 
 
<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>derfarbfleck &#187; Freigeist</title>
	<atom:link href="http://www.derfarbfleck.de/old/tag/freigeist/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.derfarbfleck.de/old</link>
	<description>mehr als nur schwarz auf weiß</description>
	<lastBuildDate>Wed, 11 Nov 2015 18:19:28 +0000</lastBuildDate>
	<language>en-US</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=4.2.38</generator>
	<item>
		<title>Identität aus Lumpen der Zeit</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/11/13/identitat-aus-lumpen-der-zeit/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/11/13/identitat-aus-lumpen-der-zeit/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 13 Nov 2014 13:44:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Lumpen]]></category>
		<category><![CDATA[Rolle]]></category>
		<category><![CDATA[Spiegel]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=6541</guid>
		<description><![CDATA[von Benjamin Škulec Ich blicke in den Spiegel und eine unglaubliche Monstrosität blickt zurück. So wäre es zumindest, wenn ich sehen könnte, was ich vorgebe zu sein. Versatzstücke aus der Leiche von Kurt Cobain und Sid Vicious, nett verpackt in einer kleidsamen Zwangsjacke, denn so stelle ich mir Zwangsjacken vor. Bevor Sie jedoch, werter Leser, weiter [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Benjamin <span style="color: #000000;">Škulec<a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/11/Nimm-dich-selbst-bei-der-Nase.jpg"><img class="alignright wp-image-6543 " src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/11/Nimm-dich-selbst-bei-der-Nase-213x300.jpg" alt="Nimm dich selbst bei der Nase" width="277" height="391" /></a></span></em></p>
<p>Ich blicke in den Spiegel und eine unglaubliche Monstrosität blickt zurück. So wäre es zumindest, wenn ich sehen könnte, was ich vorgebe zu sein. Versatzstücke aus der Leiche von Kurt Cobain und Sid Vicious, nett verpackt in einer kleidsamen Zwangsjacke, denn so stelle ich mir Zwangsjacken vor.</p>
<p>Bevor Sie jedoch, werter Leser, weiter in dieses unsägliche Machwerk vordringen, seien Sie gewarnt: ich werde auf den folgenden Seiten ausschließlich darüber lamentieren, wie scheiße es doch ist, heutzutage als man selbst geboren zu sein, so wie jeder andere junge Mensch seit über vierzig Jahren, in deren Umgebung jemand so unvorsichtig gewesen ist, Stift und Papier herumliegen zu lassen. Außerdem werde ich das Thema „Identität in Zeiten der Selfies“ vage von der Seite anschneiden.</p>
<p>Behaupten Sie also nicht, niemand hätte Sie gewarnt und versuchen Sie vor allem nicht irgendeinen Haftungsanspruch geltend zu machen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nachdem ich also jetzt erfolgreich jegliche Korrektoren vergrault habe, wird es Zeit denjenigen zu begrüßen, den mein Gelaber wirklich interessiert: Niemanden!</p>
<p>Hallo auch! All jene, die dies lesen müssen, weil sie dafür bezahlt werden, fragen sich vermutlich mittlerweile was der ganze Scheiß hier eigentlich soll. Und auf diese Frage antworte ich unverfroren: Sorry Alter, das is&#8217; halt was ich im Selbstverständnis von mir als Individuum als voll wesentlich und so erachte. „Ah!“ werden Sie nun rufen, „Endlich verstehe ich!“. Oder eben auch nicht.</p>
<p>Ein schlauer Herr namens George Herbert Mead hat mal gesagt, dass Identität, die ja doch eher ein abstraktes Ding ist, bei der Geburt noch gar nicht da ist, allerdings „innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses“ entsteht. Ich meine, was zum Henker erwarten Sie eigentlich von meiner Generation?</p>
<p>Die meiste Zeit starren viele der anderen Individuen in unserem Proceß auf ihr kleines Fenster zum Internet und wenn man, aus Mangel an besseren Alternativen, beim Warten auf irgendwas, was man eh längst vergessen hat, selbst mitmacht, zwitschern einem Vögelchen aus der ganzen Welt sekündlich von neuen Anschlägen, Mordserien, Vergewaltigungen. Und was uns zu tun übrigbleibt, ist die Nachricht zu verbreiten und „OMG, so grausam #<em>holyshit </em>“ zu pfosten. Man fühlt sich wie ein omniscentes, aber volle Kanne impotentes Wesen, welches auf den Stuhl vor den Bildschirmen gefesselt ist, mit diesen ekligen Teilen, die einem die Augen aufhalten. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich nachts immer geweint.</p>
<p>Sie sagen, wir jungen Leute verblöden, weil wir nichts mit unserem Leben anstellen, die modernen Zeiten hätten uns stumpf gemacht. Ich behaupte, wir sind nicht dumm, nicht dumpf. Nur stumm.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wir wachsen in einer Welt auf, die sich schon viel zu lange um sich selbst dreht &#8211; es gibt nichts für uns zu denken, zu schreiben, zu sagen oder zu singen, das nicht schon gedacht, geschrieben, gesagt oder geschrien wurde. Es wäre doch anmaßend anzunehmen, dass irgendjemand sich drum reißt alles nochmal aus unseren pickligen Mündern zu hören. Soviel zu unserem „Erfahrungs- und Tätigkeitsprozess“.</p>
<p>Ich sage Ihnen, es ist nicht verwunderlich, dass meine Generation sich in minderjährigem Sex und Alkoholexzessen ergeht, ich selbst neige zu selbstzerstörerischem Verhalten. Ich suche keinen Schuldigen. Niemand kann etwas für den Wahn in dem sich unsere schrumpfende Welt immer schneller auflöst, den wir aufsogen, um ihn auf dem Schild unserer Identität zu tragen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Into this world we&#8217;re thrown / like a dog without a bone“ sang Jim Morrison, Mitglied des Club 27.</p>
<p>Heutzutage ist Nicht-Denken angenehmer.</p>
<p>Das war es vermutlich auch früher, ich denke jedoch, es ist zu einer Art schützender Schleimschicht mutiert. Lieber tötet man seine Gedanken mit Videospielen ab, als zu erkennen und traurig zu werden. Den Kopf auszuschalten und die Welt auszublenden, erscheint mir als die einzige erfolgversprechende Möglichkeit in dieser postmodernen Totenwelt zu leben, obwohl ich weiß, dass Adorno mir hierfür am liebsten den Kopf abreißen oder mir zumindest einen sehr hasserfüllten Brief schreiben würde, wenn er könnte.</p>
<p>Und Sie schreien jetzt wahrscheinlich dieses Blatt an, allein in Ihrer Kammer bei Mutti, Sie mürrischer Zweitkorrektor mit hochrotem Kopf:</p>
<p>„Stuss! STUSS! Fauler Ausreden für faulige Faulheit, faules Stück Mensch! Umsonst haben wir Altvorderen geschuftet, um euch diese schöne, einfache Welt in der ihr lebt zu schaffen. Undank&#8230;“</p>
<p>Naja, Sie wissen was ich von Ihnen halte.</p>
<p>Vielleicht bin ich undankbar.</p>
<p>Vielleicht sind Sie ignorant.</p>
<p>Wer kann heute noch irgendwas wissen, wo doch absolut alles im Internet steht?</p>
<p>Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass wir jüngsten Sprösslinge dieses ehemals blauen Planeten, die wir wider Willen in diese seit &#8217;45 post-apokalyptische Vorhölle von einer Welt geworfen wurden, diejenigen sind, die still und unbewusst am Verdrossensten sind von diesen post-modernen Zeiten?</p>
<p>Glauben sie mir, dass wir lieber umkehren würden, aber unaufhörlich an unseren Füßen in diese Zukunft aus Stahl und Gallium gezerrt werden?</p>
<p>Uns bleibt nichts anderes übrig, mir bleibt nichts übrig, als entweder mit Lichtgeschwindigkeit ins All zu fliegen, bis die Zeit still steht, um dort an den Klippen zu zerschellen, oder direkt Suizid zu begehen oder eben unsere, meine gestohlene Identität im Spiegel anzuschauen und mir einzureden, die Vergangenheit sei nicht vergangen.</p>
<p><em>Bildquelle: &#8220;Nimm dich selbst bei der Nase&#8221; aus dem Tiroler Volkskunstmuseum (spätes 17. Jahrhundert); Javier Carro über Wikimedia Commons </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/11/13/identitat-aus-lumpen-der-zeit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kommt mit ins Zuckerwatte-Land!</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/10/16/kommt-mit-ins-zuckerwatte-land/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/10/16/kommt-mit-ins-zuckerwatte-land/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 16 Oct 2014 06:30:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Breaking Bad]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Lügen]]></category>
		<category><![CDATA[Madame Bovary]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Zuckerwatte]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=6479</guid>
		<description><![CDATA[Ein Essay von Lea Frauenknecht Pünktlich betrete ich das Schulhaus. „Na, wie geht’s?“, begrüße ich meine beste Freundin. „Boah, ich kann es echt nicht ausstehen, wenn du mich so früh am Morgen immer schon so pseudofreundlich anquatschst!“, schnaubt sie hinter ihrem Matheordner hervor. Der Unterricht beginnt mit der üblichen Frage: „Wer hat seine Hausaufgaben NICHT [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><b><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/10/Zuckerwatte.jpg"><img class="alignright wp-image-6481 " src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/10/Zuckerwatte-300x199.jpg" alt="Zuckerwatte" width="356" height="236" /></a>Ein Essay von <em>Lea Frauenknecht</em></b></p>
<p>Pünktlich betrete ich das Schulhaus. „Na, wie geht’s?“, begrüße ich meine beste Freundin. „Boah, ich kann es echt nicht ausstehen, wenn du mich so früh am Morgen immer schon so pseudofreundlich anquatschst!“, schnaubt sie hinter ihrem Matheordner hervor. Der Unterricht beginnt mit der üblichen Frage: „Wer hat seine Hausaufgaben NICHT gemacht?“. Verblüfft muss ich mit ansehen, wie alle Arme synchron in Richtung Zimmerdecke schießen. In der Pause gehen mir irgendwann die Gesprächsthemen aus und ich frage meinen Freund aus purer Small-Talk-Manier heraus, was er von meinem neuen Kapuzenpulli hält. „Er macht dich nicht dick. Er zeigt, wie dick du wirklich bist!“, wird mir zwischen zwei Schlucken Zitronentee vollkommen unverblümt mitgeteilt. Beim Mittagessen kommt es zu einem verbalen Stellungskrieg zwischen meinen Eltern, als mein Vater den Nudelauflauf als „verpilzten Atomkraftglibber“ bezeichnet und meine Mutter entgegnet, er solle sich doch ein neues Dienstmädchen suchen, vielleicht würde er ja im Rotlichtviertel fündig werden. Schweißgebadet erwache ich von dem melodischen Gesäusel meines Handyweckers.</p>
<p>Ich habe einen Albtraum&#8230; einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der es keine Lügen gibt. Ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der man immer ehrlich ist und stets aufrichtig die Wahrheit sagt. Ist diese Ansicht nicht etwa moralisch verwerflich und ruft zum schwindelerregenden Schwindel auf, fragen Sie sich? Das mag durchaus richtig sein, sie tut es aber aus gutem Grund. Denn Lügen haben nicht nur „kurze Beine“, sondern sind auch ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft, wie der Zucker in der rosaroten Zuckerwatte: Ohne ihn wäre diese weder süß und erträglich, noch würde sie überhaupt existieren. Was ich damit sagen will: Lügen sind der rosarote Süßstoff, der die Welt im Innersten zusammenhält, in hohen Dosen aber gleichermaßen abscheulich und gesundheitsgefährdend ist.</p>
<p>Und genauso sind Lügen ein Teil der gesellschaftlichen Sozialisierung, wer noch an deren Anfang steht, über den werden Sachen gesagt wie etwa: „Kindermund tut Wahrheit kund“. Und dies dürfte ausnahmsweise mal keine Lüge sein. Das Lügen als Bestandteil der gesellschaftlichen Sozialisierung kommt nämlich erst mit der Fähigkeit, „sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen“. Dies bringt Tobias Beck in seinem Beitrag zum „Täuschen und Lügen“ der Serie „Quarks&amp;Co.“ damit in Verbindung. Das Lügen sei keine „angeborene Fähigkeit“, aber man würde sie erlernen. Lügen dienen also dazu, uns auf ein eigenständiges Leben in der Gesellschaft vorzubereiten, uns salonfähig zu machen für das Paradies der Schwindler, Trickser und dauerlächelnden Hochdruckreinigervertreter. Wer nicht lügt, der hat einen wichtigen Teil der Sozialisierung verpasst und kann die Sprache der unausgesprochenen Unannehmlichkeiten zwar verstehen, aber nicht sprechen. Das ist der Grund, warum wir den an Tourette-Syndrom leidenden jungen Erwachsenen ungern in unseren Schulen, Unis und Großraumbüros am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen wollen: Denn wer will in unserer scheinheiligen Lächel-Gesellschaft schon als „Arschloch“ oder „Spießer“ bezeichnet werden? Wir haben uns die Wahrheit wahrhaftig abgewöhnt&#8230;</p>
<p>Andererseits müsste man eine Gesellschaft ohne Lügen wohl beschreiben als eine Mischung aus mürrischen Wortgefechten, allgemeinem Unwohlsein und eingeschnapptem Einzelgängertum. Denn Lügen haben eine immense Macht über zwischenmenschliche Beziehungen: Durch eine kleine Höflichkeitslüge schließen wir möglicherweise neue Kontakte. Und sprechen wir eine  unangenehme Wahrheit aus, riskieren wir, beispielsweise eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Ein simples „das Kleid steht dir wirklich super“ kann zum Opener für eine langjährige Bekanntschaft werden, ein „in diesem Kleid siehst du wirklich fett aus“ diese Bekanntschaft aber ebenso schnell wieder beenden.</p>
<p>Doch eine „Lüge“ ist nicht mit einer „Lüge“ gleichzusetzen. Ich widerspreche mir selbst? Nicht, solange ich hinzufüge, dass in beiden Fällen zwar eine Unwahrheit ausgesprochen wird, jedoch mit unterschiedlicher Ursache, Folge oder in einem gänzlich anderen Kontext. Wir kennen unter anderem die Notlüge („Mein Hund hat die Hausaufgaben gefressen“), die öffentliche Lüge („Nach der nächsten Landtagswahl wird die AfD freundlich zu allen Ausländern sein“), die Höflichkeitslüge („Natürlich schmeckt mir dieser Nelken-Anis-Kuchen ganz vorzüglich“) sowie die private Lüge („Wo denkst du hin, selbstverständlich habe ich nie jemand anderen geliebt als dich!“). Die bereits angesprochene Höflichkeitslüge ist insofern in ihrem Gebrauch zu rechtfertigen, als dass sie, zumindest bis zu einem gewissen Grad hin, den Kitt unserer Gesellschaft und unserer sozialen Beziehungen bildet. Auch die Notlüge ist, solange sie nicht überhand nimmt, doch nur eine verständliche Reaktion unseres in Bedrängnis geratenen, abwägenden Ichs.</p>
<p>„Du sollst nicht lügen“, pflegte bereits der gute alte Gott zu sagen. Allerdings werden wir im Beichtstuhl wohl kaum in Tränen ausbrechen aufgrund des Märchens vom 20 Kilometer langen Stau auf dem Weg zum Büro, der in Wahrheit nur ein kleiner Schulbus war. Und auch, dass wir das neue T-Shirt unserer besten Freundin als „tollen Kauf“ gelobt haben, obwohl wir Leoparden-Prints eigentlich am liebsten verbieten würden, wird wohl kaum für einen Rosenkranz reichen. Doch wie verhält es sich mit den „größeren“ Lügen, die mit Höflichkeit ungefähr so viel zu tun haben wie Gott mit Pinocchio? Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage überschreite, folgt hier noch eine kleine Belehrung, damit Sie später nicht sagen können, ich hätte Sie nicht gewarnt: <strong><em>Bei Angst vor Spoilern und intermedialen Elementen überspringen Sie den folgenden Absatz und konsultieren Sie ihren persönlichen Bibliothekar und Kinematographen</em></strong>.</p>
<p>In der erfolgreichen US-Serie „Breaking Bad“ fängt der krebskranke Chemielehrer und brillante naturwissenschaftliche Kopf Walter White an, in das Geschäft mit Methamphetaminen (umgangssprachlich auch „Crystal Meth“) einzusteigen, um seine an Geldsorgen leidende Familie nach seinem Tod vor der Armutsfalle zu bewahren. Im Verlauf der sechs Staffeln baut Walter vor den Augen seiner Familie ein immer höher werdendes Lügenkonstrukt auf, das sein Schwager von der <em>Drug Enforcement Administration </em>(zu Deutsch: „Drogenvollzugsbehörde“) gegen Ende der Serie schließlich zum Einsturz bringt. „Breaking Bad“ endet nach 62 Episoden voller Lügen mit dem Tod Walters Whites, dem Mord an dessen Schwager und einer traumatisierten, in Armut lebenden Familie. Zu einem ähnlich dramatischen Finale spitzt sich Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ zu, in dem sich die gleichnamige Hauptperson vor ihrer unerfüllten Ehe in amouröse Affären und teure Einkäufe flüchtet. Als sie am Ende sowohl die Zuwendungen ihrer zwei Geliebten verliert als auch aufgrund der von ihr verursachten Schulden eine Verpfändung ihres Eigentums droht, bringt sie sich schließlich um und lässt einen gebrochenen Ehemann zurück.</p>
<p>Natürlich kann man anmerken, dass es sich bei den angeführten Beispielen um nicht viel mehr handele als um Fiktion in ihrer feinsten Ausführung. Nichtsdestotrotz wird „Madame Bovary“ zu den Vorzeigewerken des französischen Realismus gezählt. Und nichtsdestotrotz beruht „Breaking Bad“ auf einer wahren Geschichte, der eines Chemielehrers aus Alabama. Wenig überraschend: Er trägt denselben Namen wie sein durch Bryan Cranston verkörpertes Konterfei und seit neuestem auch noch einen weiteren Titel: „The real Walter White“. Doch sosehr wir auch Staffel für Staffel, Kapitel um Kapitel dieser wunderbaren Lügen-Reality verschlingen mögen, am Ende werden die Einzelteile des gesprengten Lügenpalastes nicht aus dem Fernseher und nicht zwischen den Zeilen heraus in unser Wohnzimmer brechen. Es bleibt vielleicht ein unangenehmes Gefühl, aber ansonsten wähnen wir uns bestens unterhalten.</p>
<p>Private Lügen, insofern sie nicht in unserem eigenen Umfeld stattfinden, sind also nicht mehr als ein kleines Stück Zuckerwatte, das uns für einen kurzen Moment im Hals stecken bleibt und ein temporäres Unwohlsein auslöst, bevor wir uns weiter an unserer Nascherei erfreuen. Für das private Umfeld jedoch kann ein noch so ausgefeiltes Lügengebilde als Abwandlung von Schneewittchens böser Stiefmutter auftreten, die statt vergifteten Äpfeln vergiftete Zuckerwatte anpreist. Ob man seine Liebsten, deren Vertrauen oder seine Beziehung zu ihnen wirklich einen so kafkaesken Tod sterben lassen will, oder zumindest das Risiko solcher Folgen eingehen will, muss letztendlich jeder selbst entscheiden. Im öffentlichen Leben allerdings kann die vergiftete Zuckerwatte in Form von falschen Wahlversprechen, vertuschter Steuerhinterziehung oder verheimlichten Finanzspekulationen einer gesamten Gesellschaft verkauft werden. Öffentliche Personen in Politik, Finanzen und Recht sollten sich daher ihrer Stellung als Jahrmarktsverkäufer der Nation und ihrer Macht bewusst sein, zwischen Zuckerwatte mit Arsen-Aroma, aufrichtig gebrannten Mandeln und ehrlich gemeinten Liebesperlen für ihre Auslage zu unterscheiden.</p>
<p>Schwierig wird es dann, wenn zwei Jahrmarktsverkäufer miteinander konkurrieren und es zu einem Wettbewerb um die schmackhafteste Wahrheit kommt. Kürzlich veröffentlichte Frankreichs Ex-Première Dame und Journalistin bei der französischen Boulevardzeitung <em>Paris Match</em> einen intimen Schmähroman über ihre Beziehung mit François Hollande. Unter anderem schrieb sie, der Präsident hätte die Armen der französischen Nation entgegen seiner sozialdemokratischen Attitüde als „sans-dents“, als „Zahnlose“, bezeichnet. Hollande streitet dies selbstverständlich vehement ab. Für die Gesellschaft wird es hier allerdings schwer, zu entscheiden, wer uns die vergiftete Zuckerwatte verkaufen will. Ist es Valérie Trierweiler, die eifersüchtige und nach Rache sinnende Exfreundin, die den Ruf des amtierenden Präsidenten zerstören will? Oder ist etwa doch Hollande, der verzweifelt versucht, sein reichlich verknittertes Image mit einer lauwarmen Teetasse und Zuckerwatte, dem neuen Opium fürs Volk, glattzubügeln?</p>
<p>Ich habe einen Albtraum&#8230;einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der es keine Lügen gibt. Ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der man immer ehrlich ist und stets aufrichtig die Wahrheit sagt. Und ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der niemand die Tugend besitzt, die Arete, wie es Aristoteles in seiner Mesotes-Lehre sagt. Die Tugend, die Mitte zwischen frappierender Ehrlichkeit und absurder Schwindelei zu erkennen, sei es nun in Sachen Höflichkeit, Privatleben, Gesellschaft oder Not. Doch was genau diese Mitte ist und wie wir sie finden können, und diese Meinung vertritt auch Aristoteles, muss jeder selbst abwägen.</p>
<p><strong> </strong><em>Bildquelle: Roland Zumbühl, Arlesheim über Wikimedia Commons</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2014/10/16/kommt-mit-ins-zuckerwatte-land/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Von der Kunst des Sprechens</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/02/23/von-der-kunst-des-sprechens/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/02/23/von-der-kunst-des-sprechens/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 23 Feb 2013 13:47:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
		<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[Rhetorik]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=5150</guid>
		<description><![CDATA[von Robin Sluk „Das Gespräch, die Sprache sind die ersten und grundlegendsten Errungenschaften des Menschen.“ So oder ähnlich lautet eine oft zitierte und weitverbreitete Meinung der heutigen Tage. Doch was birgt der bloße Austausch von Informationen, das dazu berechtigt, ihn eben als das erste und höchste, was der Mensch erreichte, zu bezeichnen? Es ist eben [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><img class="alignleft" title="Speakers corner" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d2/Speakers-Corner-Speaker-1987.jpg?uselang=de" alt="" width="480" height="328" /></p>
<p style="text-align: justify;">von Robin Sluk</p>
<p style="text-align: justify;"><em>„Das Gespräch, die Sprache sind die ersten und grundlegendsten Errungenschaften des Menschen.“</em></p>
<p style="text-align: justify;">So oder ähnlich lautet eine oft zitierte und weitverbreitete Meinung der heutigen Tage. Doch was birgt der bloße Austausch von Informationen, das dazu berechtigt, ihn eben als das erste und höchste, was der Mensch erreichte, zu bezeichnen?</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist eben nicht nur der bloße Austausch von Information, der der Sprache zugrunde liegt. Sprache ist vielmehr die komplexeste soziale Interagitation zu der uns bekannte Lebewesen fähig sind. Ein aufmerksam geführtes Gespräch birgt die ganze Persönlichkeit, das ganze Wesen der beteiligten Gesprächspartner, ist größte Geistesanstrengung, bindet Freundschaften, entfacht Liebe. Es ist mehr als Reden, welches all dies birgt. Es ist der stete Wechsel von Ausdrücken und Verstehen, Reden und Zuhören, Mitteilung und Anteilnahme. Denn zum Gespräch, zur Konversation gehört mehr als nur das bloße Aussprechen dessen, was in den eigenen Gedanken vorgeht, ebenso wichtig ist das Aufnehmen und Verstehen der Standpunkte und Überzeugungen des Gegenübers. Eine Symbiose auf der sozialen und der selbstverwirklichenden Ebene. So, als dass man sich gegenseitig kennen und schätzen, beziehungsweise auch nicht schätzen lernt. Und so, als dass es eben höchste Geisteskraft und Konzentration benötigt, sowohl seine Standpunkte auszuformulieren und verständlich zu machen, als auch die des anderen zu begreifen und auf diese einzugehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine weitere Anforderung des Gesprächs ist die gegenseitige Rücksichtnahme. Eine echte Konversation kommt nur zustande wenn man sowohl das Gegenüber ausreden lässt, als auch die eigenen Standpunkte mit einer gewissen Energie hervorzubringen weiß. Ein purer Egoist, der nur redet und sich weigert dem anderen/ der anderen zuzuhören wird nie eine echte Konversation führen. Und einer, der sich des Versuches weigert, das Gesagte zu verstehen, wird selten zu komplexeren, hinterfragten Erkenntnissen gelangen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Problem, das sich in der heutigen Zeit der Hast und Technokratie immer mehr ausgeweitet hat. Wer meint er habe noch die Zeit und die Lust dazu, sich gepflegt zu unterhalten? Und wer, der guten Willens ist, wird nicht andauernd von denen unterbrochen, die nur den eigenen Vorteil im Sinn haben, das Gespräch an sich reißen und anstatt es zu bereichern, es zu seiner vollständigen Auflösung führen? Und wer getraut sich diese, wenn sie einmal begonnen haben, zum Enden zu bewegen?</p>
<p style="text-align: justify;">Die Sprache an sich wird immer mehr vereinfacht, mit Anglizismen überschwemmt, dient immer mehr dem bloßen Informations- und Faktenaustausch, womit wir wieder am Beginn dieses Artikels angelangt wären.</p>
<p style="text-align: justify;">Noch ist die Sprache nicht allein über ihren Informationsgehalt definiert, doch wir müssen uns Mühe geben, damit es nicht dazu kommt.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Bildquelle: </em>By Deborah MacLean (own work), ((CC-BY-1.0(http://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)), via Flickr</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/02/23/von-der-kunst-des-sprechens/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Eine Szene aus den Tuileries</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/02/06/eine-szene-aus-den-tuileries/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/02/06/eine-szene-aus-den-tuileries/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 06 Feb 2013 19:34:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzprosa]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=5115</guid>
		<description><![CDATA[Eine Kurzgeschichte von Lea Frauenknecht Als die Dame das Café betrat, das in einem der beengten Pariser Hinterhöfe verborgen lag, wurde es augenblicklich so still, als hätte jemand auf die Stumm-Taste eines Fernsehers gedrückt. Kurz zuvor hatte man noch das beruhigende Summen vernommen, das von jedem einzelnen der barocken Rundtische drang. In der Küche hatte [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p lang="de-DE"><img class="alignleft" title="Tuileries" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8c/Tuileries_02.jpg?uselang=de" alt="" width="576" height="384" /></p>
<p lang="de-DE">Eine Kurzgeschichte von Lea Frauenknecht</p>
<p lang="de-DE">Als die Dame das Café betrat, das in einem der beengten Pariser Hinterhöfe verborgen lag, wurde es augenblicklich so still, als hätte jemand auf die Stumm-Taste eines Fernsehers gedrückt. Kurz zuvor hatte man noch das beruhigende Summen vernommen, das von jedem einzelnen der barocken Rundtische drang. In der Küche hatte die Aushilfskellnerin unbeholfen mit den Untertassen geklappert, die sie gerade in die für ein solches Café viel zu kleine Spülmaschine einsortierte und aus der Milchdüse der Kaffeemaschine war röchelnd der Schaum in eine Tasse doppelten Café au Lait gelaufen. Ein ganz normaler Mittwochnachmittag im Pariser Arrondissement <em>Tuileries</em>. Und nun hatte vor wenigen Sekunden zuerst die Türglocke auf einem zweigestrichenen „A“ gescheppert und wenig später war diese Frau eingetreten. Sie hies Catherine Dauphin, war in ihren Fünfzigern und mindestens ebenso alltäglich wie ihr Name. Ihre schulterlangen Haare, deren Farbe an einen Ritterhelm aus dem Mittelalter erinnerten, waren zu einem überaus braven Seitenscheitel gekämmt und statt der zur Zeit modisch angesagten Seidenleggins trug sie beige Stützstrümpfe, die mit ihrem kokosschalenfarbenen Kleid zu einem einheitlich hellen Braunton verschwammen. Um den schlanken Hals, an dem keinerlei unliebsame Leberflecken zu sehen waren, trug sie ein Collier aus hellen Perlen, das mit Sicherheit sehr teuer gewesen war. Swarovski vielleicht. Oder war es etwa doch ein Unikat aus einem der exklusiven Bijouterien am Rand des <em>Bois de Boulogne</em>? Ihr Gesicht jedoch war nicht etwa mit briefmarkenbreiten Furchen gespickt, wie man es bei vielen ihrer Altersgenossinnen sehen konnte. Es waren vielmehr kleine Rillen, etwa wie die Rillen im Bürgersteig entlang des <em>Quai de la Seine</em>, wenn schon dutzende Bouquinisten an eben jener Stelle ihre mit Büchern überladenen Stände platziert hatten. Nur wer ganz aufmerksam den Teil ihrer linken Wange beobachtete, der schon fast an den linken Nasenflügel grenzte, der konnte dort eine winzige weiße Narbe entdecken, die sich an eben dieser Stelle entlangschlängelte. Nur dass keiner der nun neugierig in ihre Richtung starrenden Café-Gäste diese Narbe noch sorgfältig auf ihrem Gesicht suchen musste, um sie letztendlich zu finden. Sie war ihnen oft genug in mindestens fünffacher Größe gezeigt worden, in der Pariser Morgenpost etwa, oder in den Fünf-Uhr-Nachrichten am Nachmittag. Jeder einzelne der Café-Besucher kannte die Geschichte, die sich geheimnisvoll hinter dieser Narbe auftat. Sie kannten sie nicht nur, wie man den eigenbrötlerischen Nachbarn zwei Häuserblocks weiter kannte, nein, sie kannten sie bis in ihre mikrometrische Details. Und auch Catherine Dauphin kannte sie nur allzu gut.</p>
<p lang="de-DE">Aufgrund einer erst recht spät diagnostizierten Fehlbildung ihres Nervenzellenstamms hatte die Pariser Floristin erst vor wenigen Wochen noch schlaflose Nächte im Pariser Stadtkrankenhaus verbracht, die sie sich mit Lektüren über Dahlien, russische Tundra-Rosen und pelziges, lila Heidekraut vertrieb. Gleichzeitig hatten die Ärzte der Klinik ebenso viele schlaflose Nächte verbracht, die Ohren hoffend an die Hörmuschel des Krankenhaus-Telefons gepresst, um nach einem toten Organspender zu fanden, dessen Nachkommen bereit waren, seinen Nervenzellenstamm bereitzustellen. Ein paar Tage zuvor war die Frau eines berühmten Chanson-Sängers namens Frédéric Delacourt, der öfters Konzerte in den Tuilerien gab, bei ihrem Urlaub in der italienischen Po-Ebene tödlich verunglückt, als ihr ein betrunkener Paparazzi, der sie für Drew Barrymore hielt, ein Pizza-Rad mitten ins Herz rammte. Dadurch wurde die Herz-Kreislauf-Funktion der guten Frau zwar dementsprechend beeinträchtigt, nicht jedoch ihr zu dieser Zeit noch kerngesunder Nervenzellenstamm. Und da Frédéric Delacourt stets eine sehr großzügige Pariser Berühmtheit gewesen war, der ein Viertel seiner Konzerteinnahmen an eine Hilfsorganisation spendete, die sich leukämiekranken Kindern im Nord-Pais-Du-Calais annahm, dachte er an den Eindruck, den er damit bei der Pariser Öffentlichkeit schinden könnte und spendete den Nervenzellenstamm seiner Frau an Madame Catherine Dauphin. Jene war nun nach dem minutenlangem Schweigen, das immer noch wie ein schottischer Nebelschleier das Café bedeckte, und den prüfenden Blicken, die sie von ihren Stützstrümpfen bis zu ihrem linken Seitenscheitel genaustens abtasteten, gerade im Begriff, die Türglocke eines zweites Mal innerhalb von wenigen Minuten auf ihrem schiefen „A“ scheppern zu lassen, als sich das von den barocken Rundtischen ausgehende Brummen wieder erhob. Die Hilfskellnerin fuhr fort, nun einen Stapel von Kuchenkrümeln verklebter Teller in die Spülmaschine zu ordnen, die immer noch viel zu wenig Platz bot für ein Café dieser Größe, und die Milchdüse bereitete nach einer kleinen Pause schon wieder röhrend Schaum für den nächsten doppelten Café au Lait auf. „Was soll&#8217;s?“, wandte sich nun auch Dominique in genau diesem Moment an seinen Freund Remy, „in einer Woche werden wir schon wieder über ganz andere Dinge reden.“ Und damit hatte er wohl den Gedanken aller Café-Besucher ausgesprochen.</p>
<p lang="de-DE"><em>Bildquelle: By Ryan S B (Own work), (CC-BY-2.0(http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)), via Flickr and Wikimedia Commons</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/02/06/eine-szene-aus-den-tuileries/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kurzprosa: Ein Junge wird gestört</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/10/08/ein-junge-wird-gestort/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/10/08/ein-junge-wird-gestort/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 08 Oct 2012 06:00:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzprosa]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.derfarbfleck.de/old/?p=4449</guid>
		<description><![CDATA[von Robin Sluk Dass unsere diesjährige Redaktion nicht nur über Politik und das aktuelle Weltgeschehen schreiben, sondern auch einfach mal kreativ sein wird, beweist dieser erste Text, der wohl unter den Begriff &#8220;Kurzprosa&#8221; fällt &#8211; oder auch einfach nur: &#8220;ein Stück qualitativ hochwertige Literatur&#8221;. Aber lest selbst&#8230; Nun ja, wie soll ich sagen, es war [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p align="LEFT"><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2012/10/P1030347.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-4450" title="Himmel" src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2012/10/P1030347-300x225.jpg" alt="Foto: Lea Frauenknecht" width="300" height="225" /></a></p>
<p align="LEFT"><em>von Robin Sluk</em></p>
<p align="LEFT"><em>Dass unsere diesjährige Redaktion nicht nur über Politik und das aktuelle Weltgeschehen schreiben, sondern auch einfach mal kreativ sein wird, beweist dieser erste Text, der wohl unter den Begriff &#8220;Kurzprosa&#8221; fällt &#8211; oder auch einfach nur: &#8220;ein Stück qualitativ hochwertige Literatur&#8221;. Aber lest selbst&#8230;</em></p>
<p align="LEFT">Nun ja, wie soll ich sagen, es war ein normaler Sonntagnachmittag im späten Sommer.</p>
<p align="LEFT">
<p align="LEFT">
<p align="LEFT"><em>Foto: Redaktion</em></p>
<p align="LEFT">Im traurigen Bewusstsein, bald die Wärme, bald dieses ruhige Glücksgefühl eines angenehmen Sommertages im leichten Wind vermissen zu müssen, wollte ich diese Tage noch verleben, um mich an den kalten Wintertagen, die ich fast ebenso wegen ihrer atemberaubenden Klarheit liebte, mich ihrer zu erinnern und der Hitze des Kamins die im Winter so seltene Wärme des zufriedenen Glücks hinzuzufügen.</p>
<p align="LEFT">
<p align="LEFT">Und nun gerade zu dieser Zeit befand ich mich im Park, in Ruhe und Einklang mit den sanft rauschenden Blättern, lauschte meinen Gedankenspielen und verdrängte geflissentlich die Schulaufgaben für den nächsten Tag aus meinem Geiste.</p>
<p align="LEFT">Die Hände in die Seiten gestemmt, legte ich meinen Kopf in den Nacken, um mich am zarten und so klaren Blau des Himmels zu erfreuen, doch bemerkte ich zu meiner Überraschung eine einzige, kleine Wolke von tiefster Schwärze über mir schweben. Ein derartiges Schwarz hatte ich nie gesehen, von einer solchen Intensität, das sich mein Selbst darin zu verlieren schien, fortgezogen in eine fremde Welt.</p>
<p align="LEFT">Ja, wie ein Tor in eine andere Dimension, so erschien mir diese trotz allem nur hauchzarte Wolke.</p>
<p align="LEFT">Und plötzlich zerrissen all diese Träumereien und ich sah ihn mit irrsinniger Gewalt aus dem Zentrum des Gebildes hervorbrechen, einen gewaltigen Meteor und er stürzte mit rasender Geschwindigkeit auf meinen Standpunkt zu. Unabwendbar musste ich zerschmettert werden, Panik zerriss mein Innerstes, so sah ich jetzt wieder nur den blauen Himmel, nichts war geschehen, nur meine Phantasie hatte mir einen bösen Streich gespielt, mir schwindelte in Erleichterung und&#8230;..</p>
<p align="LEFT">da war wieder der rasend schnelle Feuerball, mein sicherer Tod.</p>
<p align="LEFT">Strahlend blauer Himmel.</p>
<p align="LEFT">Der Komet färbte rot den ganzen Kontinent.</p>
<p align="LEFT">Sanft wehte mir der Wind ins Gesicht, die Hitze verbrannte mein Antlitz, ein kurzes Aufblitzen der Realität, dann ging die ganze Welt in Flammen auf und nichts blieb außer einem ewigen Feuersturm auf der grünen Allee unter Jahrhunderte alten Bäumen. Die alten Götter stiegen empor, verwüsteten die Welt, nahmen alles Leben, alle Ordnung, die Bäume schrien vom Untergang, ich erblickte die reale Welt der Träumer.</p>
<p align="LEFT">Und darum, meine Herren von der Polizei, muss ich Ihnen mitteilen, dass ich nun den letzten Schritt gehen werde und wir uns dann am Boden treffen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2012/10/08/ein-junge-wird-gestort/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Erster Gmünder Poetry-Slam organisiert vom LGH</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/06/05/erster-gmunder-poetry-slam-organisiert-vom-lgh/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/06/05/erster-gmunder-poetry-slam-organisiert-vom-lgh/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 05 Jun 2011 15:14:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Wir hier drinnen]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
		<category><![CDATA[Poetry Slam]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://farbfleck.wordpress.com/?p=3322</guid>
		<description><![CDATA[Am Sonntag, den 29. Mai, fand der erste Schwäbisch Gmünder Poetry-Slam „Playground4Poetry“ im Café Spielplatz statt, organisiert von der Poetry-Slam-Gruppe des LGHs um Katharina Mantanovic. Pünktlich zu Beginn um 19:30 Uhr hatten sich mehr als 100 Zuschauer eingefunden, das Café platze aus allen Nähten. Der Moderator „Girlyman“, Schüler der 11. Klasse, erläuterte zuerst die Spielregeln [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Am Sonntag, den 29. Mai, fand der erste Schwäbisch Gmünder Poetry-Slam „Playground4Poetry“ im Café Spielplatz statt, organisiert von der Poetry-Slam-Gruppe des LGHs um Katharina Mantanovic. Pünktlich zu Beginn um 19:30 Uhr hatten sich mehr als 100 Zuschauer eingefunden, das Café platze aus allen Nähten.<span id="more-3322"></span><br />
Der Moderator „Girlyman“, Schüler der 11. Klasse, erläuterte zuerst die Spielregeln anhand eines Quiz (die Poeten dürfen sieben Minuten lang eigene Texte vortragen, am Ende entscheidet das Publikum durch die Lautstärke des Applauses). Das Prozedere wurde vom „Opferlamm“ Lea Frauenknecht, ebenfalls Schülerin des Landesgymnasiums verdeutlicht. Danach traten 11 Autoren aus ganz Baden-Württemberg auf, die mithilfe guter Kontakte für den Slam gewonnen werden konnten. Die Spanne der Texte war breit, von kurzen Gedichten, die zum Nachdenken anregen sollten, bis zu gereimten Komödien und Geschichten aus dem Leben. Vor der Pause wurde der bis dato beste Poet ermittelt, der schlussendlich gegen den beliebtesten der fünf, die nach der Pause an der Reihe waren, antrat. Die zwei erfahrensten Slammer Nikita Gorbunov und Harry Kienzler präsentierten gegen Ende jeweils einen neuen Text. Nikita sprach äußerst amüsierend über seine Vergangenheit als Rapper, während Harry ein Märchengedicht über Drachen vortrug. Letztlich konnte Nikita die Herzen des Publikums erobern, er gewann eine Schaukel, auf der alle Teilnehmer unterschrieben hatten. Alles in allem war der Poetry-Slam ein voller Erfolg, dem wir in Zukunft wohl öfters beiwohnen werden dürfen.</p>
<p>Von Cornelius Römer</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/06/05/erster-gmunder-poetry-slam-organisiert-vom-lgh/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>König der Kinderstation</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/05/29/konig-der-kinderstation/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/05/29/konig-der-kinderstation/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 May 2011 21:00:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
		<category><![CDATA[König der Kinderstation]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://farbfleck.wordpress.com/?p=3283</guid>
		<description><![CDATA[Auf Grund erheblicher, wochenlanger Beschwerden verbrachte Johannes Gansmeier vom 19.05-21.05 seine Zeit in der Kinderklinik Passau. Über seine Erlebnisse berichtet der Patient exklusiv hier im farbfleck wahrheitsgetreu und detailliert. Dabei gibt er einiges aus seinem Innenleben preis und lässt den Leser an seinem Abenteuer teilhaben. Mir geht es überhaupt nicht gut. Schon seit Wochen habe [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3284" style="width: 210px" class="wp-caption alignleft"><a href="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/05/krankenhaus.jpg"><img class="size-medium wp-image-3284" title="Bild: José Goulão @ flickr.com" src="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/05/krankenhaus.jpg?w=200" alt="Bild: José Goulão @ flickr.com" width="200" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Bild: José Goulão @ flickr.com</p></div>
<blockquote><p>Auf Grund erheblicher, wochenlanger Beschwerden verbrachte Johannes Gansmeier vom 19.05-21.05 seine Zeit in der Kinderklinik Passau. Über seine Erlebnisse berichtet der Patient exklusiv hier im farbfleck wahrheitsgetreu und detailliert. Dabei gibt er einiges aus seinem Innenleben preis und lässt den Leser an seinem Abenteuer teilhaben.</p></blockquote>
<p><span id="more-3283"></span>Mir geht es überhaupt nicht gut. Schon seit Wochen habe ich mit extremen Kopf-, Glieder- und Halsschmerzen zu kämpfen. Dazu kommt noch die Müdigkeit. Und die Schlaffheit. Jetzt kommt auch noch Fieber hinzu.</p>
<p>Im Krankhaus Mutlangen kann man mir leider nicht helfen – bei der langandauernden Untersuchung, die aus Bauchabklopfen und Nackentasten besteht kann überraschenderweise kein Befund gestellt werden. „Nimm mal ne Ibuprofen 500, dann müsst’s für die Nacht gehen.“, erläutert mir die junge Assistenzärztin. Gute Idee. Das konnte mir mein Zimmernachbar auch schon attestieren. Aber leider war die letzte Ibu, die ich genommen habe nur ein Tropfen auf den heißen Stein und hat rein gar nichts geholfen, das habe ich der jungen Dame auch vergeblich versucht zu erklären. Trotzdem.</p>
<p>Wir verabschieden uns von dem unglaublich „freundlichen“ Empfangsherrn (vielleicht war er einfach schon müde) und verlassen das Krankenhaus. Die Nacht ist grausam. Schweißausbrüche wechseln sich mit Hitzewallungen ab. Am Morgen bin ich nur noch ein Häuflein Elend. Zum Glück holt mich mein Vater ab und bringt mich in Sicherheit – nach Hause. Die über vierstündige Fahrt ist die Hölle.</p>
<p>Als wäre mein körperlicher Zustand nicht schon schlecht genug, muss ich mich auch noch über zahlreiche LKW ärgern, die mit impertinenter Beständigkeit den Überholstreifen blockieren. Zuhause angekommen ist die Tortur noch nicht vorbei. Mein Hausarzt überweist mich sofort ins Krankenhaus. Nach den Erfahrungen am Vorabend hält sich meine Begeisterung bei dieser Mitteilung in Grenzen. Oder vielleicht, weil meine Kopfschmerzen zu Schwindel und Sehbehinderung führen. Ich kann es nicht genau sagen. Ist mir in dem Moment auch egal.</p>
<p>Das Klinikum Passau liegt malerisch gelegen: Der Inn nur einen Steinwurf weit entfernt in einer Flora und Fauna sondergleichen. Beim „Einchecken“ werden wir von der netten Empfangsdame darauf hingewiesen, wir müssten in den 3. Stock und dann rechts. Gesagt, getan.</p>
<p>In der Notfallaufnahme ist das Bild schon etwas anders: Ich sei hier falsch, müsse in die Kinderklinik. Kinderklinik? Mit 17 Jahren und 10 Monaten? „Ja, er ist ja noch nicht volljährig.“ Also ab zu den Säuglingen. Der lachende Pumuckl an der Tür verrät mir nach gefühlten fünf Stunden Fußmarsch, dass wir endlich da sind. Völlig erschöpft lass ich mich erst einmal im Wartebereich auf einen Stuhl nieder.</p>
<p>Mein Vater und meine Mutter beantworten neben mir gerade den DIN A4 Leitzordner, den sie für meine Aufnahme ausfüllen müssen. Gesegnet sei die Bürokratie. Während ich also fast am Exodus bin, müssen erst wichtige Fragen zu meiner Erkrankung wie „Anzahl der Geschwister“, „Name der Geschwister“ und „Beruf der Eltern“ eingetragen werden. Nachdem das geschafft ist, beginnt das Warten auf den Dienstarzt.</p>
<p>Hier merkt man schnell, dass ich halt nur gesetzlich versichert bin. Aber wenigstens werden mir die 45 Minuten Wartezeit dadurch versüßt, dass alle drei Minuten ein Arzt mit fettem Grinsen an mir vorbeiläuft. Wieso mich keiner von denen behandelt? Haben bestimmt was zu tun.</p>
<p>Endlich kommt eine Krankenschwester und bringt mich in ein Behandlungszimmer. Sie misst die Temperatur und meint daraufhin, jetzt verstehe sie, warum es mir so schlecht gehe. 39.8°C. Nicht schlecht, Herr Specht. Das übersteigt sogar noch meinen Rekord vom Vortag. Aber immerhin ist mir nicht langweilig. Die von meinen Kopfschmerzen verursachten Sehstörungen halten meine Fantasie auf Trapp und sind wenigstens besser als meine Übelkeit. Dann kommt endlich die Ärztin.</p>
<p>Auf dem Namensschild kann ich erkennen, dass sie nicht promoviert ist. Ist das schon ein schlechtes Zeichen? Ganz im Gegenteil. Frau Kremer ist nicht nur freundlich, sondern für ihre geschätzten 26 Jahre ungemein kompetent. Schnell ist sie Herrin der Lage. Während ich mir auf Anraten der Schwester noch eine Ibu 600 reinzieh, analysiert Frau Kremer schnell das Krankheitsbild.</p>
<p>Nach ca. zehn Minuten gekrümmten Liegens ist der Frauenanteil im Zimmer derartig gestiegen, dass ich mich wie Hugh Hefner fühle (vielleicht liegt das auch am Fieber?). Neben meiner Mutter und Frau Kremer sind mittlerweile noch zwei weitere Schwestern im Raum, die sehr um mein Wohlergehen besorgt sind.</p>
<p>Doch meine Ruhe wird abrupt durch Gewühl im Spritzenschrank gestört. Frau Kremer erklärt mir, dass sie mir nun eine Infusion setzen wird (an ihrem Erklärungsstil merkt man, dass sie normalerweise Kleinkindern ihr Vorgehen erklärt. Das macht sie jedoch nicht minder sympathisch). „Das wird jetzt ganz kurz sehr unangenehm.“, meint sie. Woher weiß sie das? Vielleicht steh ich ja auf Spritzen? Aber anscheinend ist ihre Menschenkenntnis gut genug, um zu erkennen, dass ich das nicht tue. Sie drückt die Spritze in meine Ader und der Schmerz durchflutet meinen Körper. Wenigstens nur „ganz kurz“ denk ich mir. „Ups, du hast ja ne dicke Haut“, ertönt plötzlich aus der Kremerins Lippen. Nach einem zweiten Versuch ist meine Haut durchdrungen und die Spritze in meiner Ader platziert. „Du hast ja fast schon ne Elefantenhaut“, das Resümee zweier Angriffe. Soll das ein Kompliment sein? Ich betrachte es mal als eines.</p>
<p>Getreu dem Oktoberfestmotto „O’zapft is!“ werden geschätzte 35 Ampullen mit meinem Blut gefüllt (vielleicht waren’s auch nur fünf). „Is ja gar nicht blau“, ist der einzige Kommentar den ich bei diesem Anblick über die Lippen bringe. Lachend meint Frau Kremer da habe mich wohl jemand beschissen. Na toll, auch das noch. Doch kein Blaublüter. Beide Krankenschwestern stürmen heran um meinen Arm zu tapen.</p>
<p>Jetzt bin ich schon fast fertig. Meine Karosse wartet schon startbereit vor dem Zimmer auf mich. Es ist ein tiefergelegtes Krankenhauskinderbett, Baujahr 2001. Es überzeugt vor allem durch sein aerodynamisches Bettende. Die Kindersicherungsgitter haben sie extra für mich abgemacht. Wie zuvorkommend. Die Ärztin tippt noch irgendetwas in den Computer und erklärt, dass ich jetzt erst mal hier bleiben müsse. Dann darf ich mich endlich ins Bett legen. Das Bärchenkissen, das liebevoll auf dem eigentlichen Kissen platziert wurde, gibt mir die Zuversicht, dass ich es bestimmt ein, zwei Tage hier aushalten werde. Ich decke mich zu und die Schwestern schieben mich in den Gang. Mitten in den Gang. Dort abgestellt bekomme ich ein „gleich wirst du abgeholt“ zu hören und schon sind sie weg. Also warte ich. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Eine Schwester kommt und sagt das „Abholteam“ sei schon unterwegs. Die Kinderklinik ist nicht klein, aber braucht man wirklich 15 Minuten?</p>
<p>Bevor ich mich ärgern kann, taucht mein Chauffeur schon auf. Vielmehr ist es eine Chaufferin. Geschmeidig lenkt sie mich Richtung Fahrstuhl und fährt mit mir in die Station zwei. Auf dem Weg dorthin erklärt sie mir, dass ich ein Einzelzimmer bekomme, weil ich für die Kinderstation schon zu alt sei, um einen Zimmerpartner zu bekommen. Aha. Bin ich vielleicht doch privatversichert? Eher nicht, der Begrüßungscocktail mit passender Bardame wird mir nämlich vorenthalten.</p>
<p>Jetzt bin ich endlich da. Ein lachender Wicki an der Eingangstür lässt mich in alte Zeiten zurückverfallen. Doch ich muss konzentriert bleiben. Durch die Gegend gefahren zu werden ist durchaus ermüdend. In meinem Zimmer angekommen werde ich gleich an den Tropf gehängt. Sodann werde ich in die Funktionsweise des Krankenhausmobiliars eingeweiht. Die Krankenschwestern hier auf der Station könnten fast alle meine Töchter sein (Ok, vielleicht eher meine Schwestern). Stolz erzählt mir Schwester Steffi (sie könnte meine große Schwester sein), dass ich gerne Nintendo Wii spielen könnte, sobald sich mein Zustand verbessert habe. Von dieser Idee nur mäßig begeistert, winke ich ab und erkläre, ich würde lesen bevorzugen. Sehr zur Steffis Überraschung. Jetzt endlich schlafen. Doch daraus wird wieder nichts. Erst muss ich zusammen mit meiner Mutter einen Haftungsvertrag unterzeichnen, in dem ich mich dazu verpflichte nicht an dem medizinischen Gerät zu experimentieren. Das wär doch was. Schon länger spiele ich nämlich mit dem Gedanken mein Cola intravenös einzuführen. Naja, aus dem wird wohl dann doch nix. Jetzt noch die Essensauswahl für die nächsten Tage treffen und dann bin ich fertig. Von Krankenhausessen hört man eigentlich nichts Gutes. Zu meinem Entzücken kann ich indes zwischen Gerichten wie „Broccolisuppe und gefüllte Hühnchenbrust mit Reis“  oder „Klare Bouillon und Kaiserschmarn“ auswählen. Vielleicht wird’s hier gar nicht so schlimm. Und außerdem machen die mich hier wieder gesund.</p>
<p>Die Essensauswahl geschafft, habe ich mir ein Nickerchen redlich verdient. Aus meinen Träumen werde ich von einem Mann gerissen, bei dem sich herausstellt, dass er der Oberarzt ist. Mit im Schlepptau hat er eine Assistenzärztin, die dem Großmeister andächtig bei seiner Arbeit zusieht. Und wieder: Same prodecure as each time. Etliche Lymphknotengrabschereien später meint Herr Dr. Schleiermann man würde mir jetzt Antibiotikum verabreichen. Anscheinend hat er plötzlich Angst er könne sich bei mir anstecken, denn er springt auf und verlässt hastig und wortlos das Zimmer, wie es Darth Vader nicht besser hätte machen können. Seine Entourage eilt mit ihm hinweg. „Ihnen auch noch einen schönen Tag“, denk ich mir, bin aber zu überrascht von seinem Abgang. Er muss bestimmt schnell woanders hin.</p>
<p>Um kurz vor 19 Uhr schicke ich meine Eltern dann nach Hause. Sie haben heute meinetwegen genug Krankenhausluft inhaliert. „Lasst mich zurück, was zählt ist die Mission“, sind meine letzten Worte. Man merkt an meinem Verhalten, dass es mir schon besser geht. Das Fieber hat sich gesenkt und verschwindet schlussendlich ganz. Nichts desto trotz bekomme ich alle 20 Minuten Besuch von einer Krankenschwester (sie könnte meine Zwillingsschwester sein), die meine Temperatur misst. Angeblich kommt sie deshalb. Ich fühle mich wieder wie Hugh Hefner, bleibe aber cool und lässig (so lässig wie man halt sein kann, wenn man im Krankenbett liegt). Kurz vorm Schlafen gehen klingel ich die Schwester noch einmal zu mir ins Zimmer. Keine berlusconischen Gedanken treiben mich zu dieser Tat, sondern ganz einfach die Tatsache, dass sie mich vor dem Einschlafen an ein EKG anschließt, damit die Nachtschwester merkt, wann ich tot bin. Also dann erholsame Nacht.</p>
<p>Schön wär’s. Die Nachtschwester ist wohl sehr besorgt, dass sie mich tatsächlich tot auffindet und so kommt sie gefühlt alle 30 Minuten in mein Zimmer und wechselt die Flüssigkeit, die mir intravenös eingeführt wird. In der Manier eines Einbrechers schleicht sie sich mit einer Taschenlampe bewaffnet in mein Zimmer. Die Taschenlampe bringt’s voll. Sie hätte wohl genauso gut das Licht einschalten können. Ich will sie aber nicht in ihren Fähigkeiten als Einbrecherin verunsichern und so spiele ich weiterhin den Schlafenden.</p>
<p>Die unruhige Nacht kann ich mehr oder weniger dadurch kompensieren, dass ich bis 10 Uhr ausschlafe. Meine Halsschmerzen sind schlimmer geworden, ansonsten sind die schlimmsten Beschwerden weg. Das Frühstück zwinge ich an meinen geschwollenen Mandeln vorbei irgendwie die Speiseröhre hinab. Danach will ich mich schick machen. Denn heute ist laut Programmheft der Kinderklinik Chefarztvisite. Für den Chefarzt will ich naturgemäß in bester (äußerlicher) Verfassung auftreten. So bitte ich Schwester Steffi darum mich duschen zu dürfen. Das Unterfangen, das am Vortag noch abgelehnt wurde, klappt nun. Sie stöpselt mich ab, zieht mir einen Gummihandschuh über und klebt alles ab. Wenn ich fertig sei, soll ich mich einfach melden. Die Dusche tut gut, ich fühle mich wie neu geboren. Danach wieder ab ins Bett und wieder an die Infusion angeschlossen. Steffi beichtet mir, dass die Schwestern schon alle in heller Aufregung waren und Pläne schmiedeten, wie vorzugehen sein, wenn mir beim Duschen was passiert. „Normalerweise haben wir’s hier ja nicht mir 17-jährigen Jungs zu tun“, meint sie noch. Von dem Planungseifer der Schwestern wenig beeindruck, aber doch neugierig sage ich, dass sie sowas wie bei mir bestimmt schon mal alles gesehen hätten. Sie lacht. Hab ich sie jetzt in Verlegenheit gebracht? Egal. Bevor Steffi wieder abdüst, erklärt sie mir kurz, dass die Chefarztvisite heute ausfalle. An seiner Stelle würde Oberarzt Schleiermann kommen. Na toll. Den ganzen Aufwand für nix. Für Darth Vader hätte ich mich nicht schick gemacht. Für ihn hätte ich eher noch bisschen Knoblauch gegessen, damit er viel Spaß bei der Munduntersuchung hat.</p>
<p>Aber immerhin macht er mich gesund. Und während ich noch meine diabolischen Pläne schmiede, betritt er schon den Raum. Er mustert mich durch seine Brille, ganz so als ob er gleich sagen wolle: „Johannes, ich bin dein Vater!“.  Aber anscheinend will er mich nicht zum Sohn, denn er fängt wieder an mit Lymphknotengrapschen und derlei Spielerei. Er meint, sie hätten nun die Dosis an Antibiotikum erhöht, weil es zuvor nicht angeschlagen hätte. Vielen Dank. „Du musst heute noch da bleiben“, sagt er beiläufig, kurz vorm Gehen. Meine gute Laune ist mit einem Schlag passe. „Aber eigentlich würde ich heute schon gerne Heim“, erwidere ich kleinlaut. Mit einem Mal bleibt der dunkle Imperator stehen. Er dreht sich um und sein Blick trifft meinen. Hätte ich doch bloß nichts gesagt. Seine Mimik verrät mir, dass er sich gerade fragt, wie ich mir so einen Affront  nur erlauben könne. „Nur gegen den ärztlichen Rat.“, lautet seine knappe Antwort. Damit ist das Thema gegessen. Ich bleibe hier.</p>
<p>Naja wenigstens kann ich jetzt mal entspannt was lesen. Während einer kurzen Augenschonung fällt mein Blick auf das Ende meines Bettes. In bester Kinderstationmanier ist dort mein Name angebracht. Mit einer kleinen Krone daneben. Ist das Absicht oder Zufall. Bestimmt Absicht. Ich fühle mich erhaben. Ich bin der König der Kinderstation. Für einen König besuchen mich die Schwestern aber heute ziemlich wenig. Wahrscheinlich haben sie mich schon aufgegeben.</p>
<div id="attachment_3286" style="width: 234px" class="wp-caption alignleft"><a href="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/05/img_0144.jpg"><img class="size-medium wp-image-3286" title="König der Kinderstation" src="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/05/img_0144.jpg?w=224" alt="Bild: Johannes Gansmeier" width="224" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Bild: Johannes Gansmeier</p></div>
<p>Geschlagen versuche ich mich mit meinem Schicksal abzufinden, als plötzlich doch noch die Tür aufgeht. Schwester Gertrud bringt mir das Essen. „Lass dir schmecken!“. Und schon ist sie wieder weg. Gierig stürze ich mich auf das Mahl. Es stimmt doch was man über Krankenhausessen sagt. Es schmeckt nicht sonderlich gut. Aber immerhin werd ich hier gesund.</p>
<p>Der Nachmittag verläuft unspektakulär. Zwischen unzähligen Toilettenbesuchen (ich muss sehr viel trinken und hänge an einer Infusion), dem Besuch meiner Mutter und der Lektüre meiner Zeitungen mischt sich noch kurz der Besuch der Assistenzärztin. Nichts Neues.</p>
<p>Mein Magen grummelt. Ich habe Hunger und freue mich schon aufs Essen. So tief bin ich also schon gesunken. Das Essen kommt, das leere Tablett geht. Nach einem überraschenden Besuch meines Onkels gedenkt der König zu schlafen. Tag zwei der Odyssee ist vorbei.</p>
<p>Heute ist er gekommen. Der große Tag. Der Tag meiner Entlassung. Bis 9 Uhr ausgeschlafen, geduscht, gefrühstückt. Um 10 Uhr soll ich mein letztes intravenöses Antibiotikum bekommen. Richtig fit bin ich trotzdem noch nicht. Aber ich will nach Hause.</p>
<p>Schwester Heidi schließt mich ans Antibiotikum an. „Also nicht, dass es mir bei euch nicht gefallen würde“, sage ich, „aber ich freu mich trotzdem schon ziemlich, dass ich wieder Heim darf“. „Das versteh ich. Langweilig bei uns, gell?“, antwortet Heidi liebevoll. „Aber du hast bestimmt schon Nintendo Wii gespielt, oder?“. Zu ihrer Verblüffung verneine ich dies und erkläre, dass mir Lesen mehr Spaß macht, als Wii zu spielen. Ihrer Reaktion zu Folge habe ich gerade ihr Weltbild zerstört. „Was zum Teufel ist an dieser Wii so toll?“, frage ich mich. Ich versteh es nicht.</p>
<p>Mein Vater ist mittlerweile gekommen, um mich abzuholen. Wir müssen nur noch auf die Oberärztin warten, damit sie mich entlassen kann. Alle Papiere seien schon vorbereitet wird uns von Heidi erklärt. Jetzt wird’s intim. Auf die Frage, ob mein Internat ein spezielles sei, folgt meine Antwort „Is ne Schule für Hochbegabte“. Das hätte ich nicht sagen dürfen. Wie aus der Pistole geschossen erzählt Heidi über ihren Sohn, der überhaupt nichts für die Schule lernen müsse und trotzdem ganz gut sei. „In welche Klasse geht er denn?“, frage ich zwecks der Höflichkeit nach. „In die zweite“, ist die Antwort einer stolzen Mutter. Alles klar. Das Kind muss hochbegabt sein.</p>
<p>Die Zeit vergeht wie im Fluge, aber mein Vater und ich können uns bei weitem nichts besseres vorstellen, als am Samstagmittag im Krankenhaus festgehalten zu werden. Wenn’s der Sache dient. Alle 20 Minuten ruft meine besorgte Mutter meinen Vater an und fragt, wie es jetzt stehe um ihren Filius.</p>
<p>Die Tür geht auf, doch anstatt der Oberärztin kommt eine kleine Assistenzärztin hereinspaziert. Sie untersucht mich, weist aber darauf hin, dass sie nicht befähigt sei, mich zu entlasse. Wir müssten auf die Oberärztin warten. Sehr zur Freude meines Vaters und mir.</p>
<p>Die Tür geht wieder auf, Heidi kommt rein und serviert mir das letze Mahl im Krankenhaus. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich verarscht werde. Zum dritten Mal bekomme ich die gleiche Suppe – Nudeln mit Brühe – aber zum dritten Mal unter einem anderen Namen. Naja, runter damit.</p>
<p>Während sie das Tablett wieder abholt, verweist Heidi daraufhin, dass die Oberärztin gerade bei ihr angerufen hätte. Wir müssten doch nicht mehr auf sie warten, ich kann gehen. Toll, drei Stunden umsonst gewartet. Aber jetzt raus ausm Knast.</p>
<p>Heidi entfernt mir die Nadel aus meinem Arm und verarztet ihn fachmännisch. Der währenddessen entstehende Smalltalk führt uns zu meinen beruflichen Planungen. „In die Richtung Politik oder Wirtschaft“, ist meine wahrheitsgemäße Antwort. Ihrem Blick zufolge hätte ich das vielleicht besser nicht sagen sollen. Aber zum Glück ist die Nadel schon draußen. „Und was genau?“, meint sie. Um die Stimmung wieder etwas zu lockern antworte ich mit „Bundeskanzler“. Mein Plan geht auf, Heidi lacht. Wieso lacht sie? Das ist ernst gemeint.</p>
<p>Mein Vater und ich packen meine sieben Sachen zusammen und machen uns zum Aufbruch bereit. Beim Verlassen der Station zwei, bedanke ich mich bei den Schwestern für die nette Betreuung und verabschiede mich. Kurz vor dem Erreichen der Wicki-Eingangstür steckt Heidi noch einmal den Kopf aus dem Schwesternzimmer hervor und schreit mir nach: „Tschüss, Herr Bundeskanzler!“. So stell ich mir eine Verabschiedung vor. Innerlich zutiefst befriedigt geht’s jetzt nach Hause. Endlich.</p>
<p>Von Johannes Gansmeier</p>
<p>*Alle Namen der genannten Personen wurden vom Autor aus Datenschutzgründen geändert</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/05/29/konig-der-kinderstation/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Vertrauen</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/05/10/vertrauen/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/05/10/vertrauen/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 10 May 2011 11:43:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://farbfleck.wordpress.com/?p=3244</guid>
		<description><![CDATA[Sonnenstrahlen durchfluten mein Zimmer. Das lebhafte Zwitschern der Vögel entführt mich behutsam aus der Welt der Träume in die Realität. Es verspricht ein wundervoller Sommertag zu werden, der zweite dieses Jahr. Ich wittere Morgenluft, ich stehe auf, frühstücke so gemütlich wie ausgiebig und mache es mir in Sessel und Sonnenschein bequem. Bei all der sommerlichen [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3245" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/05/harley.jpg"><img class="size-medium wp-image-3245" title="harley" src="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/05/harley.jpg?w=300" alt="Bild: Bitman @ flickr.com " width="300" height="200" /></a><p class="wp-caption-text">Bild: Bitman @ flickr.com</p></div>
<p>Sonnenstrahlen durchfluten mein Zimmer. Das lebhafte Zwitschern der Vögel entführt mich behutsam aus der Welt der Träume in die Realität. Es verspricht ein wundervoller Sommertag zu werden, der zweite dieses Jahr. Ich wittere Morgenluft, ich stehe auf, frühstücke so gemütlich wie ausgiebig und mache es mir in Sessel und Sonnenschein bequem. <span id="more-3244"></span>Bei all der sommerlichen Idylle, die mich hier umgibt, kommt mir der Farbfleck in den Sinn und mit ihm der sehr subtile Satz eines unserer Chefredakteure (ich weiß nicht ob er namentlich erwähnt werden möchte). „Von Dir würde ich gerne mal wieder etwas lesen“ hat er gesagt. Die implizite, höfliche Aufforderung, die dem Satz innewohnt, wäre mir beinahe entgangen.</p>
<p>Nun sitze ich also hier und möchte etwas für unseren Farbfleck schreiben. Es soll etwas Leichtes, etwas Anspruchsloses werden, nehme ich mir vor. Es soll den Leser in die idyllische Welt der Träume entführen. Doch daraus wird nichts, die Realität holt mich ein. Bevor die ersten Unicode Zeichen das jungfräulich weiße Worddokument beflecken können, befinde ich mich auf dem Weg in die Stadt. Auf dem Fahrrad. Natürlich auf dem Fahrrad. Das hält jung, besser als jede Anti-Aging-Creme, sagt der Doktor, auch wenn er weiß, dass mir das so egal ist, wie die Menschenrechte es den Weltmächten unserer Zeit sind. Was Schiller der betörende Duft faulender Äpfel war, ist mir <span style="text-decoration:underline;">das Geschmacksfeuerwerk</span> einer italienischen Kugel Eis, rechtfertige ich meinen plötzlichen Ausflug. Ich brauche Inspiration.</p>
<p>Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag. Wie konnte ich nur… ein solcher Anfängerfehler…</p>
<p>Es ist verkaufsoffener Sonntag. Verkaufsoffener Sonntag: das bedeutet eine shopping-lustige Menge, die beim Gehen schlagartig die Richtung ändert oder abrupt stehen bleibt, ohne Vorwarnung, ohne sich vorher umgedreht zu haben. Kurz: Der verkaufsoffene Sonntag ist der natürliche Todfeind des Fahrradfahrers.</p>
<p>Wäre ich doch nur zu Fuß. Doch jetzt ist es zu spät. Ich nehme die Herausforderung an! Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Slalom. Man muss sich sein Eis schon verdienen, sage ich mir. Doch vor der ersten Verdienstmöglichkeit tut sich ein Abgrund auf. Bevor ich loslegen kann, schießt eine Mutter – die Rechts-vor-links-Regel völlig außer Acht lassend – mit  ihrem Kinderwagen um die Ecke und schneidet mich. Typisch Vierrädler! Nicht einmal meine nahezu-Pianisten-Finger vermögen gefühlvoll genug zu bremsen, den Crash zu vermeiden.</p>
<p><em>Ich war 9 als ich den Vierrädlern den Krieg erklärte. </em><em>Damals las ich meinen ersten Shakespeare „To be, or not to be…“. </em><em>Und damals lernte ich Fahrradfahren (ca.4-5 Jahre nach meinen Altersgenossen). Es war der 14.März, als ich mich das erste Mal traute, meinen kleinen Verkehrsübungsplatz, die Auffahrt unseres Hauses, zu verlassen. Ich fuhr auf die Straße und fühlte mich wie ein großer Pionier, wie ein Entdecker neuer Welten. Damals bekam ich das erste Mal einen Eindruck davon, wie sich Columbus gefühlt haben muss, als er Indien erblickte. Leider fand ich, genau wie Columbus, nicht das was ich erwartete. Ein Italiener hatte auf einer Spritztour mit seiner sizilianischen Mutter, 84,  und seinem Ferrari, rot und vier Räder, eine rote Ampel übersehen und so dafür gesorgt, dass meine erste große Entdeckung der OP-Tisch des Krankenhauses war.</em></p>
<p><em>Mit 9 erklärte ich den Vierrädlern den Krieg, ich grub den Klappstuhl aus. „Two wheels, or not two wheels…“ war die Frage, die mich das Leben zu stellen gelehrt hatte.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Jetzt, nach dem Zusammenstoß mit dem Kinderwagen (not two wheels), liege ich am Boden und sehe mich hilfesuchend um. Inzwischen hat sich eine Menschenmasse um mich gesammelt. Die wilde Meute zischt Fetzen wie „Typisch Fahrradfahrer“ und „Recht geschieht’s ihm“. Einige schwingen drohend ihre Einkaufstaschen. Da steht auch eine ältere Dame, vielleicht ist sie ja so freundlich und… Aber nein, erst jetzt sehe ich, dass sie sich auf einen Rollator stützt (not two wheels either). Auf die Hilfe eines Vierrädlers kann man nicht zählen, mehr noch: ich verzichte sogar gerne darauf.</p>
<p>Direkt neben der vierrädrigen Schreckschraube steht die Mutter, sie trägt ihr unversehrtes Kind im Arm, sie fasst es sicher, sie hält es warm. „Fahrradfahrer sind immer so rücksichtlos“ sagt sie mit Betonung auf „immer“ und bemerkenswert vorwurfsvollem Unterton bei „rücksichtslos“. Dabei sieht sie ihr Kleines an, obwohl sie und ich wissen, dass ihre Feststellung mir gilt. Als ich ihre Augen sehe, fühle ich mich unwillkürlich an die „Wunder Natur“-Doku von gestern Abend erinnert. Dort sah man, wie eine Löwenmutter eine Antilopenbaby zerfleischt, das ihren Nachwuchs spielerisch angestupst hatte.</p>
<p>Ich nehme an, dass die Mutter mich nur deshalb nicht zerfleischt, weil sie ihr Junges vor einer Gewaltszene bewahren will. Aus demselben Grund hält sie ihm wahrscheinlich die Augen zu, als Ha-Jo das erste Mal zutritt. Ha-Jo steht in der Meute, die mich umkreist. Erste Reihe. Er ist so breit wie ein Schrank – genauso viele Haare hat er auch auf dem Kopf. Seine muskulösen Oberarme sind selbstredend tätowiert und er trägt ein „I &lt;3 Harley-Davidson (two wheels)“ Muscle Shirt. Das &lt;3 ist rot. Blutrot. Ich glaube, Ha-Jo gehört zu der Sorte Mensch, die gerne nochmal zutritt, wenn man schon am Boden liegt. Er hat sonst nichts.</p>
<p>Neben ihm steht seine Freundin. Ganzkörpertätowierung, Nasen- und Zungenpiercing sowie äußerst modisches Halsband. Sie trägt schwarz. Dabei steht ihr Schwarz nicht besonders. Sie ist mehr der Typ für herbstliche Farben, finde ich. Ich liebe die Farben des Herbstes. Ich kann mich nicht entschließen, ob ich sie auf den stilistischen Mangel hinweisen soll. Ha-Jo ist so zuvorkommend, mir die Entscheidung abzunehmen. Bevor ich meinen Mund aufmachen kann, renkt sein Fuß mir den Kiefer aus. Alles andere geschieht schweigend.</p>
<p>Viel härter als die physische Gewalt, auf deren detaillierte Schilderung ich hier verzichten möchte, trifft mich der Verrat. Denn nichts anderes ist es, was mir Ha-Jo angetan hat.</p>
<p>Warum hat er nur zugetreten? Vielleicht zieht er seine gesellschaftliche Akzeptanz daraus, die rein gedankliche Gewalt der Umstehenden zu realisieren und so deren Wünsche zu erfüllen. Vielleicht ist er ein schlecht ausgebildeter Pädagoge und wollte mir meine Rücksichtslosigkeit aberziehen. Mir wäre ein eigenständiges Erarbeiten des Wertes lieber gewesen, notfalls auch Gruppenarbeit. Vielleicht handelte er aus Liebe. Vielleicht wollte er es seiner Freundin beweisen.</p>
<p>Was bleibt, sind Fragen: Wie konnte mein zweirädriger Verbündeter das nur tun? Kann man denn niemandem mehr vertrauen? Wirklich niemandem? Was sagt die Öffentlichkeit zu dem Vorfall? Vor meinem innere Auge zieht schon die BILD-Schlagzeile vorbei: „Harley-Biker verschlägt Fahrradfahrer“ Untertitel: „Etwas ist faul in unserer Gesellschaft!“</p>
<p>Endlich erwache ich aus meinem süßen Traum. Ich starre an die Decke. Ich bin schweißgebadet, aber nur ein bisschen. Draußen kämpfen sich die Sonnenstrahlen durch den sich auflösenden Nebel. Es verspricht ein wundervoller Sommertag zu werden, der dritte dieses Jahr. Ich bleibe erst mal liegen.</p>
<p>Von Frederik Benzing</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/05/10/vertrauen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>4</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wenn immer mehr immer weniger ist</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/04/10/wenn-immer-mehr-immer-weniger-ist/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/04/10/wenn-immer-mehr-immer-weniger-ist/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 10 Apr 2011 20:25:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Die Welt da draußen]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://farbfleck.wordpress.com/?p=3182</guid>
		<description><![CDATA[„Die Spaßgesellschaft entlässt ihre Kinder: Früher tat es ein Mallorca-Urlaub, heutzutage muss es schon eine Abenteuertour in den letzten Erdwinkel sein. Einst sorgte die Achterbahn für Nervenkitzel, mittlerweile langweilt sogar Bungee-Springen. Und wenn früher ein Fass Freibier zur Feier lockte, so ist nun die Mega-Super-Party das Maß aller Dinge, “ kommentierte der liberale Weser Kurier den [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_3188" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/04/mueritz.jpg"><img class="size-medium wp-image-3188" title="mueritz" src="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/04/mueritz.jpg?w=300" alt="" width="300" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">Bild: mueritz@flickr.com</p></div>
<p>„Die Spaßgesellschaft entlässt ihre Kinder: Früher tat es ein Mallorca-Urlaub, heutzutage muss es schon eine Abenteuertour in den letzten Erdwinkel sein. Einst sorgte die Achterbahn für Nervenkitzel, mittlerweile langweilt sogar Bungee-Springen. Und wenn früher ein Fass Freibier zur Feier lockte, so ist nun die Mega-Super-Party das Maß aller Dinge, “ kommentierte der liberale <em>Weser Kurier </em>den alljährlichen Drogenbericht der Bundesregierung im Jahr 2003.<span id="more-3182"></span></p>
<p>Fast genau acht Jahre sind bereits seit der Publikation dieses Drogenberichtes und damit einhergehend auch des Kommentares ins Land gegangen. Und doch scheint das in der Aussage deutlich werdende Problem, eigentlich ja eine Nachricht von vorgestern, eine ungewöhnlich beständige Aktualität zu besitzen.<br />
Wann kann man das schon von heute tagesaktuellen Themen, morgen noch behaupten? Eine tiefer liegende Wahrheit, ist manchmal mit solch einer Eigenschaft behaftet. Ein einzelner Faden im Wollknäuel des Lebens, der erst dann seine wahre Länge offenbart, wenn der Knäuel abgewickelt wird.<br />
So vielleicht auch hier. Denn wenn etwas über einen derartigen Zeitraum gilt, könnte es ja womöglich einen wahren Kern besitzen.<br />
Die Quintessenz dieses Kommentares jedenfalls, war die Erkenntnis darüber, dass sich diese, unsere Gesellschaft, auf einer „rastlosen Suche nach dem Kick“ befindet und dieser Umstand eine, die zukünftige Entwicklung betreffende Richtung bedingt, die als ein mögliches Indiz einer Sucht angesehen werden kann: Maßlosigkeit.</p>
<div id="attachment_3189" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/04/stiefkind.jpg"><img class="size-medium wp-image-3189" title="stiefkind" src="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/04/stiefkind.jpg?w=300" alt="" width="300" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">Bild: stiefkind@flickr.com</p></div>
<p>Eine Gesellschaft wird maßlos genannt, weil sie das Maß los ist. Normen und Werte, die als Orientierungsmarken dienen, sind verloren gegangen, die das alltägliche Leben bestimmenden Maßstäbe zunehmend krude verzerrt.<br />
Wer in diesem Zusammenhang von „Maß“ spricht, muss wissen, dass er im gleichen Atemzug auch von Grenzen spricht. Denn ohne Grenzen kann es auch kein Maß geben. „Wir müssen immer wieder neu entscheiden, welche Grenzen wir überschreiten und welche Grenzen wir akzeptieren wollen, “ sagte der ehemalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau in einer Rede im Jahr 2001. Die Möglichkeiten der heutigen Zeit sind so vielfältig für den Einzelnen, wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit und der Fortschritt der sie schafft schneller denn je. Umso schwerer fällt es deshalb eindeutige Grenzen zu ziehen, werden sie doch häufig als Beschneidung der Freiheit empfunden. Ein friedliches und gutes Miteinander und Zusammenleben, ist aber nun einmal nur dann möglich wenn die eigene Freiheit dort endet, wo die des anderen beginnt. Maßlosigkeit kann deshalb indirekt dazu führen, dass dieser Grundsatz unserer Gesellschaft im nebulösen Schleier der Nicht(be)achtung dahin vegetiert.</p>
<p>In fast allen Ebenen, ist sie zu finden, die Maßlosigkeit. Egal ob auf der persönlichen, der wirtschaftlichen oder der politischen. Aber besonders auf letzterer, hat ihre Anwesenheit weitreichende Folgen. Denn eine nachhaltige Entwicklung, die eines Staates Fernziel sein sollte, kann nur dann wirklich nachhaltig sein, wenn sie mit Maß geschieht.<br />
Der Blick auf das Ganze, auf den Sinn und die Mitmenschen darf hierbei nicht verloren gehen.</p>
<p>Das Leben ohne Maß im persönlichen ist dagegen vor allen Dingen eine Folge des Überflusses der uns umgibt. Wir, die wir schon eigentlich alles haben, denen alles schon geboten wurde und die alles kaufen können, leben im Übermaß. Und das stumpft ab.<br />
Immer mehr ist uns immer weniger wert.</p>
<p>Ist es Zufall, dass Worte wie Kleinod, aus dem Sprachgebrauch und auch aus dem Gedächtnis einer ganzen Generation verschwunden, ja förmlich getilgt wurden? Nicht nur das Wort, sondern auch das was es beschreibt, eine kleine, zierliche Kostbarkeit, die es in Muße zu genießen gilt, scheint es nicht mehr zugeben. Stattdessen ist es fast so, als sei das „höher, größer, weiter“ Prinzip der alles bestimmende Fixpunkt am Firmament der Werte geworden, nachdem sich eine ganze Gesellschaft auszurichten versuchte.</p>
<p>Etwas in Maßen zu genießen, sich Zeit nehmen um innezuhalten, ist in unserer so beschleunigten, sich rasend schnell entwickelnden Welt fast unmöglich geworden. Genuss und wirkliche Muße sind wahre Raritäten des Lebens geworden, auch und vor allen Dingen weil es das was sie ermöglicht nicht mehr gibt: Zeit.<br />
Und das obwohl in vielen Dingen des Alltags, gerade beispielsweise auf dem Gebiet der Fortbewegung, Fortschritte erzielt wurden, die oftmals weit mehr waren als nur ein bloßer Quantensprung, und die ungeheure Mengen an Zeit eingespart haben. Die Strecke von Stuttgart nach Schwäbisch Gmünd beispielsweise, war noch vor rund 200 Jahren eine halbe Tagesreise.<br />
Heute lässt sich die gleiche Distanz mit der Eisenbahn in unter einer Stunde bewältigen. Aber haben wir deswegen wirklich je mehr Zeit gehabt?<br />
Freie Zeit wird sofort verplant, aus Angst vor der drohenden Langeweile.<br />
Und Spaß wird das Mittel zum Zweck.</p>
<p>Die sich in dem Selbstverständnis vieler, schon häuslich eingerichtete Mentalität der verlorengegangenen Orientierung und somit das Abhandenkommen von denen, den  Lebenspfad einebnenden Maßen, ist somit nur eine Facette einer ganz neuen Ausrichtung einer ganzen Gesellschaft.<br />
In den 90er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts, tauchte in den Feuilletons namhafter deutscher Zeitungen ein Begriff auf, der versuchte in einem Wort zum Ausdruck zu bringen, was eigentlich von so großer Tragweite ist, dass dies nur schwer möglich erscheint. Das Wort Spaßgesellschaft ward geboren.<br />
Dabei ist „Spaß“ nicht etwas, dass erst seit ein paar Jahrzehnten Teil des gesellschaftlichen Lebens ist. Auch frühere Generationen wollten ihn schon haben. Er ist Bestandteil einer Wohlstandsgesellschaft, die der drohenden Langeweile zu entkommen versucht.</p>
<div id="attachment_3190" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/04/hodgers.jpg"><img class="size-medium wp-image-3190" title="hodgers" src="http://farbfleck.files.wordpress.com/2011/04/hodgers.jpg?w=300" alt="" width="300" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Bild: hodgers@flickr.com</p></div>
<p>Ein sichtbares Symptom dieses Bedürfniseses an Spaß bei wachsender Unlust an kritischer und reflektierender Ernsthaftigkeit sei die „Tendenz zur Harmlosigkeit, ja zur Verkindlichung der ganzen Gesellschaft, “ so der FAZ-Autor Holger Christmann.<br />
„Alle wollen niedlich, lieb und lustig sein &#8211; bloß nicht erwachsen mündig und<br />
ernst, “schreibt er weiter.</p>
<p>Wir leben in einer Zeit, in der es zum elementaren Lebensinhalt gehört, sich selber und die eigenen Pläne verwirklichen zu können, ohne sich dabei anstrengen zu müssen. Es reicht der Blick in das allabendliche Fernsehprogramm, in welchem Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“, „X Factor“ oder „Das Supertalent“, Hochkonjunktur haben, um zu erahnen wohin die Reise geht.<br />
Ohne Mühe zu Karriere und Geld kommen.<br />
Was bedarf es da noch der Freude an Leistung und Arbeit?<br />
Das Problem dabei ist: Die Gescheiten werden im großen Stil neidisch auf die Dummen.<br />
Der kleine, qualifizierte Facharbeiter von nebenan, fristet ein einsames, graues Maus-Dasein, wobei er sich auch noch über viele Jahre hinweg mühevoll versucht hochzuarbeiten, während mach ein Unqualifizierter für zwei Wochen sein trautes Heim verlässt und in einem Container berühmt wird, horrende Summen einstreicht und dem zu guter Letzt auch noch die Herzen zahlreicher Verehrerinnen zu fliegen.</p>
<p>Die Spaßgesellschaft als Nährboden der Schlingpflanze Maßlosigkeit?<br />
Ist der Spaß womöglich also die Wurzel allen Übels?<br />
Nein. Das wahrlich ist er nicht. Nur sollte seine bestmögliche Funktion im mannigfaltigen Gefüge unseres Bewusstseins, einem sprichwörtlich bewusst werden.<br />
Spaß ist nämlich nur dann sinnvoll, wenn er nicht der Sinn ist und nicht zu diesem wird.<br />
Hierbei ist der Sinn nicht nur abstrakter Oberbegriff für die Realwerdung eines Lebens, das unter einer bestimmten Fragestellung und der dazugehörigen findungswilligen Antwort geführt wird, sondern gerade auch eben jener Sinn, der als das Gespür für das richtige Maß angesehen werden kann.<br />
Wenn dieser Sinn wieder zu einem bedeutenden Richtungsweiser des Lebens wird, dann kann auch einmal wieder weniger mehr sein.</p>
<p>Und eines noch: Einst bekam ich den Tipp, einen guten, geistreichen, literarischen Text solle ich, um der gelungenen inhaltlichen Kohärenz die Krone aufzusetzen, mit einem Zitat enden lassen, gewissermaßen als Schmelztiegel all dessen was das da Niedergeschriebene aussagen soll.<br />
Unter diesem Eindruck endet dieser Artikel mit dem Zitat eines 16-jährigen Schülers, der in der Shell-Studie aus dem Jahr 2004 zu Wort kommt:<br />
„Natürlich braucht man Spaß im Leben. Aber ohne Sinn, macht das Leben weder Spaß noch Sinn.“</p>
<p>Von David Irion</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/04/10/wenn-immer-mehr-immer-weniger-ist/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>4</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Über die Utopie einer Internats-WG</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/02/25/utopie-einer-internats-wg/</link>
		<comments>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/02/25/utopie-einer-internats-wg/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 25 Feb 2011 13:24:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Wir hier drinnen]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://farbfleck.wordpress.com/?p=2964</guid>
		<description><![CDATA[Warum sind die Türen in Haus 25 ständig zu? Manch einer vermutet, dass die Türen zwischen den WGen Werk und Exner und Ehmer und Neudert deshalb von uns Schülern nicht geöffnet werden können, weil früher Lehrer dort gewohnt haben. Aber ist das wirklich so? Der farbfleck fragt nach. Als Herr Kilian durch die WGen in [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://farbfleck.wordpress.com/2011/02/16/utopie-einer-internats-wg/"><img class="alignleft size-medium wp-image-1389" title="der farbfleck fragt nach!" src="http://farbfleck.files.wordpress.com/2009/11/der-farbfleck-fragt-nach.jpg?w=300" alt="" width="300" height="246" /></a><strong>Warum sind die Türen in Haus 25 ständig zu?</strong></p>
<p>Manch einer vermutet, dass die Türen zwischen den WGen Werk und Exner und Ehmer und Neudert deshalb von uns Schülern nicht geöffnet werden können, weil früher Lehrer dort gewohnt haben. Aber ist das wirklich so? Der farbfleck fragt nach.</p>
<p><span id="more-2964"></span>Als Herr Kilian durch die WGen in Haus 25 gegangen ist, um uns noch einmal persönlich darauf anzusprechen, dass das Benutzen der Fenster als Mülleimer verboten ist, weil sich dann die Gefahr einer Rattenplage und der Verletzung der Kindergartenkinder entsteht, wurde er gefragt, wieso die oben genannten Zwischentüren dauernd verschlossen sind.</p>
<p>Das ist laut Herrn Kilian nicht nur dewegen, weil die Wohnungen, in denen sich die derzeitigen WGen Werk und Ehmer befinden, früher Lehrerwohnungen waren und deswegen auch nicht den Schülern zugänglich waren. Doch seit es die WG Werk gibt &#8211; und das sind schon zwei Jahre &#8211; wurde nichts am Schloss geändert, was einigen Unmut bereitet.</p>
<p>Sondern es liegt daran, dass bei der Planung des Internats von unseren Architekten (mit Bauherrenpreis) darauf geachtet wurde, dass jede WG für sich selbst lebt und eigentlich keinen Kontakt mit den anderen Schülern hat. Das ist klar nur eine Utopie, weil jeder weiß, dass dies nicht der Fall ist und auch total sinnlos ist. Das wäre ja wie wenn jede WG eine eigene Schule ist. Die Frage der verschlossenen Tür ist somit geklärt, es wurde uns auch bildlich dargestellt:</p>
<blockquote><p>Man darf die verschlossene Tür nicht als Tür betrachten. Es war eigentlich wie eine Glasscheibe konzipiert. Man sollte hindurchgucken können, aber nicht hindurchgehen.</p></blockquote>
<p>Nehmen wir an, es ist Winter und ein Schneesturm fegt über Schwäbisch Gmünd. Ein Schüler möchte von der einen Seite des Hauses 25 zur anderen. Dann besteht der kürzeste Weg darin, einfach mitten durch zu gehen und dabei vier Türen zu passieren. Doch unter diesen Umständen, nämlich wenn die eine Tür verschlossen ist (und das eigentlich immer so), muss man sich jetzt eine Jacke anziehen, nur um im(!) Haus herumzulaufen. Dann muss man raus in die Kälte, zwei Treppen runter, unter dem Haus durch zum zweiten Treppenaufgang, zwei Treppen hoch und wenn man Pech hat (entweder es ist Sonntag und die Transponder sind komisch programmiert oder man hat einfach seinen Transponder nicht dabei) auch noch Sturmklingeln beziehungsweise warten, bis einem zufällig jemand entgegenkommt.</p>
<p>Es soll den Mentoren gesagt worden sein, dass sie zu Beginn ihres Dienstes die besagten Türen aufschließen sollen. Doch dann ist es doch verwunderlich, wieso jetzt, zwei Monate später, sich immer noch Mentoren darüber aufregen, dass eine Packung Cornflakes, ein Staubsaugerrohr oder ein Blatt Papier in der Tür klemmt, nur weil eben dieser Mentor es versäumt hat, die Türen aufzuschließen. Auch bei einer Bitte entweder die &#8220;Türstopper&#8221; drinnen zu lassen oder die Tür aufzuschließen, weigert sich der Mentor. Ob je eine Besserung in Sicht ist?</p>
<p>Generell stellt sich die Frage, wieso die Transponder &#8211; unsere nützlichen Türöffner, mit denen gefühlsmäßig nur 50 Prozent der Schüler herumläuft &#8211; so komisch programmiert sind. Zuständig ist unser Hausmeister. Zum Beispiel gibt es den typischen Fall Freitag B-Woche. An diesem Tag funktionieren die Transponder nicht, obwohl sie das sollten. Und wenn man schon so klug ist, etwas in die Haustür zu klemmen, nur um zum Frühstück gehen zu können, dann wird man immer wieder enttäuscht, weil diese intelligenten Gegenstände immer wieder herausgenommen werden. Wenigstens funktionieren jetzt die Transponder zu den A-Wochenenden, was zu Beginn des immerhin siebten Jahres vom LGH wirklich frustrierend war. Am Internatswochenende nämlich wird am meisten herumgelaufen und wenn man gezwungenermaßen schon nicht einfach im Warmen bleiben kann, dann will man doch wenigstens einen begehbaren Weg ohne frustrierende Wartezeiten vor Haustüren. Das ist genau die gleiche Sache wie mit den Lichtschaltern außerhalb der Toiletten &#8211; einfach sinnlos.</p>
<p>Apropos Wartezeit. Jetzt da wir die Gleitzeiten in der Mensa haben, um den Lärm zu reduzieren, wäre es nicht sinnvoll, dass die Schüler einfach früher gehen können, was zu einem niedrigeren Geräuschpegel in der Mensa führen würde. Aber jetzt müssen wir entweder in der Mensa warten oder vor unserer eigenen Haustür und bei dieser unglaublichen Auswahl ist es wohl klar, welche Wahl wir treffen. Ja, ich weiß, der Mittagspausendienst beginnt erst um 13:15, aber würde es etwas ausmachen, jeden Tag fünf bis zehn Minuten früher anzufangen? Oder wenn die Dienstzeiten schon so stark ausgereizt sind &#8211; wieso lässt unsere Krankenschwester uns dann nicht am Dienstag oder am Samstag zur dritten Doppelstunde ins Internat, obwohl sie da ist und obwohl alle ganz genau wissen, dass zu dieser Zeit die Hälfte der Schüler frei haben.</p>
<p>Von Kevin Wang</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.derfarbfleck.de/old/2011/02/25/utopie-einer-internats-wg/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
