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	<title>derfarbfleck &#187; Kurzgeschichten</title>
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		<title>Perfekt unperfekt</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Mar 2014 14:52:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
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		<description><![CDATA[eine Kurzgeschichte von Cosima Friedle Der Tag, an dem meine Mutter starb, war nicht gerade der beste Tag meines Lebens. Zuerst der Besuch dieses überaus hässlichen Polizisten, mit diesem typischen Es-tut-mir-ja-so-Leid-Blick und seiner betroffenen Stimme. Nach Verkünden der tollen Nachricht nahm er diesen mitleidigen Gesichtsausdruck an, der sagte: Egal, welche Reaktion du jetzt zeigst, es [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/03/trauer-blatt-ed0b66da-a587-4541-bc08-473e4ea7ac4a.jpg"><img class="wp-image-6166 alignleft" alt="trauer-blatt-ed0b66da-a587-4541-bc08-473e4ea7ac4a" src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2014/03/trauer-blatt-ed0b66da-a587-4541-bc08-473e4ea7ac4a-300x225.jpg" width="300" height="225" /></a></em><em>eine Kurzgeschichte von Cosima Friedle</em></p>
<p>Der Tag, an dem meine Mutter starb, war nicht gerade der beste Tag meines Lebens. Zuerst der Besuch dieses überaus hässlichen Polizisten, mit diesem typischen Es-tut-mir-ja-so-Leid-Blick und seiner betroffenen Stimme. Nach Verkünden der tollen Nachricht nahm er diesen mitleidigen Gesichtsausdruck an, der sagte: Egal, welche Reaktion du jetzt zeigst, es ist ok. Es ist völlig ok, wenn du jetzt traurig, wütend, verzweifelt bist. Dafür habe ich Verständnis, damit kann ich umgehen. Doch mit meiner Reaktion konnte er anscheinend doch nicht umgehen. Ich nickte nur kurz, bedankte mich für die Information und schloss die Tür. Meine Stimme war weder belegt noch zitternd oder tränenerstickt, sie war einfach nur vollkommen neutral. Auch das Schließen der Tür war keine trotzige oder wütende Handlung, es war nicht mehr als ein alltäglicher Mechanismus. Nachdem ich mich wieder zurück in mein Zimmer begeben hatte &#8211; das weitere, störende Klingeln des Polizisten ignorierend -, versuchte ich, meine Gefühlslage zu analysieren. War ich traurig oder verzweifelt? Am Boden zerstört oder hatte ich das Ganze noch nicht realisiert? Zu meinem Erstaunen traf nichts von alldem zu. Ich spürte gar nichts. Ich musste nicht weinen, ich bekam keine Schreikrämpfe &#8211; nicht einmal das kleinste Anzeichen von Trauer oder Betroffenheit. Das besonders Erstaunliche war, dass ich generell kein gefühlskalter Mensch war. Bei meinen unzähligen Siegesfeiern und Preisverleihungen hatte ich immer die gesamte Palette gezeigt: Zunächst Schockstarre, dann Verziehen des Gesichtes, in Tränen ausbrechen, lachen, weinen, lächeln, völlig überwältigt den Preis entgegennehmen. Zweifelsohne verwandelte sich diese anfangs noch spontane Reaktion irgendwann in einen abgespulten Mechanismus, doch die Freude war immer echt. Vielleicht war gerade diese Freude das Problem. Bei genauerem Nachdenken stellte ich fest, dass ich noch nie negative Emotionen hatte. Warum auch? Ich hatte eine absolut perfekte Kindheit, war eine Super-Schülerin, alle meine Verwandten waren noch am Leben &#8211; für mich gab es noch  nie Grund zur Traurigkeit. Ich hatte ein perfektes Leben, von vorne bis hinten makellos. Und während ich in meinem Zimmer saß, und völlig unbeirrt weiter meinen Tätigkeiten nachging, schlich sich unbemerkt und leise eine Emotion in meinen Körper. Ganz langsam und unaufhaltsam schlich sie sich durch die Füße in meine Beine, hoch in den Bauch, in die Arme und in den Kopf, bis schließlich auch mein Herz damit erfüllt war. Eine riesige, immense Wut staute sich in mir auf, und sie lief jede Sekunde Gefahr, sich ihren Weg nach draußen zu bahnen und auszubrechen. Ich ging zuerst davon aus, dass sich diese Wut gegen den Polizisten, das Schicksal und die Welt im Allgemeinen richtete. Doch mir wurde schnell klar, dass sie sich etwas sehr Konkretem widmete: Meiner Mutter. Obwohl mir klar war, dass sie für ihren Tod nicht verantwortlich war, dass niemand dafür verantwortlich war, sondern dass es Schicksal war, wurde ich mehr und mehr wütend auf sie. Wie konnte sie es nur wagen, einfach zu sterben und damit meine Perfektion zu zerstören? Ich war von mir selbst geschockt, dass ich in so kurzer Zeit solche Emotionen entwickeln konnte. Als ich jemanden die Tür aufschließen und die Wohnung betreten hörte, packte ich meine Sachen und lief in den Flur. Mein Vater, völlig in Tränen aufgelöst, hatte gerade die Tür hinter sich geschlossen und hatte sichtlich Mühe, nicht zusammenzubrechen. Bevor er etwas sagen konnte, ergriff ich das Wort und sagte: „ Gut dass du da bist, können wir los zum Training?“</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>&#8220;Ist hier noch frei?&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Dec 2013 15:10:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Freundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gerüchte]]></category>
		<category><![CDATA[Gewissen]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Vorurteile]]></category>

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		<description><![CDATA[von Dana Labun  „Ist hier noch frei?“ Ich blinzle verwirrt und schaue nach links. Neben mir steht eine etwas ältliche Frau mit Lachfalten im Gesicht und deutet auf den leeren Platz neben mir. Das Café, in dem sich sitze, ist nicht besonders voll, es ist gerade Mittag und Dutzende Erwachsene stehen an, um sich einen [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Dana Labun <img class="alignright" alt="File:Spiegelung Stuhl im Wasser.jpg" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/cf/Spiegelung_Stuhl_im_Wasser.jpg/398px-Spiegelung_Stuhl_im_Wasser.jpg" width="398" height="599" /></em></p>
<p>„Ist hier noch frei?“<br />
Ich blinzle verwirrt und schaue nach links. Neben mir steht eine etwas ältliche Frau mit Lachfalten im Gesicht und deutet auf den leeren Platz neben mir.<br />
Das Café, in dem sich sitze, ist nicht besonders voll, es ist gerade Mittag und Dutzende Erwachsene stehen an, um sich einen Kaffee mitzunehmen, aber die Sitzplätze sind größtenteils leer.<br />
Ich nicke, nippe vorsichtig an meiner Latte und verbrenne mir prompt die Lippen.<br />
Die Frau neben mir widmet sich mittlerweile ihrem Kuchenstück.<br />
Ich drehe meinen Kopf wieder nach rechts und beobachte die vorbeigehenden Leute – oder vielmehr eine Gruppe von Schülern, die nicht weit entfernt vom Café stehen, das obligatorische Smartphone in der Hand, eingemummelt in Schals, die vage an Autoreifen erinnern und Militärjacken. Ein blondes Mädchen beugt sich gerade lachend nach vorn, sie klammert sich am Arm des Jungen neben ihr fest. Ich verziehe das Gesicht.<br />
„Kennst du sie?“<br />
Erstaunt drehe ich mich zu der Frau neben mir um. Sie sieht mich mit großen, fragenden Augen an und kaut.<br />
„Ähm&#8230;“ Ich überlege. „Ja, schon. Sie sind mit mir auf der Schule. Ich habe nicht besonders viel mit ihnen zu tun, aber das&#8230;will ich auch nicht unbedingt.“ Freundlich ausgedrückt.<br />
„Ah, verstehe.“ Sie lächelt. <i>Bezweifle ich</i>, denke ich und verziehe kurz das Gesicht.<br />
„Aber die Blonde da sieht doch nett aus, oder?“, fragt die Dame weiter.<br />
Ich lache trocken auf. „Ja, es ist nett von ihr, sich so viel mit&#8230;<i>Leuten</i> zu beschäftigen“, rutscht es mir heraus.<br />
Die Frau lächelt- nein, sie grinst regelrecht, und plötzlich weiß ich, dass sie genau verstanden hat, was ich meine, trotz meiner beschönigenden Formulierung.<br />
„Und was genau ist schlimm daran?“ Vielleicht doch nicht.<br />
„Na ja, sie wechselt ihre&#8230;Vorlieben sehr oft-“, versuche ich zu erklären, aber sie stoppt mich. „Na und?“, fragt sie und sieht jetzt ernst aus.<br />
Ich starre sie an. „Ich&#8230;weiß nicht“, sage ich langsam.<br />
„Eben.“ Sie sieht jetzt wieder zufrieden aus.<br />
Ich schlucke peinlich berührt und schaue wieder nach rechts. Irgendein Idiot zeigt gerade Bilder auf seinem Handy herum, die Umstehenden lachen und ich höre fast die abfälligen Kommentare.<br />
„Was ist mit ihm?“ <i>Schon wieder?</i>, denke ich ungläubig und sage, ohne mich umzudrehen, „Er ist ein Idiot, unglaublich arrogant und er hält sich für was besseres und lassen Sie mich raten, jetzt fragen Sie wieder „Na und?““ Ich lächle halb, um es weniger harsch klingen zu lassen.<br />
Sie lacht leise. „Nein, eigentlich nicht, aber schau doch mal.“<br />
Ich runzle verwirrt die Stirn, aber sie deutet nur mit dem Kinn auf die Szene, die sich vor uns abspielt.<br />
Der Junge zieht gerade seine Jacke aus und gibt sie einem Mädchen, das in ihrem dünnen Oberteil sicher friert.<br />
Ich verdrehe die Augen. „Schön, dann ist er vielleicht nett zu seinen Freunden, aber das rechtfertigt nicht, dass er sich gegenüber allen anderen so verhält“, sage ich und versuche nicht einmal, meine Abscheu zu verbergen.<br />
„Das sage ich auch gar nicht“, sagt die Frau ruhig. „Aber war er dir gegenüber irgendwann einmal unfreundlich?“ Ich denke nach. „Nein, eigentlich nicht“, sage ich langsam.<br />
„Warum findest du ihn dann arrogant?“ Ich werde rot, als mir klar wird, dass ich es nicht weiß. Ein paar Gerüchte hier und da, das hatte gereicht. Ich hatte nie groß darüber nachgedacht.</p>
<p>Zu meiner Erleichterung blieb sie diesmal still.</p>
<p>„Warum fragen sie das alles?“, frage ich schließlich.<br />
Sie lächelt geheimnisvoll. „Ich finde nur, dass man Leute nicht verurteilen sollte. Erstens kennt man die meisten dazu nicht gut genug und zweitens geht es einen nichts an.“<br />
<i>Sie hat Recht</i>, realisiere ich und starre die Tasse vor mir an, bevor ich einen Schluck daraus nehme.<br />
Ich will mich gerade umdrehen und zum Sprechen ansetzen, als mich eine Stimme stoppt.<br />
„Ist hier noch frei?“<br />
Neben mir steht ein Mädchen in meinem Alter und deutet lächelnd auf den leeren Platz neben mir.</p>
<p><em>Foto: Simon Eugster, Wikimedia Commons</em></p>
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		<title>Die Künstlerin</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Dec 2013 21:17:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Klavierspielerin]]></category>
		<category><![CDATA[Konzert]]></category>
		<category><![CDATA[Kreativ]]></category>
		<category><![CDATA[Künstlerin]]></category>

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		<description><![CDATA[von Dana Labun Nur heute noch, ein exklusives Konzert, für die Reichsten, Kultiviertesten, und bringen Sie doch bitte einen Fächer mit, es wird eine große Menschenmasse erwartet. Die Farben strömen in den Saal, verklebt und starr von all den Tönen, die bereits hier widerhallten, oder doch glatt poliert? Denn das Lachen der durchaus anschaulichen Damen erscheint mir glänzender und [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><img class="size-medium wp-image-5874 alignleft" alt="Schnelldampfer &quot;Europa&quot;, Ballsaal" src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2013/12/Bundesarchiv_Bild_102-09253_Schnelldampfer_-Europa-_Ballsaal-300x206.jpg" width="300" height="206" /></p>
<p style="text-align: left;"><em>von Dana Labun</em></p>
<p style="text-align: left;">Nur heute noch, ein exklusives Konzert, für die Reichsten, Kultiviertesten, und bringen Sie doch bitte einen Fächer mit, es wird eine große Menschenmasse erwartet.</p>
<p style="text-align: left;">Die Farben strömen in den Saal, verklebt und starr von all den Tönen, die bereits hier widerhallten, oder doch glatt poliert? Denn das Lachen der durchaus anschaulichen Damen erscheint mir glänzender und perlender, und schmeichelt die Weste dem Herren dort drüben nicht ungemein?</p>
<p style="text-align: left;">Die Diener und Kellner huschen durch den kerzenlichtdämmrigen Raum, ein<br />
Glas Champagner, Mademoiselle? Oh, herzlichen Dank, überaus freundlich.<br />
Dezent pusten die Diener einzelne Kerzen aus, aller Augen richten sich auf<br />
den glänzenden, einsamen Flügel am Ende des Saals.</p>
<p style="text-align: left;">Nehmen Sie bitte Ihre Plätze ein, die Künstlerin kommt gleich,</p>
<p style="text-align: left;">Augen beginnen zu leuchten und das Flüstern wird leiser.</p>
<p style="text-align: left;">Eine wahrhaftig große Künstlerin soll sie sein, schallt es durch den<br />
Raum, ich hörte, sie sei jung? Nein, nein, schon beinahe eine Greisin,<br />
doch noch immer brillant.</p>
<p style="text-align: left;">Der ganze Saal ist dunkel, nur neben dem Flügel steht eine einzelne,<br />
weiße Kerze, das Wachs rinnt schon hinunter, sie ist alt.</p>
<p style="text-align: left;">Die Künstlerin tritt auf die Bühne, doch man nimmt nur eine Bewegung im<br />
Schatten wahr.<br />
Sie liegt im Dunkeln, selbst als sie am Flügel sitzt und das Schaben des<br />
Hockers über das teure Parkett das einzige Geräusch im Saal ist.</p>
<p style="text-align: left;">Als sie anfängt zu spielen, ziehen alle erschrocken die parfümgetränkte<br />
Luft ein. Das ist wahre Virtuosität, flüstern sie, und wahrhaftig, die<br />
C-Dur-Tonleiter, die die Künstlerin zum Besten gibt, ist ein Beispiel an<br />
Disziplin und Übung, die Töne so sanft gespielt und auch so voll,<br />
genießerisch schließt eine Dame in der vordersten Reihe die Augen.<br />
Himmlisch, wie zart, wie wunderschön, hört man die Leute im Raum wispern.</p>
<p style="text-align: left;">Niemand bemerkt das Wachs, das die Kerze hinunterrinnt, direkt auf den Fuß<br />
der Künstlerin. Als das heiße, flüssige Wachs ihre Haut berührt,<br />
kreischt sie auf, und die Tonleiter bricht abrupt ab. Mit einer Lampe eilen<br />
zwei Diener nach vorne, und endlich, endlich, sieht man das Gesicht der<br />
Künstlerin.</p>
<p style="text-align: left;">Sie ist weder Kind noch Greisin, die gerade Haltung passt nicht zu den<br />
Falten in ihrem Gesicht, die Augen sind zu jung für die schrumpeligen<br />
Hände.<br />
Sie schreit, weil sie brennt.</p>
<p style="text-align: left;">Ja tatsächlich, sie brennt, niemand weiß wieso, aber ist das wichtig? Die<br />
Gesellschaft starrt sie an, mit geöffneten Mündern und leeren Augen, bis<br />
die Hitze unerträglich wird und die Farben wieder aus dem Saal strömen;<br />
der Saal wird grau und leer zurückgelassen.</p>
<p style="text-align: left;">Die Damen und Herren sind begeistert, das Konzert war großartig, dieser<br />
Ausdruck, ganz exquisit!</p>
<p style="text-align: left;">Und doch, die Klavierspielerin brannte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em> Bild: Fotograf unbekannt; BArchBot über Wikimedia Commons</em></p>
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		<title>Die Überraschung</title>
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		<pubDate>Tue, 12 Nov 2013 16:32:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte Geburtstag Überraschung]]></category>

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		<description><![CDATA[eine Kurzgeschichte von Victoria Lohmann Es war ein sonniger Frühlingstag. Er saß an seinem Schreibtisch und war schlecht gelaunt. Dieser sonnige Tag war eine Frechheit. Die ganze Welt müsste verregnet und düster sein an so einem grauenvollen Tag, dachte er bei sich. Auf einmal klingelte es an der Tür. Er ging zur Wohnungstür, um die [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><em>eine Kurzgeschichte von Victoria Lohmann</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em></em><a href="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b6/Ittingen_Tisch.JPG"><img class="alignright" alt="Datei:Ittingen Tisch.JPG" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/b6/Ittingen_Tisch.JPG/400px-Ittingen_Tisch.JPG" width="224" height="307" /></a></p>
<p style="text-align: justify;">Es war ein sonniger Frühlingstag. Er saß an seinem Schreibtisch und war schlecht gelaunt. Dieser sonnige Tag war eine Frechheit. Die ganze Welt müsste verregnet und düster sein an so einem grauenvollen Tag, dachte er bei sich.</p>
<p style="text-align: justify;">Auf einmal klingelte es an der Tür. Er ging zur Wohnungstür, um die Gegensprechanlage des großen Mehrparteienhauses zu bedienen.<br />
Es knisterte in der Leitung. Nicht gerade freundlich fragte er, wer denn da bitte sei und warum er ausgerechnet am Mittag störe. Eine ihm von der Stimme her irgendwie bekannte Frau antwortete ihm, sie störe nicht gerne, habe aber ihren Schlüssel vergessen und müsse nun ins Haus. Er war kein schlechter Mensch, nur schlecht gelaunt, deshalb machte er ihr &#8211; wenn auch etwas widerwillig &#8211; die Tür auf.</p>
<p style="text-align: justify;">Danach setzte er sich zurück an seinen Schreibtisch, um weiter zu arbeiten. Er war froh, endlich seine Ruhe zu haben, als im Treppenhaus ein Tumult losbrach. Mehrere Menschen liefen hin und her und redeten freudig miteinander. Erfreut war er zwar nicht darüber, sagte aber erstmal nichts. Nach kurzer Zeit wurde es ihm allerdings zu bunt und er fing an, wie ein Irrer gegen die Wand zu hämmern und um Ruhe zu schreien. Und tatsächlich es wurde ruhiger. Der Mann konnte Lärm einfach nicht ausstehen, vor allem nicht an solch einem Tag.<br />
Nun war er wirklich sauer, besann sich aber und fing wieder an zu arbeiten. Jetzt war es allerdings um seine Konzentration geschehen und er ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Vom Küchentisch aus hatte er eine gute Sicht über die Straße: Er sah, dass sich vor dem Haus eine kleine Menschenmenge angesammelt hatte. Doch war er von Natur aus kein besonders neugieriger Mensch, deshalb wunderte er sich kurz, beließ es aber dabei.</p>
<p style="text-align: justify;">Plötzlich vernahm er ein Klingeln in der Wohnung über ihm. ,,Oh nein&#8221;, dachte er noch und dann fing auch schon in der Wohnung über ihm der Hund an zu bellen. Er wusste, wenn dieser Hund anfing zu bellen, dann hörte er nie wieder auf. Der Mann, der sich eigentlich soweit wieder beruhigt hatte, wurde richtig wütend und stürmte auf den Flur hinaus.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach weiteren fünf Minuten bellte der Hund immer noch, aber der Mann bekam schon nichts mehr davon mit, weil er bereits im Hausflur stand und sich tierisch freute: seine Freunde und Verwandte hatten seinen Geburtstag nämlich nicht &#8211; wie erst angenommen &#8211; vergessen, sondern eine Überraschungsfeier geplant. Als er nämlich auf den Gang getreten ist, ist er beinahe in seinen besten Freund gerannt. Es brauchte einen kurzen Moment, bis er begriff, aber dann brach er in Gelächter aus und seine Freunde fingen an zu singen.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Foto: Wikimedia Commons</em></p>
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		<title>Warten</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/06/09/warten/</link>
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		<pubDate>Sun, 09 Jun 2013 09:08:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Glück]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kurzprosa]]></category>
		<category><![CDATA[Lotto]]></category>
		<category><![CDATA[Träume]]></category>
		<category><![CDATA[Warten]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[von Leonie Töpert „Heute werde ich gewinnen, 13 ist meine Glückszahl. Heute werde ich gewinnen. Ja, da bin ich mir ganz sicher. Heute wird alles anders…&#8221;. Mit diesen Gedanken lief Herr Q. nach Hause. Dort angekommen warf er einen Blick auf die Uhr, schaltete den Fernseher ein und wartete. Erst lief eine Soap, danach eine [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft" title="Warten" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d5/Bundesarchiv_Bild_183-1984-1419-014%2C_Berlin%2C_Weltzeituhr_am_Alexanderplatz.jpg" alt="" width="349" height="480" /></p>
<p style="text-align: justify;"><em>von Leonie Töpert</em></p>
<p style="text-align: justify;">„Heute werde ich gewinnen, 13 ist meine Glückszahl. Heute werde ich gewinnen. Ja, da bin ich mir ganz sicher. Heute wird alles anders…&#8221;. Mit diesen Gedanken lief Herr Q. nach Hause. Dort angekommen warf er einen Blick auf die Uhr, schaltete den Fernseher ein und wartete. Erst lief eine Soap, danach eine Dokumentation und anschließend die Nachrichten. Von Minute zu Minute wurde er nervöser. Er konnte es kaum mehr erwarten und wünschte sich, die Nachrichten mögen schneller vorbei sein. Das Weltgeschehen interessierte ihn nicht sonderlich &#8211; eigentlich interessierte ihn überhaupt sehr wenig, die meiste Zeit verbrachte er mit Warten. Warten und Hoffen. Und dann, endlich! Endlich waren die Nachrichten vorbei, jetzt nur noch das Wetter. Das Wetter interessierte ihn auch nicht. Wozu auch? Die meiste Zeit war er im Auto oder wartete. Er rieb sich die Hände, stand auf und ging im Kreis herum. Beim Ausfüllen des Scheins hatte er diesmal ein besonders gutes Gefühl gehabt. Die Zahlen waren ihm förmlich zugeflogen. Er schaute sich in der kleinen Wohnung um. Bald schon würde er hier weggehen können. Dieser Schein würde sein Leben verändern. Er konnte es fühlen.</p>
<p style="text-align: justify;">Endlich! Die Losung. Er setzte sich auf die Couch, die Augen auf den Bildschirm gerichtet und wartete. Die erste Kugel rollte aus dem Behälter. Es war die 13. Herr Q. hatte auch eine 13 angekreuzt. Nun war er noch angespannter. Die zweite Zahl rollte aus dem Gefäß. 45. Auch eine 45 hatte angekreuzt. Jetzt war er sich fast sicher, dass er gewinnen würde. Es war Schicksal, anders konnte es gar nicht sein. Seine Handflächen schwitzten, er war ganz nah am seinem Ziel. Die dritte Zahl kam zum Vorschein. Er ließ die Schultern hängen. Es war die Sieben. Er hatte keine Sieben angekreuzt. Vielleicht war heute noch nicht der Tag, an dem sich alles ändern würde. Vielleicht würde es morgen soweit sein. Aber vielleicht… vielleicht hatte er aber auch die anderen Zahlen richtig. Vielleicht würde dieser Schein sein Leben doch verändern. Ja, so musste es sein. Er hatte lange genug gewartet. Gewartet, dass sich etwas verändern würde, dass er ein neues Leben beginnen konnte, weg von der gleichen langweiligen Arbeit, von den gleichen ausdruckslosen Gesichtern. 23. Er heulte frustriert auf. Nicht schon wieder. Nicht noch so eine Enttäuschung. Er wartete schon seit über drei Jahren auf die Veränderung. Und jedes Mal… aber morgen, morgen würde er es bestimmt schaffen. Morgen würde der Lottoschein sein Leben verändern und er würde endlich das tun können, was er schon immer tun wollte. Er wusste zwar noch nicht, was das war, aber, wenn er fertig mit dem Warten war, würde er sich Gedanken darüber machen können. Doch nicht jetzt. Er muss bis zum nächsten Morgen warten, damit er zum Kiosk fahren und einen neuen Schein, diesmal den, der sein Leben verändern wird, holen konnte. Und dann würde er warten bis es Abend war und der Wetterbericht zu Ende . Und dann, dann würde sein Leben anders sein. Aber jetzt musste er erst mal eine Sache erledigen: Warten.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Bildquelle</em>: By German Federal Archives/Deutsches Bundesarchiv  (own work), (CC-BY-SA-3.0(http://www.wikimediacommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)), via Wikimedia Commons.</p>
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		<item>
		<title>Eine Szene aus den Tuileries</title>
		<link>http://www.derfarbfleck.de/old/2013/02/06/eine-szene-aus-den-tuileries/</link>
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		<pubDate>Wed, 06 Feb 2013 19:34:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[derfarbfleck]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Freigeist]]></category>
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				<content:encoded><![CDATA[<p lang="de-DE"><img class="alignleft" title="Tuileries" src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8c/Tuileries_02.jpg?uselang=de" alt="" width="576" height="384" /></p>
<p lang="de-DE">Eine Kurzgeschichte von Lea Frauenknecht</p>
<p lang="de-DE">Als die Dame das Café betrat, das in einem der beengten Pariser Hinterhöfe verborgen lag, wurde es augenblicklich so still, als hätte jemand auf die Stumm-Taste eines Fernsehers gedrückt. Kurz zuvor hatte man noch das beruhigende Summen vernommen, das von jedem einzelnen der barocken Rundtische drang. In der Küche hatte die Aushilfskellnerin unbeholfen mit den Untertassen geklappert, die sie gerade in die für ein solches Café viel zu kleine Spülmaschine einsortierte und aus der Milchdüse der Kaffeemaschine war röchelnd der Schaum in eine Tasse doppelten Café au Lait gelaufen. Ein ganz normaler Mittwochnachmittag im Pariser Arrondissement <em>Tuileries</em>. Und nun hatte vor wenigen Sekunden zuerst die Türglocke auf einem zweigestrichenen „A“ gescheppert und wenig später war diese Frau eingetreten. Sie hies Catherine Dauphin, war in ihren Fünfzigern und mindestens ebenso alltäglich wie ihr Name. Ihre schulterlangen Haare, deren Farbe an einen Ritterhelm aus dem Mittelalter erinnerten, waren zu einem überaus braven Seitenscheitel gekämmt und statt der zur Zeit modisch angesagten Seidenleggins trug sie beige Stützstrümpfe, die mit ihrem kokosschalenfarbenen Kleid zu einem einheitlich hellen Braunton verschwammen. Um den schlanken Hals, an dem keinerlei unliebsame Leberflecken zu sehen waren, trug sie ein Collier aus hellen Perlen, das mit Sicherheit sehr teuer gewesen war. Swarovski vielleicht. Oder war es etwa doch ein Unikat aus einem der exklusiven Bijouterien am Rand des <em>Bois de Boulogne</em>? Ihr Gesicht jedoch war nicht etwa mit briefmarkenbreiten Furchen gespickt, wie man es bei vielen ihrer Altersgenossinnen sehen konnte. Es waren vielmehr kleine Rillen, etwa wie die Rillen im Bürgersteig entlang des <em>Quai de la Seine</em>, wenn schon dutzende Bouquinisten an eben jener Stelle ihre mit Büchern überladenen Stände platziert hatten. Nur wer ganz aufmerksam den Teil ihrer linken Wange beobachtete, der schon fast an den linken Nasenflügel grenzte, der konnte dort eine winzige weiße Narbe entdecken, die sich an eben dieser Stelle entlangschlängelte. Nur dass keiner der nun neugierig in ihre Richtung starrenden Café-Gäste diese Narbe noch sorgfältig auf ihrem Gesicht suchen musste, um sie letztendlich zu finden. Sie war ihnen oft genug in mindestens fünffacher Größe gezeigt worden, in der Pariser Morgenpost etwa, oder in den Fünf-Uhr-Nachrichten am Nachmittag. Jeder einzelne der Café-Besucher kannte die Geschichte, die sich geheimnisvoll hinter dieser Narbe auftat. Sie kannten sie nicht nur, wie man den eigenbrötlerischen Nachbarn zwei Häuserblocks weiter kannte, nein, sie kannten sie bis in ihre mikrometrische Details. Und auch Catherine Dauphin kannte sie nur allzu gut.</p>
<p lang="de-DE">Aufgrund einer erst recht spät diagnostizierten Fehlbildung ihres Nervenzellenstamms hatte die Pariser Floristin erst vor wenigen Wochen noch schlaflose Nächte im Pariser Stadtkrankenhaus verbracht, die sie sich mit Lektüren über Dahlien, russische Tundra-Rosen und pelziges, lila Heidekraut vertrieb. Gleichzeitig hatten die Ärzte der Klinik ebenso viele schlaflose Nächte verbracht, die Ohren hoffend an die Hörmuschel des Krankenhaus-Telefons gepresst, um nach einem toten Organspender zu fanden, dessen Nachkommen bereit waren, seinen Nervenzellenstamm bereitzustellen. Ein paar Tage zuvor war die Frau eines berühmten Chanson-Sängers namens Frédéric Delacourt, der öfters Konzerte in den Tuilerien gab, bei ihrem Urlaub in der italienischen Po-Ebene tödlich verunglückt, als ihr ein betrunkener Paparazzi, der sie für Drew Barrymore hielt, ein Pizza-Rad mitten ins Herz rammte. Dadurch wurde die Herz-Kreislauf-Funktion der guten Frau zwar dementsprechend beeinträchtigt, nicht jedoch ihr zu dieser Zeit noch kerngesunder Nervenzellenstamm. Und da Frédéric Delacourt stets eine sehr großzügige Pariser Berühmtheit gewesen war, der ein Viertel seiner Konzerteinnahmen an eine Hilfsorganisation spendete, die sich leukämiekranken Kindern im Nord-Pais-Du-Calais annahm, dachte er an den Eindruck, den er damit bei der Pariser Öffentlichkeit schinden könnte und spendete den Nervenzellenstamm seiner Frau an Madame Catherine Dauphin. Jene war nun nach dem minutenlangem Schweigen, das immer noch wie ein schottischer Nebelschleier das Café bedeckte, und den prüfenden Blicken, die sie von ihren Stützstrümpfen bis zu ihrem linken Seitenscheitel genaustens abtasteten, gerade im Begriff, die Türglocke eines zweites Mal innerhalb von wenigen Minuten auf ihrem schiefen „A“ scheppern zu lassen, als sich das von den barocken Rundtischen ausgehende Brummen wieder erhob. Die Hilfskellnerin fuhr fort, nun einen Stapel von Kuchenkrümeln verklebter Teller in die Spülmaschine zu ordnen, die immer noch viel zu wenig Platz bot für ein Café dieser Größe, und die Milchdüse bereitete nach einer kleinen Pause schon wieder röhrend Schaum für den nächsten doppelten Café au Lait auf. „Was soll&#8217;s?“, wandte sich nun auch Dominique in genau diesem Moment an seinen Freund Remy, „in einer Woche werden wir schon wieder über ganz andere Dinge reden.“ Und damit hatte er wohl den Gedanken aller Café-Besucher ausgesprochen.</p>
<p lang="de-DE"><em>Bildquelle: By Ryan S B (Own work), (CC-BY-2.0(http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)), via Flickr and Wikimedia Commons</em></p>
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		<title>Das Fest</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Dec 2012 10:06:44 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
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		<category><![CDATA[Kommerzialisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik]]></category>
		<category><![CDATA[Weihnachten]]></category>

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		<description><![CDATA[von Benjamin Skulec Es ist wieder einmal soweit. Nun gibt es kein Entkommen mehr. Am Morgen des 1. Dezember lief der letzte Rest Sand aus dem Glas, zum ersten Mal von Zilliarden Malen. „Last Christmas“ lief im Radio. Wir alle stehen auf der Türschwelle in die Vorweihnachtszeit, die Vorhölle bereits hinter uns. Als kritischer Betrachter [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><a href="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2012/12/Advent_4_Kerzen.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-4846" title="Advent_4_Kerzen" alt="" src="http://www.derfarbfleck.de/old/wp-content/uploads/2012/12/Advent_4_Kerzen-300x202.jpg" width="300" height="202" /></a>von Benjamin Skulec</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist wieder einmal soweit. Nun gibt es kein Entkommen mehr.</p>
<p style="text-align: justify;">Am Morgen des 1. Dezember lief der letzte Rest Sand aus dem Glas, zum ersten Mal von Zilliarden Malen. „Last Christmas“ lief im Radio. Wir alle stehen auf der Türschwelle in die Vorweihnachtszeit, die Vorhölle bereits hinter uns. Als kritischer Betrachter kann man in dieser Zeit am Ende jeden Jahres einige interessante Naturschauspiele beobachten, wenn man Pech hat sogar miterleben.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Fest der Liebe steht bevor, es herrscht Anarchie in den Einkaufsstraßen. Passanten rennen um ihr Leben, kämpfen darum nicht vom Pulk totgetrampelt zu werden. Das Einkaufszentrum mutiert vom Ort der Entspannung und der inneren Einkehr zum Epizentrum des Chaos.</p>
<p style="text-align: justify;">Langsam nähert sich der Mann im Ledermantel mit Fedorahut dem letzten Exemplar des großen „LEGO Indiana Jones Tempel“. Er zieht einen kleinen Sack mit Sand aus der Tasche, schätzt das Gewicht des begehrten Objektes ab, adjustiert die Menge des Sandes nach und tauscht die beiden in einer flüssigen Bewegung aus. Alles ist ruhig. Zu ruhig.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ertönt ein hässlich trockenes Knacken, der Mann mit Hut sackt stöhnend zusammen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Anderer mit militärisch anmutender Scheitelfrisur, dessen Pony etwas hochgegelt ist, lässt lächelnd den Baseball-Schläger sinken, schnappt sich den Bausatz und rennt los, verfolgt von einer Horde irre schreiender Einkäufer.</p>
<p style="text-align: justify;">Anderer Schauplatz, dieselbe Blasphemie. Es ist eine stinknormale Siedlung, die Lichter in den Fenstern, die Dekoration in den Vorgärten strahlen friedliche Festlichkeit aus. Der goldene Lichtschimmer trügt.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie viele blutige Nachbarschaftskriege wurden bis zum letzten Familienmitglied geführt, weil Müllers Haus auch dieses Jahr wieder hübscher glomm?</p>
<p style="text-align: justify;">Feuerwehr und Krankenwagen fahren Dauereinsätze.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie knallt die Haustür zu, dreht den Schlüssel zweimal und zieht mit letzter Kraft die Kommode davor. Sie rennt ins Bad, lässt die Tasche achtlos fallen, reißt sich Mantel und Pullunder vom Körper. Sie wäscht das Blut ab. Die Bisswunde ist tief, das Rasierwasser des Freundes muss dran glauben um das Ganze zu desinfizieren. Nachdem sie die Blutung gestoppt hat, fällt ihr ihre Einkaufstasche wieder ein. Sie sieht nach was sie erbeutet hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine sinnlose Technik-Spielerei, selbstverständlich für den Freund. Funktionsunterwäsche für Oma, ein kleiner Lego-Bausatz für den Neffen. Sie lässt sich gegen den Waschtisch sinken, Tränen laufen ihr sturzbachartig aus den Augen.</p>
<p style="text-align: justify;">Morgen wird sie sich wieder hinauswagen müssen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Stromausfall. Der Lichtkegel einer Taschenlampe huscht über die Wände der steilen Treppe, welch hinauf auf den alten Speicher führt. Geradezu klischeehaft knarzend öffnet sich die Tür, der kleine Finger aus gelblichem Licht tastet über verhangene Möbel, blinde Spiegel und Kisten, welche hauptsächlich Staub enthalten. Sie kämpft sich bis ganz hinten durch und bleibt vor einem uralten Schubladenschrank stehen. Langsam geht sie auf die Knie, sieht sich dabei nervös um, ganz so als könnte man sie bei etwas Verbotenem ertappen.</p>
<p style="text-align: justify;">Blind tastet ihre Hand im Staub unter dem Schrank herum, bis sie sich endlich um einen kleinen, vom Staub verborgenen Gegenstand schließt. Der alte Schlüssel passt, doch die Schublade klemmt ein wenig. Sie zieht etwas heftiger und mit Schwung rutscht aus dem unbekannten Dunkel ein dickes Buch mit einem Kreuz darauf gegen den Rand der Schublade.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist die Zeit der Besinnung.</p>
<p style="text-align: justify;">Soll heißen, man kramt etwas, was einen das ganze Jahr lang einen feuchten Schafs- ach, sie wissen schon- interessiert hat aus den hintersten und verstaubtesten Ecken hervor und tut so, als wäre man die ganze Zeit über voll dabei gewesen.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch der Höhepunkt all dessen steht erst noch bevor.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist der Morgen jenes ganz besonderen Tages. Eine endlose Prozession schleppt sich träge durch die in Trümmern liegenden Straßen. Die Gestalten tragen feine Kleidung, die jedoch nicht über die Blessuren der letzten Zeit hinwegtäuschen kann. Von allen Seiten strömen sie der unzerstört gebliebenen Kirche zu, treffen sich dort. Sie invasieren das Haus Gottes und hoffen dort Vergebung für die Sünden, die sie auf sich luden, zu finden.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch alles was sie bekommen werden,</p>
<p style="text-align: justify;">ist Zeug das sie schon haben, nicht wollen und im blödesten Fall sogar beides zusammen.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Bildquelle: By Elmar Ersch (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons</em></p>
<p style="text-align: justify;"><em> </em></p>
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