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	<title>derfarbfleck &#187; Essay</title>
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	<description>mehr als nur schwarz auf weiß</description>
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		<title>Protest und Verheißung &#8211; von der Freiheit des Aufbegehrens</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Mar 2015 14:13:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA["Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay."]]></category>
		<category><![CDATA[Aufbegehren]]></category>
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		<description><![CDATA[von Cosima Friedle „Es mag Zeiten geben, in welchen wir machtlos sind, Ungerechtigkeit zu verhindern, doch es darf nie eine Zeit geben, in welcher wir nicht protestieren.“ Mit diesen Worten ruft Elie Wiesel, Überlebender des Holocausts, die Menschen zum Protest auf. Doch wieso sollten wir Menschen protestieren, angesichts der häufig drohenden Konsequenzen? Und vielmehr noch [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Cosima Friedle</em><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2015/03/man-159155_1280.png"><img class=" wp-image-6736 alignright" src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2015/03/man-159155_1280-223x300.png" alt="man-159155_1280" width="247" height="332" /></a></p>
<p>„Es mag Zeiten geben, in welchen wir machtlos sind, Ungerechtigkeit zu verhindern, doch es darf nie eine Zeit geben, in welcher wir nicht protestieren.“ Mit diesen Worten ruft Elie Wiesel, Überlebender des Holocausts, die Menschen zum Protest auf. Doch wieso sollten wir Menschen protestieren, angesichts der häufig drohenden Konsequenzen? Und vielmehr noch stellt sich die Frage: Weshalb tun wir es dennoch so oft? Welche Verheißung verleitet uns dazu, aufzubegehren und für unsere Rechte zu kämpfen?</p>
<p>Wirft man einen Blick auf die historische Vergangenheit verschiedener Länder, so entsteht der Eindruck, wir Menschen wären zum Aufbegehren geboren. Kein Jahr vergeht ohne dass in irgendeinem, meist von Unruhen und Bürgerkriegen geplagten, Land Menschen auf die Barrikaden gehen, gegen Politik und Regimes aufbegehren und für ihre Rechte und Freiheiten kämpfen. Doch genauso häufig wie Reportagen über Demonstrationen und Proteste sind in den Medien Katastrophenberichte über Polizeieinsätze bei friedlichen Protestmärschen sowie über getötete Freiheitskämpfer zu lesen. Die Ursache hierfür liegt in der Tatsache, dass in einigen Ländern die Freiheit des Aufbegehrens nicht gewährleistet ist. Gesetze, welche in Deutschland absolute Grundrechte sind, wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit oder das Recht auf Demonstrationsfreiheit, sind in anderen Ländern teilweise gar nicht vorhanden, und wenn doch, so werden sie häufig mit Füßen getreten. Doch trotz der drohenden Konsequenzen zieht es jährlich Millionen Menschen auf die Straße, um für einen Regierungswechsel, mehr Rechte oder auch nur gegen eine zweite Startbahn zu kämpfen. Es stellt sich die Frage, was ist das in uns, was uns dazu bringt, aufzubegehren, zu demonstrieren, nicht jede Ungerechtigkeit oder Rechtswidrigkeit protestlos hinzunehmen?</p>
<p>Die Tradition des Aufbegehrens reicht weit in die Geschichte zurück. So fanden bereits im 15. Jahrhundert in ganz Europa Bauernaufstände statt, in welchen sich die Bauern und teilweise auch Bürger gegen den Adel erhoben. Forderungen waren Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit. Die Motivation der Aufbegehrenden ist hier also klar erkennbar: Sie kämpften für mehr Rechte, lehnten sich gegen den sie unterdrückenden Adel auf und hofften somit auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Doch kann diese Verheißung über die unmenschlichen, drohenden Konsequenzen hinwegtrösten? Die fürchterlichen Reaktionen der Herren reichten von Verpflichtung zu Schadensersatz über Abgabe der Waffen bis hin zu Hinrichtungen, und auch bereits während des Bürgerkrieges verloren Tausende ihr Leben. Lohnt es sich bei diesen Aussichten überhaupt, auf die Straße zu gehen und für seine Rechte zu kämpfen? Wieso siegt hier nicht der rationale Geist, der die Ausgangslage mit dem möglichen Ausgang eines Protests vergleichen würde, über den aufbegehrungswütigen Widerstandsgeist? Die Antwort ist einfach: die Unzufriedenheit ist größer als die Furcht vor möglichen Konsequenzen, die Wut über die Zustände größer als die Vernunft, und die Hoffnung auf Erfolg stärker als das Ohnmachtsgefühl gegenüber der Regierenden. Wenn die Menschen keinen anderen Weg mehr sehen, ihre Meinung durchzusetzen, dann gehen sie an die Öffentlichkeit. Vor diesem Hintergrund sind die zahlreichen Proteste, so beispielsweise Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg im 20. Jahrhundert, Proteste gegen den drohenden Irakkrieg 2003 oder die Montagsdemonstrationen in Dresden in der DDR, logische Folgen eines übermächtig gewordenen Unzufriedenheitsgefühl in der Bevölkerung.</p>
<p>So stellt sich vielmehr die Frage, was Menschen daran hindert, auf die Straße zu gehen und für ihre Rechte zu kämpfen oder für ihre Meinung einzustehen? Immer wieder lassen sich in einem Land schwerwiegende Missstände feststellen, welche jedoch mit nur geringem oder gar keinem Widerstand kommentiert werden, so beispielsweise die Repressionen in China 2011. Aus welchem Grund stellen sich Menschen lieber negativen Situationen, als dagegen aufzubegehren und sich zu wehren? Psychologischen Forschungen zufolge kann eine Ursache für Widerstandslosigkeit äußere Bedrohung oder Kritik des Systems sein, in welchem die Betroffenen leben. Aus Loyalitätsgründen verspüren sie eher den Drang dazu, das jeweilige System zu befürworten, als selbst auch Kritik und Widerstand zu üben. Auch eine gewisse Abhängigkeit von dem System oder die scheinbar unmögliche Flucht daraus lähmen Menschen und machen sie widerstandslos. Der vermutlich größte Protesthemmer ist jedoch die Angst der Menschen. Selbst in Deutschland kommt es auch heute noch immer zu gewaltsamen Polizeieinsätzen auf friedlichen Demonstrationen, beispielhaft hierfür der Einsatz von Wasserwerfern und Pfefferspray am 30.09. 2010 im Stuttgarter Schlossgarten, bekannt geworden als der „Schwarze Donnerstag“. Mit dem Einsatz gewaltsamer Mittel und sogar einigen Festnahmen beendete die Polizei eine Demonstration gegen den Baubeginn von „Stuttgart 21“. Solche Schlagzeilen verängstigen die Bevölkerung, verringern den Willen zum Widerstand. Es zeigt sich also, dass die Freiheit des Aufbegehrens nicht immer gewährleistet ist. Dennoch stellt sich die Frage, ob die Freiheit des Aufbegehrens nicht vielmehr eine Pflicht als ein Recht ist? Sind wir als Bürgerinnen und Bürger, als Bevölkerung einer Stadt, eines Landes nicht dazu verpflichtet, aufzubegehren? Sind wir wirklich frei in der Freiheit des Aufbegehrens? Oder ist es nicht unsere unbedingte Pflicht, zu protestieren, gegen unterdrückende Regierungen uns aufzulehnen, für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen? Was wäre, gäbe es niemanden mehr, der aufbegehrte, protestierte? Wären wir dann nicht verloren, schutzlos und machtlos ausgeliefert der Macht aller über uns Herrschenden? Lassen wir uns verängstigen, zu sehr von der Angst und den rationalen Überlegungen leiten, dann erstickt der Funke Widerstandsgeist, der in uns allen schlummert, irgendwann völlig. Doch das soll nicht das Ziel sein, vielmehr sollte die Freiheit des Aufbegehrens von jenen, die sie haben, genutzt werden, um sie auch denen zu ermöglichen, welche sie noch nicht besitzen. In der Geschichte hat sich gezeigt, dass Aufbegehrende häufig mutige, unerschrockene Einzelkämpfer sind, welche diese Freiheit für sich nutzen. Etwas zu erreichen war für jene Aufbegehrenden sehr schwer, da sie mit ihrem Wunsch nach Protest oft alleine standen. Doch tun dies mehrere Menschen, so kann, entgegen aller Zweifel, auch tatsächlich etwas bewegt werde. In jedem Fall aber ist das Protestieren, das nicht reflexionslose Annehmen einer Regierung für eine Bevölkerung nicht nur ein Recht, sondern seine wichtigste Pflicht.</p>
<p>Diese unabdingbare Pflicht des Aufbegehrens spricht auch Elie Wiesel in seinem Zitat an. Er räumt zwar ein, dass durch Protest das Gewünschte nicht immer erreicht werden kann, dass der Kampf gegen Ungerechtigkeit manchmal zwecklos ist. Aber dennoch dürfen wir nicht aufhören, uns aufzulehnen und zu protestieren, müssen den in uns schlummernden Funken Widerstandsgeist nähren, bis er wächst und zu einem Feuer des Protests wird.</p>
<p><em>Bild: CCO Public Domain</em></p>
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		<title>Kaffeekochen aus dem Ff</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Mar 2015 22:25:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA["Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay."]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumnen]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kaffee]]></category>
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		<category><![CDATA[LGH]]></category>

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		<description><![CDATA[von Wenke Grahneis Herzlich Willkommen zur ersten Ausgabe der Farbfleckkolumne     [&#8230;] aus dem Ff! „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ (Naina, 17) Die hitzige Diskussion, die der Tweed einer Kölner Schülerin auslöste, weckte die deutsche Bildungslandschaft aus [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Wenke Grahneis</em><img class="alignright" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/10/Hier_k%C3%B6nnen_Familien_Kaffee_kochen.jpg/800px-Hier_k%C3%B6nnen_Familien_Kaffee_kochen.jpg" alt="File:Hier können Familien Kaffee kochen.jpg" width="453" height="303" data-file-width="2740" data-file-height="1834" /></p>
<p style="text-align: left;">Herzlich Willkommen zur ersten Ausgabe der Farbfleckkolumne     <em>[&#8230;] aus dem Ff!</em></p>
<p style="text-align: left;">„Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ (Naina, 17)</p>
<p style="text-align: left;">Die hitzige Diskussion, die der Tweed einer Kölner Schülerin auslöste, weckte die deutsche Bildungslandschaft aus dem Winterschlaf.</p>
<p>Es ist eine Grundsatzdiskussion, in der sich alles um die zentrale Frage dreht, ob die Schüler im Unterricht auf das Leben vorbereitet werden. Denn zwischen Gedichtsvergleich und komplexen Zahlen, entdeckt so mancher –hui buh- den Zeitgeist des 21sten Jahrhunderts in der Erkenntnis, die den römischen Philosophen Seneca bereits vor zwei Jahrtausenden ereilte: „Non vitae, sed scholae discimus“ – Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.</p>
<p>Hierzulande war im letzten Jahrzehnt ein enormer Wandel der Bildungslandschaft zu beobachten. Infrastrukturelle Großprojekte wurden im Schnellverfahren durchgeboxt und umgesetzt. Allerlei Straßenbaumaßnahmen, wie der Ausbau der neuen Bildungsautobahn G8, dem Bau entlastender Umgehungsstraßen und Zubringer, oder die Zunahme der von privaten Unternehmern subventionierten Mautstraßen, erhöhten zwar die Mobilität der Verkehrsteilnehmer, aber das verwinkelte Straßennetz mit all seinen Abzweigungen erhöhte gleichzeitig auch das Risiko, sich zu verfahren. Erschwerend hinzu kommt die Aufhebung der Zulassungsbeschränkung für langsamere Fahrzeuge, die Aufhebung der Geschwindigkeitsbegrenzung, des Park- und des Überholverbots. Vor allem aber die geplante Sperrung der soliden Hauptstraßen führt zu einem steigenden Unfallrisiko, zu erschwerten Arbeitsbedingungen für die Weisungsbefugten des öffentlichen Dienstes und somit in letzter Konsequenz zu einem Verkehrschaos. Es ist, als drehe man Jahr für Jahr, Runde um Runde auf dem <em>Place du Charles de Gaulle Étoile </em>auf der Suche nach der richtigen Ausfahrt, während die Pariser Straßenwacht damit beschäftigt ist, Straßenschilder und Wegweiser Abzuschrauben, Ampeln abzuschalten. Sie wechseln nicht mehr von Rot, zu Gelb, zu Grün. Nichts nimmt mehr seinen gewohnten Gang. Alles wird schneller, voller, hektischer. Anhalten kann man sich nicht leisten.Also fährt man weiter Runde um Runde im ewigen Triumphbogenkarussell.</p>
<p>Damit die ewige Fahrerei euch keinen Drehwurm verpasst, habt ihr hier die Chance, anzuhalten und auszusteigen, mitzukommen auf einen Spaziergang, abseits befestigter Straßen, auf Trampelpfaden und Umwegen, ein Reiten durch Weiten, Hieven in Tiefen, Entdecken der Ecken, der vergessenen Flecken, der Meere, der Leere der Bildungslandschaft. Ein Spaziergang zu schließen die Bildungslücken, um außerhalb der LGH-Käseglocke, sozusagen in freier Wildbahn, zu überleben.</p>
<p>Ich werde wohl nie vergessen, wie ich einen ersten Blick auf die beachtliche Käseglocke erhaschte. Ich entdeckte sie, konfrontiert mit einer Frage, die mich gleichsam schockierte und amüsierte. Ich war gerade dabei den Genozid an den pathogenen Bakterienstämmen, die sich im WG-Spülbecken angesiedelt hatten, voranzutreiben, als mich die Worte: „Wenke, was kommt nochmal zuerst in den Topf?&#8230;. das Wasser, oder die Nudeln?&#8230;“, erstarren ließen. Das Gesagte brauchte einige Augenblicke, um in meine Hirnwindungen vorzudringen, aber der Ausdruck, in dem meine Gesichtsmuskeln schließlich erstarrten, war vermutlich köstlicher als die Pasta, die es am besagten Abend noch geben sollte. Wann ich meine Stimme wiederfand und was ich antwortete, weiß ich nicht mehr. Ich hatte nur noch einen Gedanken: Das Gute an einer Käseglocke ist der Käse, man verhungert wenigstens nicht.</p>
<p>Geprägt von dieser Grenzerfahrung, fühle ich mich berufen, den unersättlichen Wissendurst der Spezies Choloepus ingeniosus zu stillen. Ohne einen Mangel an Allgemeinbildung zu unterstellen und um wirklich niemanden zu überfordern, habe ich beschlossen ganz simpel mit der Kunst des Kaffeekochens anzufangen. Eine durchaus sehr nützliche Fähigkeit, da der Durchschnittsstudent &#8211; und dieses Schicksal wird die meisten von euch ereilen &#8211; dazu neigt, Schlaf durch Koffein zu ersetzen. Zwar hat heute beinahe jeder eine Pad- oder Kapselmaschine, deren Bedienung, wie George Clooney im Fernsehen eindrucksvoll beweist, ziemlich idiotensicher ist. Dennoch können die Kosten für Selbige schnell das Budget des Noch-nicht-Verdieners übersteigen, vor allem, wenn es nicht bei der einen Tasse am Morgen bleibt. Die Schlüsselqualifikation des Kaffeekochens bringt auch im Hinblick auf die Karrierechancen oftmals den entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber Mitbewerbern, mit der man vor allem bei künftigen Vorgesetzen punkten kann.</p>
<p>Nun heißt es also „back to the roots“ und nichts wie ran an den guten alten Filterkaffee. Filterkaffee, ein Wort, das, für den Konsumenten noch vor 50 Jahren Inbegriff von Verlockung und Genuss, zugegeben in den Ohren des trendbewussten Caramel-Macchiato-Liebhabers wie ein Schimpfwort klingen mag. Wer hingegen ab und an die Zeitreise in Omas trautes Heim wagt, weiß, dass im Grunde nichts über einen frisch gebrühten, starken, schwarzen Filterkaffee geht auch, wenn es den dort heute leider nur noch Sonntags gibt, weil das Teufelszeug dem altersschwachen Herz übel mitspiele und die Gesundheit sei schlussendlich, ist die Verlockung noch so süß, oberstes Gebot. Wenn man also schonmal bei der Oma ist, kann man sich auch gleich vom Meister in die Wissenschaft des Kaffeebrauens einweisen lassen. Grundlegend für den Erfolg und den ultimativen Geschmack ist die Verwendung des guten alten Porzellanfilters, der im Gegensatz zu alternativen Materialien wie Plastik auch auf lange Sicht geruchsneutral bleibt. Ansonsten nehme man Filterpapier und natürlich hochwertiges Kaffeepulver, das im Vergleich zu qualitativ vergleichbaren Kaffeepads oder Kapseln wesentlich preiswerter ist. Sollte das, was ihr vorfindet, wenn ihr in die Packung linst, größere Ähnlichkeit mit der Hinterlassenschaft einer Ziege haben, habt ihr den falschen Mahlgrad erwischt. Sollte dies nicht der Fall sein fehlt für den Kaffeegenuss nur noch kochend heißes Wasser und eine Tasse oder Kanne je nach Personenzahl beziehungsweise Schlafpensum. Wie vermutlich niemand geahnt hätte ist das Pulver und damit die Stärke des Kaffees individuell dosierbar. Man ist also immer gut bedient, egal ob einem der Sinn steht, nach einem Ristretto, Volluto, Fortissio oder wie sie doch alle heißen. Die Faustregel beim Filterkaffe ist jedoch ein gehäufter Teelöffel pro Tasse und einen zusätzlich für die Kanne. Ein weiter Vorzug des Filterkaffees ist, dass er im Gegenteil zu seinen kleinen bunten Kapselkollegen, deren Namen sich so temperamentvoll italienisch aussprechen lassen, keine Umweltbelastung darstellt. Die Herstellung des Aluminiums, welches für die Kaffekapseln verwendet wird, ist unheimlich energieaufwändig und Recycling ist, da nicht-italienisch, wohl ein Fremdwort. Es wäre also weder verwunderlich noch im selben Maße realitätsfern wie die meisten anderen Politdebatten, wenn der Bundestag bald über den Kapsel-Kaffee-Ausstieg debattieren würde. Der Kaffesatz des Filterkaffees beglückt hingegen entweder die Regenwürmer auf dem Kompost, oder kann alternativ als Dünger für die Zimmerpflanzen der Studentenbude zum Einsatz kommen, unter denen ja bekanntlich, die nach Spidermans Freundin benannte, sehr gefragt sein soll.</p>
<p>Solltet ihr eines Tages in die Verlegenheit geraten, dass der Filter nass, der Kaffee schwarz, der Kaffeesatz aber auf wundersame weiße verschwunden ist, dann ist das weder ein Beweis für die Existenz von Schwarzen Löchern noch für die von <em>Dobby dem Hauself</em>, sondern schlichtweg die Oma, die älter wird. Ja, so ist das mit dem Älterwerden, man wird vergessen man vergisst, vergisst, dass man in die rote Dose ja zuletzt das <em>HAG</em>-Instantpulver gefüllt hatte.</p>
<p>Bevor auch mich die Altersdemenz einholt und ich am Ende vergesse, zum Ende zu kommen, steht mir jetzt der Sinn nach einer schönen Tasse Kaffee, die ich in der Hoffnung genieße, dass die ein oder andere Leseratte unter euch die Käseglocke entdeckt hat. Also nichts wie hoch damit und ran an den Käs… äh Kaffee!</p>
<p><em>Bild: Wikimedia Commons, Hier können Familien Kaffee kochen, Hans Baluschek, 1895</em></p>
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		<title>Smells like Teen Spirit</title>
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		<pubDate>Fri, 13 Mar 2015 21:03:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA["Und wenn es gar nichts geworden ist, dann sag, es sei ein Essay."]]></category>
		<category><![CDATA[Aufbegehren]]></category>
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		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
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		<description><![CDATA[von Simon Neumaier Die Jugend ist langweilig geworden. Spießig, kleinbürgerlich, konventionell. Dieses Bild zeichnet die gebetsmühlenartige Schwarzmalerei der Gesellschaftskritiken, Feuilletonartikel und soziologischen Essays, die den Esprit der Generationen „Jetzt“, „XY“, „Sowohl als auch“, „Ja aber“ und wie sie alle heißen mögen, für tot erklärt. Und das alles, weil die Jugend die Rebellion verlernt hat. Den [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Simon Neumaier<img class="shrinkToFit alignright" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5d/Instandbesetzer_Berlin_Kreuzberg_1981.jpg" alt="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5d/Instandbesetzer_Berlin_Kreuzberg_1981.jpg" width="409" height="286" /></em></p>
<p>Die Jugend ist langweilig geworden. Spießig, kleinbürgerlich, konventionell. Dieses Bild zeichnet die gebetsmühlenartige Schwarzmalerei der Gesellschaftskritiken, Feuilletonartikel und soziologischen Essays, die den Esprit der Generationen „Jetzt“, „XY“, „Sowohl als auch“, „Ja aber“ und wie sie alle heißen mögen, für tot erklärt. Und das alles, weil die Jugend die Rebellion verlernt hat. Den Protest gegen Strukturen, Establishment und das, was die vorherigen Generationen als Institutionalisierung ihres Lebenswerks sehen. Der Protest. Das war die Inkarnation des Drangs der Jugend auf Wandel, auf Neuerung; und in einer stark banalisierten Retrospektive tut man sich leicht, Jugendkultur seit ’64 auf diesen Aspekt zu reduzieren. Die Studenten der 60er und 70er Jahre sind noch heute Vorreiter und Ikonen eines gesellschaftspolitischen Bewusstseins. Eine zu Wirkzeiten von Etablierten verlachte, bis verhasste Bewegung zeigt erstmals in dieser Dynamik die Tendenz, in einem Kollektiv kritisch zu denken und daraus Handlungen abzuleiten, die die Elterngeneration, die unter der Doktrin preußischer Sekundärtugenden erzogen worden war, ratlos ihren Kindern gegenüberstehen ließ, deren Gebaren in ihrer Jugend als das eines Taugenichts abgestempelt worden wäre. Eine Selbsterkenntnis in Hinsicht der Wirkmächtigkeit der eigenen Meinung und des Beteiligungswillens entstand, ein Wunsch Teilzuhaben und die Definition dessen, was die Gesellschaft anerkennt und tut, nicht nur den Eltern zu überlassen. Aus dem Wunsch nach selbstbestimmter Veränderung, die nicht eintrat, wurde die Freiheit darüber aufzubegehren. Dies sei der Aktionismus, zu versuchen, etwas zu bewirken, auch wenn dies gegen Widerstände erfolge, der heute vielen fehle, mit dem die heutige Jugend verglichen, blass und unpolitisch sei. Aber ist das wirklich so? Lässt der Wandel jungen Protests nur eine Beobachtung über den Aussagenden, nicht aber über die Art der Aussage zu? Protest und Jugendbewegungen sind ein spezifisches Thema im Sammelbecken des Aufstands. Aber junge Protestkultur ist immer richtungsweisend und progressiv. Sie zu betrachten mag unvollständig sein, schränkt die Perspektive aber nicht zu sehr ein, weil junger Protest avantgardistisch sein kann, ohne automatisch exklusiv zu werden</p>
<p>Der Protest ist ein machtvolles Instrument politischer Aktion. In vielerlei Hinsicht ist er die Ultima Ratio der Opposition gegen einen Umstand, Entschluss oder Plan. Der Entschluss zum Protest ist der Äußerste, der feststellt, dass jede andere Initiative gescheitert oder perspektivlos ist. Wer sich nicht klar und unmissverständlich gegen etwas aussprechen muss, hat offensichtlich keinen Grund den Protest zu suchen; was sich im Gespräch in gegenseitigem Einvernehmen und als einheitliches Interesse festlegen lässt, bedarf keiner Demonstration. Diese Feststellung hat allerdings auch einen Umkehrschluss, der den Protest zu einem Mittel macht, das mit größerer Vorsicht einzusetzen ist, als dies in der Geschichte oft geschah. Es geht mit ihm die Verantwortung einher, ihn nur in letzter Konsequenz anzustreben. Für ein machtvolles, politisches Instrument gilt, unabhängig vom Akteur, dass der Einsatz entsprechend gerechtfertigt sein muss. Sonst bekommt der Protest ein Legitimationsproblem.</p>
<p>Wer den Protest wählt, stellt damit auch die eigene sonstige Ohnmacht fest, im geregelten Lauf der Dinge eine Veränderung herbeizuführen. Es ist Ohnmachtsbekunden und Machtbeweis zugleich, indem es die Auseinandersetzung auf eine neue Ebene hievt, die dadurch, dass Sie gegen Konventionen spricht, dem Gegenüber der Auseinandersetzung erschwert, darauf zu reagieren. Wer den Protestmarsch wählt, stellt damit fest, in Plenarsälen nichts mehr erreichen zu können, hievt die politische Auseinandersetzung auf die Ebene des Plenums der Straße, auf die der Berufspolitiker schlechter reagieren kann. Sind zuvor nicht alle Mittel ausgereizt, gibt es weniger Möglichkeit, begründet erklären zu können, warum diese Ausweitung nötig ist. Die Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit sind Rechte, die mündigen Bürgern zugesprochen werden müssen, sie sind allgemein anerkannte Grundprinzipien einer demokratisch-pluralistischen Grundordnung. Dass ein mündiges Mitglied einer solchen mit Rechten auch Verpflichtungen erwirbt, ist ersichtlich. Dazu gehört die Grundordnung, der gemeinsamen Bewältigung von Aufgaben und Problemen beizutragen, was nirgends explizit niedergeschrieben sein mag, aber einleuchtet, wenn man voraussetzt, dass der engagierte Demokrat auch ein Interesse an der Erhaltung der Demokratie hat. Wer Probleme lösen will, ist darauf angewiesen, dass die anderen das auch wollen und daher angehalten, in wechselseitigem Interesse auch auf deren Probleme konstruktiv einzugehen. Mit der Freiheit des Aufbegehrens geht also auch eine Pflicht einher: die Verantwortung der Freiheit ernst zu nehmen und die Hintergründe des Protests kritisch zu prüfen. Denn das, was dem Protest seine Legitimation raubt, ist, wenn er zum Selbstzweck verkommt und damit, entgegen seiner eigentlichen Entstehungsgrundlage, Lösungsmöglichkeiten umgeht.</p>
<p>Ein veränderter Umgang mit Protest muss nicht ausschließlich nahelegen, dass sich etwas im Wesen der Protestierenden verändert hat, sondern kann auch bedeuten, dass die Umstände anders waren, die Menschen einst dazu bewegten. Je mehr der Pluralismus dazu in der Lage ist, Meinungen zu integrieren und ernsthaft zu berücksichtigen, desto weniger werden die Berücksichtigten einen Grund sehen, ihre Meinung in einen Kreis zu tragen, der nötig wird, weil sie sonst niemand hören will. Wenn kein Ronald Reagan an der Spitze des Staates California sitzt, der bereit ist, im Ernstfall Studenten auf dem Berkeley Campus niederknüppeln zu lassen, muss es erst gar keine Studenten geben, die lauthals Veränderung fordern, weil die politische Kaste zu weit von ihrem Wirkradius entfernt ist, als dass sie sich verstanden fühlen würden.</p>
<p>Die Verheißung des Aufbegehrens ist fast immer eine Hoffnung auf eine bessere, gerechtere, freiere, solidarischere oder offenere Ordnung, die allzu oft enttäuscht wurde. Diese nicht leichtfertig herauszufordern, wenn man die Möglichkeit hat, zuvor andere Wege zu gehen, ist kein Zeichen von politischer Blässe und Unwille zur Beteiligung. Es ist ein Bekenntnis zu politischer Reife, die den Prozess der langfristig-soliden Alternativen den massenwirksam-plakativen vorzieht.</p>
<p><em>Bild: Wikimedia Commons, Squatters in Berlin, Kreuzberg (1981), Tom Ordelman</em></p>
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		<title>Identität aus Lumpen der Zeit</title>
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		<pubDate>Thu, 13 Nov 2014 13:44:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Farbflecken]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
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		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[von Benjamin Škulec Ich blicke in den Spiegel und eine unglaubliche Monstrosität blickt zurück. So wäre es zumindest, wenn ich sehen könnte, was ich vorgebe zu sein. Versatzstücke aus der Leiche von Kurt Cobain und Sid Vicious, nett verpackt in einer kleidsamen Zwangsjacke, denn so stelle ich mir Zwangsjacken vor. Bevor Sie jedoch, werter Leser, weiter [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Benjamin <span style="color: #000000;">Škulec<a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/11/Nimm-dich-selbst-bei-der-Nase.jpg"><img class="alignright wp-image-6543 " src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/11/Nimm-dich-selbst-bei-der-Nase-213x300.jpg" alt="Nimm dich selbst bei der Nase" width="277" height="391" /></a></span></em></p>
<p>Ich blicke in den Spiegel und eine unglaubliche Monstrosität blickt zurück. So wäre es zumindest, wenn ich sehen könnte, was ich vorgebe zu sein. Versatzstücke aus der Leiche von Kurt Cobain und Sid Vicious, nett verpackt in einer kleidsamen Zwangsjacke, denn so stelle ich mir Zwangsjacken vor.</p>
<p>Bevor Sie jedoch, werter Leser, weiter in dieses unsägliche Machwerk vordringen, seien Sie gewarnt: ich werde auf den folgenden Seiten ausschließlich darüber lamentieren, wie scheiße es doch ist, heutzutage als man selbst geboren zu sein, so wie jeder andere junge Mensch seit über vierzig Jahren, in deren Umgebung jemand so unvorsichtig gewesen ist, Stift und Papier herumliegen zu lassen. Außerdem werde ich das Thema „Identität in Zeiten der Selfies“ vage von der Seite anschneiden.</p>
<p>Behaupten Sie also nicht, niemand hätte Sie gewarnt und versuchen Sie vor allem nicht irgendeinen Haftungsanspruch geltend zu machen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Nachdem ich also jetzt erfolgreich jegliche Korrektoren vergrault habe, wird es Zeit denjenigen zu begrüßen, den mein Gelaber wirklich interessiert: Niemanden!</p>
<p>Hallo auch! All jene, die dies lesen müssen, weil sie dafür bezahlt werden, fragen sich vermutlich mittlerweile was der ganze Scheiß hier eigentlich soll. Und auf diese Frage antworte ich unverfroren: Sorry Alter, das is&#8217; halt was ich im Selbstverständnis von mir als Individuum als voll wesentlich und so erachte. „Ah!“ werden Sie nun rufen, „Endlich verstehe ich!“. Oder eben auch nicht.</p>
<p>Ein schlauer Herr namens George Herbert Mead hat mal gesagt, dass Identität, die ja doch eher ein abstraktes Ding ist, bei der Geburt noch gar nicht da ist, allerdings „innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses“ entsteht. Ich meine, was zum Henker erwarten Sie eigentlich von meiner Generation?</p>
<p>Die meiste Zeit starren viele der anderen Individuen in unserem Proceß auf ihr kleines Fenster zum Internet und wenn man, aus Mangel an besseren Alternativen, beim Warten auf irgendwas, was man eh längst vergessen hat, selbst mitmacht, zwitschern einem Vögelchen aus der ganzen Welt sekündlich von neuen Anschlägen, Mordserien, Vergewaltigungen. Und was uns zu tun übrigbleibt, ist die Nachricht zu verbreiten und „OMG, so grausam #<em>holyshit </em>“ zu pfosten. Man fühlt sich wie ein omniscentes, aber volle Kanne impotentes Wesen, welches auf den Stuhl vor den Bildschirmen gefesselt ist, mit diesen ekligen Teilen, die einem die Augen aufhalten. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich nachts immer geweint.</p>
<p>Sie sagen, wir jungen Leute verblöden, weil wir nichts mit unserem Leben anstellen, die modernen Zeiten hätten uns stumpf gemacht. Ich behaupte, wir sind nicht dumm, nicht dumpf. Nur stumm.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wir wachsen in einer Welt auf, die sich schon viel zu lange um sich selbst dreht &#8211; es gibt nichts für uns zu denken, zu schreiben, zu sagen oder zu singen, das nicht schon gedacht, geschrieben, gesagt oder geschrien wurde. Es wäre doch anmaßend anzunehmen, dass irgendjemand sich drum reißt alles nochmal aus unseren pickligen Mündern zu hören. Soviel zu unserem „Erfahrungs- und Tätigkeitsprozess“.</p>
<p>Ich sage Ihnen, es ist nicht verwunderlich, dass meine Generation sich in minderjährigem Sex und Alkoholexzessen ergeht, ich selbst neige zu selbstzerstörerischem Verhalten. Ich suche keinen Schuldigen. Niemand kann etwas für den Wahn in dem sich unsere schrumpfende Welt immer schneller auflöst, den wir aufsogen, um ihn auf dem Schild unserer Identität zu tragen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Into this world we&#8217;re thrown / like a dog without a bone“ sang Jim Morrison, Mitglied des Club 27.</p>
<p>Heutzutage ist Nicht-Denken angenehmer.</p>
<p>Das war es vermutlich auch früher, ich denke jedoch, es ist zu einer Art schützender Schleimschicht mutiert. Lieber tötet man seine Gedanken mit Videospielen ab, als zu erkennen und traurig zu werden. Den Kopf auszuschalten und die Welt auszublenden, erscheint mir als die einzige erfolgversprechende Möglichkeit in dieser postmodernen Totenwelt zu leben, obwohl ich weiß, dass Adorno mir hierfür am liebsten den Kopf abreißen oder mir zumindest einen sehr hasserfüllten Brief schreiben würde, wenn er könnte.</p>
<p>Und Sie schreien jetzt wahrscheinlich dieses Blatt an, allein in Ihrer Kammer bei Mutti, Sie mürrischer Zweitkorrektor mit hochrotem Kopf:</p>
<p>„Stuss! STUSS! Fauler Ausreden für faulige Faulheit, faules Stück Mensch! Umsonst haben wir Altvorderen geschuftet, um euch diese schöne, einfache Welt in der ihr lebt zu schaffen. Undank&#8230;“</p>
<p>Naja, Sie wissen was ich von Ihnen halte.</p>
<p>Vielleicht bin ich undankbar.</p>
<p>Vielleicht sind Sie ignorant.</p>
<p>Wer kann heute noch irgendwas wissen, wo doch absolut alles im Internet steht?</p>
<p>Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass wir jüngsten Sprösslinge dieses ehemals blauen Planeten, die wir wider Willen in diese seit &#8217;45 post-apokalyptische Vorhölle von einer Welt geworfen wurden, diejenigen sind, die still und unbewusst am Verdrossensten sind von diesen post-modernen Zeiten?</p>
<p>Glauben sie mir, dass wir lieber umkehren würden, aber unaufhörlich an unseren Füßen in diese Zukunft aus Stahl und Gallium gezerrt werden?</p>
<p>Uns bleibt nichts anderes übrig, mir bleibt nichts übrig, als entweder mit Lichtgeschwindigkeit ins All zu fliegen, bis die Zeit still steht, um dort an den Klippen zu zerschellen, oder direkt Suizid zu begehen oder eben unsere, meine gestohlene Identität im Spiegel anzuschauen und mir einzureden, die Vergangenheit sei nicht vergangen.</p>
<p><em>Bildquelle: &#8220;Nimm dich selbst bei der Nase&#8221; aus dem Tiroler Volkskunstmuseum (spätes 17. Jahrhundert); Javier Carro über Wikimedia Commons </em></p>
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		<title>Kommt mit ins Zuckerwatte-Land!</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Oct 2014 06:30:25 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Ein Essay von Lea Frauenknecht Pünktlich betrete ich das Schulhaus. „Na, wie geht’s?“, begrüße ich meine beste Freundin. „Boah, ich kann es echt nicht ausstehen, wenn du mich so früh am Morgen immer schon so pseudofreundlich anquatschst!“, schnaubt sie hinter ihrem Matheordner hervor. Der Unterricht beginnt mit der üblichen Frage: „Wer hat seine Hausaufgaben NICHT [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><b><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/10/Zuckerwatte.jpg"><img class="alignright wp-image-6481 " src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/10/Zuckerwatte-300x199.jpg" alt="Zuckerwatte" width="356" height="236" /></a>Ein Essay von <em>Lea Frauenknecht</em></b></p>
<p>Pünktlich betrete ich das Schulhaus. „Na, wie geht’s?“, begrüße ich meine beste Freundin. „Boah, ich kann es echt nicht ausstehen, wenn du mich so früh am Morgen immer schon so pseudofreundlich anquatschst!“, schnaubt sie hinter ihrem Matheordner hervor. Der Unterricht beginnt mit der üblichen Frage: „Wer hat seine Hausaufgaben NICHT gemacht?“. Verblüfft muss ich mit ansehen, wie alle Arme synchron in Richtung Zimmerdecke schießen. In der Pause gehen mir irgendwann die Gesprächsthemen aus und ich frage meinen Freund aus purer Small-Talk-Manier heraus, was er von meinem neuen Kapuzenpulli hält. „Er macht dich nicht dick. Er zeigt, wie dick du wirklich bist!“, wird mir zwischen zwei Schlucken Zitronentee vollkommen unverblümt mitgeteilt. Beim Mittagessen kommt es zu einem verbalen Stellungskrieg zwischen meinen Eltern, als mein Vater den Nudelauflauf als „verpilzten Atomkraftglibber“ bezeichnet und meine Mutter entgegnet, er solle sich doch ein neues Dienstmädchen suchen, vielleicht würde er ja im Rotlichtviertel fündig werden. Schweißgebadet erwache ich von dem melodischen Gesäusel meines Handyweckers.</p>
<p>Ich habe einen Albtraum&#8230; einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der es keine Lügen gibt. Ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der man immer ehrlich ist und stets aufrichtig die Wahrheit sagt. Ist diese Ansicht nicht etwa moralisch verwerflich und ruft zum schwindelerregenden Schwindel auf, fragen Sie sich? Das mag durchaus richtig sein, sie tut es aber aus gutem Grund. Denn Lügen haben nicht nur „kurze Beine“, sondern sind auch ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft, wie der Zucker in der rosaroten Zuckerwatte: Ohne ihn wäre diese weder süß und erträglich, noch würde sie überhaupt existieren. Was ich damit sagen will: Lügen sind der rosarote Süßstoff, der die Welt im Innersten zusammenhält, in hohen Dosen aber gleichermaßen abscheulich und gesundheitsgefährdend ist.</p>
<p>Und genauso sind Lügen ein Teil der gesellschaftlichen Sozialisierung, wer noch an deren Anfang steht, über den werden Sachen gesagt wie etwa: „Kindermund tut Wahrheit kund“. Und dies dürfte ausnahmsweise mal keine Lüge sein. Das Lügen als Bestandteil der gesellschaftlichen Sozialisierung kommt nämlich erst mit der Fähigkeit, „sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen“. Dies bringt Tobias Beck in seinem Beitrag zum „Täuschen und Lügen“ der Serie „Quarks&amp;Co.“ damit in Verbindung. Das Lügen sei keine „angeborene Fähigkeit“, aber man würde sie erlernen. Lügen dienen also dazu, uns auf ein eigenständiges Leben in der Gesellschaft vorzubereiten, uns salonfähig zu machen für das Paradies der Schwindler, Trickser und dauerlächelnden Hochdruckreinigervertreter. Wer nicht lügt, der hat einen wichtigen Teil der Sozialisierung verpasst und kann die Sprache der unausgesprochenen Unannehmlichkeiten zwar verstehen, aber nicht sprechen. Das ist der Grund, warum wir den an Tourette-Syndrom leidenden jungen Erwachsenen ungern in unseren Schulen, Unis und Großraumbüros am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen wollen: Denn wer will in unserer scheinheiligen Lächel-Gesellschaft schon als „Arschloch“ oder „Spießer“ bezeichnet werden? Wir haben uns die Wahrheit wahrhaftig abgewöhnt&#8230;</p>
<p>Andererseits müsste man eine Gesellschaft ohne Lügen wohl beschreiben als eine Mischung aus mürrischen Wortgefechten, allgemeinem Unwohlsein und eingeschnapptem Einzelgängertum. Denn Lügen haben eine immense Macht über zwischenmenschliche Beziehungen: Durch eine kleine Höflichkeitslüge schließen wir möglicherweise neue Kontakte. Und sprechen wir eine  unangenehme Wahrheit aus, riskieren wir, beispielsweise eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Ein simples „das Kleid steht dir wirklich super“ kann zum Opener für eine langjährige Bekanntschaft werden, ein „in diesem Kleid siehst du wirklich fett aus“ diese Bekanntschaft aber ebenso schnell wieder beenden.</p>
<p>Doch eine „Lüge“ ist nicht mit einer „Lüge“ gleichzusetzen. Ich widerspreche mir selbst? Nicht, solange ich hinzufüge, dass in beiden Fällen zwar eine Unwahrheit ausgesprochen wird, jedoch mit unterschiedlicher Ursache, Folge oder in einem gänzlich anderen Kontext. Wir kennen unter anderem die Notlüge („Mein Hund hat die Hausaufgaben gefressen“), die öffentliche Lüge („Nach der nächsten Landtagswahl wird die AfD freundlich zu allen Ausländern sein“), die Höflichkeitslüge („Natürlich schmeckt mir dieser Nelken-Anis-Kuchen ganz vorzüglich“) sowie die private Lüge („Wo denkst du hin, selbstverständlich habe ich nie jemand anderen geliebt als dich!“). Die bereits angesprochene Höflichkeitslüge ist insofern in ihrem Gebrauch zu rechtfertigen, als dass sie, zumindest bis zu einem gewissen Grad hin, den Kitt unserer Gesellschaft und unserer sozialen Beziehungen bildet. Auch die Notlüge ist, solange sie nicht überhand nimmt, doch nur eine verständliche Reaktion unseres in Bedrängnis geratenen, abwägenden Ichs.</p>
<p>„Du sollst nicht lügen“, pflegte bereits der gute alte Gott zu sagen. Allerdings werden wir im Beichtstuhl wohl kaum in Tränen ausbrechen aufgrund des Märchens vom 20 Kilometer langen Stau auf dem Weg zum Büro, der in Wahrheit nur ein kleiner Schulbus war. Und auch, dass wir das neue T-Shirt unserer besten Freundin als „tollen Kauf“ gelobt haben, obwohl wir Leoparden-Prints eigentlich am liebsten verbieten würden, wird wohl kaum für einen Rosenkranz reichen. Doch wie verhält es sich mit den „größeren“ Lügen, die mit Höflichkeit ungefähr so viel zu tun haben wie Gott mit Pinocchio? Bevor ich zur Beantwortung dieser Frage überschreite, folgt hier noch eine kleine Belehrung, damit Sie später nicht sagen können, ich hätte Sie nicht gewarnt: <strong><em>Bei Angst vor Spoilern und intermedialen Elementen überspringen Sie den folgenden Absatz und konsultieren Sie ihren persönlichen Bibliothekar und Kinematographen</em></strong>.</p>
<p>In der erfolgreichen US-Serie „Breaking Bad“ fängt der krebskranke Chemielehrer und brillante naturwissenschaftliche Kopf Walter White an, in das Geschäft mit Methamphetaminen (umgangssprachlich auch „Crystal Meth“) einzusteigen, um seine an Geldsorgen leidende Familie nach seinem Tod vor der Armutsfalle zu bewahren. Im Verlauf der sechs Staffeln baut Walter vor den Augen seiner Familie ein immer höher werdendes Lügenkonstrukt auf, das sein Schwager von der <em>Drug Enforcement Administration </em>(zu Deutsch: „Drogenvollzugsbehörde“) gegen Ende der Serie schließlich zum Einsturz bringt. „Breaking Bad“ endet nach 62 Episoden voller Lügen mit dem Tod Walters Whites, dem Mord an dessen Schwager und einer traumatisierten, in Armut lebenden Familie. Zu einem ähnlich dramatischen Finale spitzt sich Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“ zu, in dem sich die gleichnamige Hauptperson vor ihrer unerfüllten Ehe in amouröse Affären und teure Einkäufe flüchtet. Als sie am Ende sowohl die Zuwendungen ihrer zwei Geliebten verliert als auch aufgrund der von ihr verursachten Schulden eine Verpfändung ihres Eigentums droht, bringt sie sich schließlich um und lässt einen gebrochenen Ehemann zurück.</p>
<p>Natürlich kann man anmerken, dass es sich bei den angeführten Beispielen um nicht viel mehr handele als um Fiktion in ihrer feinsten Ausführung. Nichtsdestotrotz wird „Madame Bovary“ zu den Vorzeigewerken des französischen Realismus gezählt. Und nichtsdestotrotz beruht „Breaking Bad“ auf einer wahren Geschichte, der eines Chemielehrers aus Alabama. Wenig überraschend: Er trägt denselben Namen wie sein durch Bryan Cranston verkörpertes Konterfei und seit neuestem auch noch einen weiteren Titel: „The real Walter White“. Doch sosehr wir auch Staffel für Staffel, Kapitel um Kapitel dieser wunderbaren Lügen-Reality verschlingen mögen, am Ende werden die Einzelteile des gesprengten Lügenpalastes nicht aus dem Fernseher und nicht zwischen den Zeilen heraus in unser Wohnzimmer brechen. Es bleibt vielleicht ein unangenehmes Gefühl, aber ansonsten wähnen wir uns bestens unterhalten.</p>
<p>Private Lügen, insofern sie nicht in unserem eigenen Umfeld stattfinden, sind also nicht mehr als ein kleines Stück Zuckerwatte, das uns für einen kurzen Moment im Hals stecken bleibt und ein temporäres Unwohlsein auslöst, bevor wir uns weiter an unserer Nascherei erfreuen. Für das private Umfeld jedoch kann ein noch so ausgefeiltes Lügengebilde als Abwandlung von Schneewittchens böser Stiefmutter auftreten, die statt vergifteten Äpfeln vergiftete Zuckerwatte anpreist. Ob man seine Liebsten, deren Vertrauen oder seine Beziehung zu ihnen wirklich einen so kafkaesken Tod sterben lassen will, oder zumindest das Risiko solcher Folgen eingehen will, muss letztendlich jeder selbst entscheiden. Im öffentlichen Leben allerdings kann die vergiftete Zuckerwatte in Form von falschen Wahlversprechen, vertuschter Steuerhinterziehung oder verheimlichten Finanzspekulationen einer gesamten Gesellschaft verkauft werden. Öffentliche Personen in Politik, Finanzen und Recht sollten sich daher ihrer Stellung als Jahrmarktsverkäufer der Nation und ihrer Macht bewusst sein, zwischen Zuckerwatte mit Arsen-Aroma, aufrichtig gebrannten Mandeln und ehrlich gemeinten Liebesperlen für ihre Auslage zu unterscheiden.</p>
<p>Schwierig wird es dann, wenn zwei Jahrmarktsverkäufer miteinander konkurrieren und es zu einem Wettbewerb um die schmackhafteste Wahrheit kommt. Kürzlich veröffentlichte Frankreichs Ex-Première Dame und Journalistin bei der französischen Boulevardzeitung <em>Paris Match</em> einen intimen Schmähroman über ihre Beziehung mit François Hollande. Unter anderem schrieb sie, der Präsident hätte die Armen der französischen Nation entgegen seiner sozialdemokratischen Attitüde als „sans-dents“, als „Zahnlose“, bezeichnet. Hollande streitet dies selbstverständlich vehement ab. Für die Gesellschaft wird es hier allerdings schwer, zu entscheiden, wer uns die vergiftete Zuckerwatte verkaufen will. Ist es Valérie Trierweiler, die eifersüchtige und nach Rache sinnende Exfreundin, die den Ruf des amtierenden Präsidenten zerstören will? Oder ist etwa doch Hollande, der verzweifelt versucht, sein reichlich verknittertes Image mit einer lauwarmen Teetasse und Zuckerwatte, dem neuen Opium fürs Volk, glattzubügeln?</p>
<p>Ich habe einen Albtraum&#8230;einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der es keine Lügen gibt. Ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der man immer ehrlich ist und stets aufrichtig die Wahrheit sagt. Und ich habe einen Albtraum von einer Gesellschaft, in der niemand die Tugend besitzt, die Arete, wie es Aristoteles in seiner Mesotes-Lehre sagt. Die Tugend, die Mitte zwischen frappierender Ehrlichkeit und absurder Schwindelei zu erkennen, sei es nun in Sachen Höflichkeit, Privatleben, Gesellschaft oder Not. Doch was genau diese Mitte ist und wie wir sie finden können, und diese Meinung vertritt auch Aristoteles, muss jeder selbst abwägen.</p>
<p><strong> </strong><em>Bildquelle: Roland Zumbühl, Arlesheim über Wikimedia Commons</em></p>
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		<title>Die Bedeutungsvielfalt des Lesens</title>
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		<pubDate>Sun, 30 Mar 2014 15:59:07 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[ein Essay von Arndt Kröger Es soll ja immer noch Menschen geben, die ab und an zu einem gebundenen Stapel Papier greifen und beginnen, darin herumzublättern. Dann wandert der Blick über Buchstaben, Wörter, Sätze, und Schrift verwandelt sich in Vorstellung. Ach, das Lesen kann so schön sein. Könnte, um genauer zu sein, denn Widerstand regt [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/03/5240830160_cd09df5ff0_o.jpg"><img class="size-medium wp-image-6172 alignleft" alt="SONY DSC" src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/03/5240830160_cd09df5ff0_o-199x300.jpg" width="199" height="300" /></a>ein Essay von Arndt Kröger</em></p>
<p>Es soll ja immer noch Menschen geben, die ab und an zu einem gebundenen Stapel Papier greifen und beginnen, darin herumzublättern. Dann wandert der Blick über Buchstaben, Wörter, Sätze, und Schrift verwandelt sich in Vorstellung. Ach, das Lesen kann so schön sein. Könnte, um genauer zu sein, denn Widerstand regt sich, fast könnte man von antiliterarischen Tendenzen sprechen. Die Kritik am Lesen ist wahrscheinlich genauso alt wie das Lesen selbst, und doch vermag sie, getragen von Digitalisierung und dem steten Passivkonsum von auditiven und optischen Eindrücken, an Konsistenz zu gewinnen.</p>
<p>Was macht das Lesen, dieses mühselige, zeitaufwendige Erfassen von Sprache und Inhalt, überhaupt noch attraktiv oder erstrebenswert? Die Auseinandersetzung mit einem Schriftstück erfordert schließlich ein fast schon überproportional anmutendes Maß an Eigenleistung, ist das überhaupt zumutbar?</p>
<p>Wer liest, der denkt.  Aktives Denken ist beim bewussten Lesen kein optionales Beiwerk, sondern essenzieller Bestandteil, die inhaltliche Erfassung lebt von Eigenständigkeit. Ein Film definiert sich als Medium durch die Vorgabe von Bildern, ein Buch dient nur als Grundlage der Eigenkreativität. Persönlich und flexibel, von Erfahrungen und Ideen ausgehend, entwirft der Leser seine ganz eigene Vorstellung und sein individuelles Verständnis. Situativ vermag so die Literatur, besser zu unterhalten, ohne mit dieser Aussage einen Anspruch auf Pauschalität  erheben zu wollen.</p>
<p>Über die zu erbringende Eigenleistung stolpernd ergibt sich jedoch ein großes Aber: Der Leser kann und sollte sich seine eigene Meinung bilden und vor Augen halten. Geschieht dies nicht, so kann die Schrift, und hinter ihr stehend der Schriftsteller, maßgeblich meinungsbildend wirken, andere Medien vermögen dies zwar ebenso, doch was schwarz auf weiß geschrieben lässt sich oftmals einprägsamer vermitteln. Populistisch versierten Schreiberlingen eröffnen sich umfassende Möglichkeiten, die öffentliche Meinung oder Rezeption von Ereignissen zu beeinflussen. Ohne sich hier in historischen Ausuferungen verlaufen zu wollen, sei lediglich angemerkt, wie oft sich geschriebene Sprache an politischen Umstürzen oder gesellschaftspolitischen Ideologien wie dem Nationalsozialismus beteiligt zeigte, immer daran geknüpft, dass Menschen lasen. Zugegebenermaßen hält sich diese Möglichkeit des Missbrauchs, gerade durch eine stärker vorherrschende, öffentliche Wahrnehmung von Medien, in Grenzen.</p>
<p>Für die Attraktivität des Lesens spricht die Möglichkeit, Entwürfe und Vorstellungen zu erfahren, die weit über die Grenzen unserer Lebenswirklichkeit, seien sie materiell oder immateriell, hinaus reichen. Die imaginären Erlebnisse umfassen Situationen und handeln von Charakteren, die, teilweise aus zeitlich-chronologischen Gründen, in der Surrealität verbleiben. Diese Ermöglichung des Unmöglichen lockt und besitz immenses Anziehungspotenzial. Gegensätzlich dazu verhalten sich Fiktionen, die nonkonforme und unbekannte Handlungsweisen aufzeigen, ebenso wie Irrwege und Abgründe der menschlichen Existenz. Das rege Interesse an solchen Inhalten zeugt entweder vom tendenziellen Hang der Leser, sich an ihrer eigenen Normalität zu ergötzen, oder vom Wunsch, in Ermangelung von realen gesellschaftlichen Identifikationsmöglichkeiten, ein literarisches, der eigenen Persönlichkeit oder Vorstellungen entsprechendes, Spiegelbild zu finden.</p>
<p>Schreiben, Sprechen und Lesen sind Tätigkeiten, mit denen sich täglich auseinandergesetzt wird. Maßgeblicher Effekt dessen: Auch die Sprache veralltäglicht sich, verliert durch einfachen Gebrauch an Komplexität und Vielfalt. Geht man davon aus, dass das Bewusstsein und das Gedankenspektrum lediglich durch die Fähigkeit der Artikulation dieser begrenzt wird, so bestimmt Sprache unser Bewusstsein, bestimmt unsere Identität. Hebt man die Sprache also aus einem rein nützlichen Rahmen und führt sie komplexerer Funktion in einer Lektüre zu, so bereichert und variiert sie maßgeblich den rhetorischen Horizont, nicht zwangsläufig aktiv, bestimmt aber durch passive Einflussnahme. Essenziell dafür ist jedoch der außergewöhnliche thematische Rahmen in seiner Gegensätzlichkeit zur ordinären Normalität.</p>
<p>In dieser ist eine stetige Verschriftlichung eine besorgniserregende Entwicklung. Der Mensch wird im öffentlichen Rahmen zur schriftlichen Erfassung essenzieller Informationen schier gezwungen, Nonverbalität zwecks Effizienz. Bestehende Möglichkeiten zur Kommunikation auf nicht-schriftlicher Ebene werden nicht genutzt, wegrationalisiert, abgeschafft. Zurück bleibt ein Wirrwarr an bruchstückhafter, stichwortartiger Schriftsprache, die mit Eigenständigkeit in der Erfassung nicht, aber auch gar nichts zu tun hat.</p>
<p>Lesen muss entweder als Erlebnis verstanden und erfahren werden, oder aber durch sprachliche Möglichkeiten komplexe Gedankengänge darstellen sowie hervorrufen. Lesen Sie, unbedingt. Romane, Tragödien, philosophische Abhandlungen, sie unterscheiden sich nicht in ihrer Bedeutung. Wann aber der verspätete Zug eintrifft, das  kann man auch den Jemand am Bahnhofsschalter fragen. Pardon, konnte man: Ersetzt durch digitale Anzeigen bietet dieser nur noch Stoff für rankende Legenden.</p>
<p><em>Bild: Mario Spann via flickr.com</em></p>
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