left;">Die Damen und Herren sind begeistert, das Konzert war großartig, dieser<br />
Ausdruck, ganz exquisit!</p>
<p style="text-align: left;">Und doch, die Klavierspielerin brannte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em> Bild: Fotograf unbekannt; BArchBot über Wikimedia Commons</em></p>
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		<title>Das vergessene Wahlkampfthema</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Sep 2013 13:57:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Welt da draußen]]></category>
		<category><![CDATA[Asylanten]]></category>
		<category><![CDATA[Asylbewerber]]></category>
		<category><![CDATA[Bahnhof]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Klischee]]></category>
		<category><![CDATA[Kofferträger]]></category>
		<category><![CDATA[Schwäbich Gmünd]]></category>

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		<description><![CDATA[von Viktoria Kamuf Anfang der Sommerferien war Schwäbisch Gmünd auf einmal überall: In den großen Tageszeitungen, im Fernsehen, im Bundestag, ja, sogar im Ausland. Man hätte fast stolz sein können. Leider war der Anlass ein in verschiedener Hinsicht nicht besonders erfreulicher. Es ging um etwas, was eigentlich wichtig genug wäre, um Wahlkampfthema zu sein. Es [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><em><a href="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f3/Bahnhof-GD-vom-Salvator.JPG/800px-Bahnhof-GD-vom-Salvator.JPG"><img class="alignleft" alt="File:Bahnhof-GD-vom-Salvator.JPG" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f3/Bahnhof-GD-vom-Salvator.JPG/800px-Bahnhof-GD-vom-Salvator.JPG" width="384" height="256" /></a>von Viktoria Kamuf</em></p>
<p style="text-align: justify;">Anfang der Sommerferien war Schwäbisch Gmünd auf einmal überall: In den großen Tageszeitungen, im Fernsehen, im Bundestag, ja, sogar im Ausland. Man hätte fast stolz sein können.</p>
<p style="text-align: justify;">Leider war der Anlass ein in verschiedener Hinsicht nicht besonders erfreulicher. Es ging um etwas, was eigentlich wichtig genug wäre, um Wahlkampfthema zu sein. Es ging um den Umgang mit Asylbewerbern in Deutschland.</p>
<p style="text-align: justify;"> Allein im Juli dieses Jahres wurden über 11.000 Asylanträge gestellt. Auf deren Bearbeitung warten die Antragsteller größtenteils in Sammelunterkünften wie dem Wohnheim auf dem Hardt in Schwäbisch Gmünd. Dort leben derzeit 250 Flüchtlinge, praktisch isoliert vom normalen Leben.</p>
<p style="text-align: justify;">Isoliert, weil ihnen nur wenige Chancen bleiben, aus der Sammelunterkunft hinaus ins Leben zu treten. So verbietet ihnen das Asylbewerberleistungsgesetz nämlich, eine Ausbildung zu beginnen oder einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Ausgenommen davon sind ehrenamtliche Tätigkeiten sowie Tätigkeiten innerhalb der jeweiligen Einrichtung, in der sie sich befinden, und 1-Euro-Jobs, bei denen der maximale Stundenlohn mickrige 1,05 Euro beträgt. Es versteht sich von selbst, dass die Arbeiten außerhalb des Wohnheims auch nur dann ausgeführt werden dürfen, „sofern die zu leistende Arbeit sonst nicht, nicht in diesem Umfang oder nicht zu diesem Zeitpunkt verrichtet werden würde.“ (§5, Abs.1). Und trotzdem hilft es einem Asylanten bei der Bewerbung auf Aufenthaltsverlängerung, wenn er eine Beschäftigung vorweisen kann.</p>
<p style="text-align: justify;">Um überhaupt ein Leben bestreiten zu können, erhält ein jeder Asylbewerber monatlich 346€ Grundsicherung, weswegen sie auch gern mit Hartz-IV-Empfängern verglichen werden. Jedoch ist es im Fall der Flüchtlinge den Zuständigen freigestellt, ob sie dieses Geld bar und/oder über Essenspakete und Gutscheine aushändigen.</p>
<p style="text-align: justify;">In jedem dieser Fälle – sei es ein Praktikums- oder Jobangebot oder die Verfügbarkeit des Geldes – kommt es demnach vor allem auf die Entscheidungen von Kommune und Landkreis an. Die Asylbewerber sind abhängig von ihrer Umgebung und den für sie zuständigen Politikern.</p>
<p style="text-align: justify;">Das ist &#8211; grob gesagt &#8211; die Situation der Asylanten in Deutschland; in Schwäbisch Gmünd haben sie Glück gehabt. Sie sind in einer Stadt gelandet, die offenbar bereit ist, auf sie einzugehen und ihnen zu helfen. Der Gmünder Bürgermeister Richard Arnold (CDU) sagt nicht nur, dass ihm die Belange der Asylbewerber am Herzen liegen, er kümmert sich auch im Rahmen seiner Möglichkeiten darum, dass sie nicht zur Untätigkeit verdammt tagein, tagaus im Wohnheim sitzen müssen. Es ist nicht einfach, da etwas zu finden &#8211; die Auswahl ist gering &#8211; , doch gerade das sollte kein Punkt sein, an dem man verzweifelt, sondern vielmehr einer, der einen erst recht zum Handeln zwingt.</p>
<p style="text-align: justify;">Während der Stauferwoche zum Beispiel wurden mehrere von ihnen für den Auf- und Abbau der Tribüne angestellt, andere absolvieren ein Praktikum in der Verwaltung des Rathauses und der Nächste kümmert sich um die Instandhaltung des Jugendtreffs. Und dann sollte es da noch die Kofferträger geben. Zehn Männer, die am Bahnhof den Reisenden helfen, die absurd hohe Treppe, welche derzeit als Notlösung über die Gleise führt, mitsamt Gepäck, Kinderwägen, Rollstühlen oder Ähnlichem zu meistern. Sie verdienten 1,05 Euro die Stunde, wie vom Gesetz vorgeschrieben. Busticket und Getränke bekamen sie bezahlt. Sie hatten sich freiwillig gemeldet, als Mitte Juli das Projekt begonnen werden sollte. Sie bekamen rote T-Shirts und Namensschilder. Sie waren dunkler Hautfarbe, aber das sollte ja eigentlich egal sein. War es aber nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Genau zwei Tage waren die Männer beschäftigt, dann zog sich die Bahn zurück und schwenkte auf die Beschäftigung ihrer eigenen Mitarbeiter um. Warum? Angeblich wussten sie nichts von den schlechten Arbeitsbedingungen, der (in den engen rechtlichen Grenzen) schlechten Bezahlung, die sie ja mitfinanzierten. Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass sie einer peinlichen Situation aus dem Weg gehen wollten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die peinliche Situation war eine Beschwerdewelle, die durch ganz Süddeutschland und bis nach Berlin zog. Laut wurden Begriffe wie „Kolonialismus“ und „Sklavenarbeit“ in den Medien genannt, Assoziationen, die bei dem Anblick von schwarzen Männern, die Koffer tragen, bei einigen hervorgerufen wurden. Und dann war da natürlich noch die Sache mit den Strohhüten. Eigentlich sollten sie gegen die Sonne schützen, wurden dann aber zum Symbol der Unterdrückung hochstilisiert.</p>
<p style="text-align: justify;">Nun kann man die Wahl von Strohhüten für sehr unglücklich halten, denn tatsächlich haben leider in der Vergangenheit schwarze Sklaven mit Strohhüten ihren weißen reichen Herrschaften die Koffer getragen. Doch diese Menschen, um die es hier geht, sind keine Diener, sondern waren Angestellte von Stadt und Bahn. Die Beschwerden über Unterbezahlung sind berechtigt, müssten aber im Bundestag eingereicht werden und nicht in Schwäbisch Gmünd. Niemand wollte sie ausbeuten, aber jemand wollte ihnen helfen. Ein „Bitte“ und ein „Dankeschön“ integrieren noch lange keinen Menschen, doch was ist dagegen totale Isolation?</p>
<p style="text-align: justify;">Wer beim Bild dieser Männer an Unterdrückung und Sklaverei denkt und die Stadt Schwäbisch Gmünd und ihren Bürgermeister anprangert, Klischees zu pflegen und wiederaufleben zu lassen, der trägt selbst das Klischee weiter, ja mehr noch, es ist tief in ihm verankert. Vermutlich kann er nichts dafür, sondern seine Umgebung und die Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist. Doch wir müssen lernen, uns von diesen Klischees zu befreien und unser Denken selbst in die Hand zu nehmen. Dann wäre es endlich möglich, über das eigentlich Wichtige zu diskutieren: Über die schlechten bis unmenschlichen Verhältnisse, in denen Flüchtlinge in Deutschland leben müssen und über das Unvermögen der Gesellschaft, diese Flüchtlinge zu integrieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier in Schwäbisch Gmünd wird diese enorm nötige Debatte leider von ein paar in guter Absicht verteilten Strohhüten verhindert. Wäre die Wahl doch nur auf Baseballkappen gefallen.</p>
<p><em>Bild: File Upload Bot (Magnus Manske) via Wikimedia Commons</em></p>
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